MATTHÄUS-PASSION | KÖLNER PHILHARMONIE
COLLEGIUM VOCALE GENT | PHILIPPE HERREWEGHE

Foto: JH
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Matthäus-Passion JSB |P. Herreweghe | Collegium Vocale Gent |Philharmonie Köln

Gehört - Gesehen - Gefühlt und Theologisch betrachtet

Text (nach Originalzitat Bach auf der Seite der Originalpartitur):
„Poesie per Dominum Henrici alias Picander dictus“
sprich Heinrich Picander
Eine Werk auf Grundlage des Matthäusevangeliums und von Predigttexten mit deutlichem Bibelbezug zum Alten und Neuen Testament. Eine klingende Predigt.

Schon Rainer Maria Rilke staunte über die „wahren Schmerzgebirge“. Doch es ist viel mehr in dieser zeitlosen Passionsmusik.

Zwei Chöre, zwei Orchester, zwei Basso Continui und fast drei Stunden Musik. In historischer Aufführungspraxis.

Gleich zu Beginn „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ wird im 12/8 Takt Weg und Ton der Passion angegeben. E Moll unterstreicht den berührend -warmen Charakter. Ein Kreuz ist gleichsam symbolisch vorgezeichnet
Ein Meer an ruhiger Polyphonie. Und die Aufforderung gesungen: „seht unsre Schuld, auf unsre Schuld.“ das ist unbequem für die Hörenden. Über allem zentrisch gesetzt der Choral „O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet.“ (Nikolaus Decius - 1523 - nach dem altkirchlichen Agnus DEI) Dieser Chor ist universal und transzendierte Ewigkeit.

Die Solisten durchweg großartig in ihrem Facettenreichtum der Traurigkeit. Ganz vorn steht dabei Alex Potter (Countertenor) mit der Alt-Arie „Erbarme dich“, als sanfte Reaktion auf die Verleugnung Petri.
Das Weinen und Klagen wird insbesondere in den Seufzermotiven, betont. Grace Davidson‘s Gesang wird in „Er hat uns allen wohlgetan“ und „Aus Liebe will mein Heiland sterben.“ zum emotionalen Höhepunkt des Passionsgeschehens. Und Johanna Ihrig sang schlicht und einfühlsam die Arie „Blute nur, du liebes Herz.“

Guy Cutting lehrte das ausverkaufte Haus zu hören. In seiner Art die entscheidendenden Stellen als Evangelist pianissimo zu gestalten. Bravo.

Die Choräle als Ruhepunkte der Zuhörenden. Mehrere Male der Paul Gerhardt Choral als Klammer „ O Haupt voll Blut und Wunden“. Ein gemeinsames Atmen bei den Hörenden war zu spüren. Höhepunkt: „Wenn ich einmal soll scheiden“ in ergreifender Schlichtheit.
Und ein „Ich will hier bei dir stehen“ als geformtes Bekenntnis.

Mit viel Zuversicht und Freude war zu hören: „Was mein Gott will g‘scheh allzeit“. Was gäbe es Schöneres zu singen?

Und bei „Lass ihn kreuzigen“, dem kürzesten Teil des Werkes, stehen am Ende 7 Kreuze, also Cis-Dur. Höchststrafe ist der Wille des Volkes. Zweimal gesungen. Danach eine Pause gesetzt vor dem Choral „Wie
wunderbarlich ist doch diese Strafe.“ Mehr Dichte geht nicht.

Das Orchester in fein ziselierter Detailarbeit mit schwebenden Passagen. Insbesondere bei der Begleitung der Solisten. Vollkommen überzeugend. Und mit einer besonders ausgefeilten Dynamik.

Am Ende: „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ im 3/4 Takt. Mit hoher Leichtigkeit und tiefem Ernst. Doch Schmerz und alle Dissonanzen lösen sich in Hoffnung auf. „Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.“ Dieser Passage im Mittelteil des Abschlusschores darf man zuhören und sie leben.

Die gekonnte Setzung musikalischer Kontraste blieb Deutungsprinzip einer grandiosen Aufführung. Insgesamt eine emotional-feine Durchhörbarkeit dieses Werkes. In Form, Dynamik und rhythmischer Gestaltung. Die Tempi angemessen und stringent. Und immer mit musikalischer Dramatik gesetzte Wechsel.

Philippe Herreweghe, der Grandseigneur historischer Aufführungspraxis, Jesuitenschüler und Lutherkenner erwies sich als Maestro seiner Zunft. Mit wohlüberlegten und minimalistischem Dirigat, das allerdings auch wegging vom Pult - direkt vor das jeweilige Orchester. Es war zu hören der Mont Blanc der Passionsmusiken.

Es bleiben Fragen. Wieviel Distanz, ja Dissonanz entstehen bei einer Aufführung im säkularen Rahmen einer Kölner Philharmonie? Dadurch wird der „säkulare Glaube“, nicht der christliche gefördert (Robert Traer). Gut so. Doch bei wem? Und wird dadurch angemessen mit einem religiösen Analphabetismus umgegangen? Braucht es dazu vielleicht doch den sakralen Raum? Und. Woher kommt das Geheimnisvolle und Unaussprechliche der heiligen Stimmung?

Nein - auch nach über 60 Jahren Hörens von Passionsmusiken: Mein höchster Beifall blieb im Herzen und still. Denn. Ich hoffe darauf, dass gerade in der Schönheit dieses Werkes GOTT neu kommt zu den Menschen, in freier Wahl zwischen Glauben und Nichtglauben. Oder wieder glauben, neu und tiefer, in einer existenziellen Wahl. Denn GOTT kommt als Fremder und er stellt die Frage, ob Menschen ihm freundlich begegnen.

Mitwirkende:
Guy Cutting Tenor (Evangelist)
Florian Bösch Bass (Jesus)
Philipp Kaven Bass (Pilatus)

Grace Davidson Sopran
Johanna Ihrig Sopran

Alex Potter Countertenor

Benno Schachtner Altus

Samuel Boden Tenor
Florian Sievers Tenor

Florian Störtz Bariton
Mikhail Timoshenko Bariton

Collegium Vocale Gent
Philippe Herreweghe Dirigent

Foto: JH
Autor:

E.F. Johannes Haak

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