»Bitte segnen Sie uns doch«

Mittendrin: Vorbei an Polizei-Absperrungen – Pastorin Ulrike Polster (links) und Superintendent Johannes Haak mit dem Vortragekreuz.
  • Mittendrin: Vorbei an Polizei-Absperrungen – Pastorin Ulrike Polster (links) und Superintendent Johannes Haak mit dem Vortragekreuz.
  • Foto: Kai Mudra/Thüringer Allgemeine
  • hochgeladen von Adrienne Uebbing

Themar: Über einen ungewöhnlichen Pilgerweg

Von Johannes Haak

Eine Idee von Arnd Morgenroth, Pfarrer i. R. aus Themar: »Geht doch einen Pilgerweg.« Ich war skeptisch. Doch wir gingen. Stündlich, am Sonnabend, ab 12 Uhr, zogen wir – vornweg das Vortragekreuz. Von der Friedhofskirche zum Stadttor. Über den Fußgängerübergang. Dort war erste Pilgerstation. An einem alten großen Steinkreuz. Miteinander beteten wir: »Herr, unser Gott, stärke die Menschen, die sich für Mitmenschlichkeit einsetzen.« Und von dort der Weg auf die Bündniswiese. Zum Altar. Gegenüber dem Gelände des Rechtsrockkonzertes. Auf dem viele, Tausende Menschen zusammengekommen waren.
Es war laut. Wir hörten die Hassreden. Das Schreien und Grölen klang in meinen Ohren. Mein Gott – dachte ich, was hast du dir dabei gedacht? Wir waren nur so wenige. Manchmal nur eine Handvoll. Und pilgerten zum kleinen Altar mitten auf die Wiese. Vorbei an den Polizisten. Und manchmal auch neugierigen, spöttischen Blicken. Und fragenden Augen? Was soll das? Was machen die da? Ist das etwa Pegida? Oh nein, dachte ich. Jetzt werden wir auch noch verwechselt. Oder: »Ihr Scheiß-Christen mit euren Kreuzzügen. Ihr habt ja nicht mehr alle.«
Eine kleine Schar von Christen ging den Pilgerweg. Unbeirrt. Innerlich ruhig. Und dennoch mit zitternden Knien. Zum Altar. In Sichtweite der Absperrgitter und Wasserwerfer. Neben Staatsgewalt und Machtgedöns der Rechten. Unter den Augen der Polizei. Der Altar war liebevoll geschmückt mit den Blumen der Wiese aus Gottes Garten. Und ein weißes Tischtuch leuchtete uns entgegen. Das Kruzifix auf dem Altar wurde zum Zentrum. Der Kosmos bündelte sich im Gekreuzigten. Und wir beteten weiter: »Segne alle, die heute ihre Kraft einsetzen, um friedlich gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.« Von dieser Wiese aus ging es wieder zurück zum Empfang des Segens in die Friedhofskirche.
Unterwegs sangen wir »Dona nobis pacem«, »Herr, gib uns deinen Frieden!« und »Verleih uns Frieden gnädiglich«. Oder »Shalom Chaverim – Shalom«. Und »Laudate omnes gentes …«. Mitten im Gedröhn der Naziklänge. Gott loben. Manchmal konnte ich nicht mehr singen. Mir blieb der Ton im Hals stecken. Andere sangen weiter. Manchmal mit brüchiger Stimme. Zitternd. Ja, wir sangen. Und wenn ich Mut brauchte, griff ich nach der Hand meiner Frau.
Singen im Gedröhn und Gebrüll. Wie geht das? Ich weiß es nicht. Irgendwie ging es. Sicher mit Gottes gutem und friedlichem Geist, den ich spürte. Ich bin dankbar für diese geistliche Erfahrung meines Lebens.
Ja, um den Frieden ging es uns. In aller Auseinandersetzung und in aller Hetze des braunen Gedankengutes. Das Herz berühren. Ein leiser Protest. Eben »Herz statt Hetze«. Wir sind doch Christenleute. Dabei blieben Beschimpfungen nicht aus. Wir hatten vereinbart, uns nicht provozieren zu lassen.
Ganz plötzlich, unerwartet, geschah etwas besonders Schönes. Beim Rückweg vom Altar in Gottes Garten wurde die Musik am Stand der Marxistisch-Leninistischen Partei (MLPD) ausgestellt. Jedes Mal. Aus Respekt. Während des Pilgerns. Und unvermittelt kam ein Mann auf uns zu und bat. »Bitte, bitte segnen Sie uns doch. Haltet an bei uns.« Das hat mich fast umgeworfen.
Auf dem nächsten Pilgerweg zur vollen Stunde gingen wir zum Stand der MLPD. Und wurden mit Beifall empfangen. Wir beteten mit den Worten von Dieter Trautwein: »Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.« Und wir durften segnen, mit dem alten Aaronitischen Segen. Der Präses unserer Kreissynode, Olaf Ruck, las ein Wort von Martin Niemöller. Welche Kraft kam da über uns.
Danke. So schoss es mir durch den Kopf. Still und ohnmächtig Mächtige wurden wir. Das hat mich tief berührt. Menschen wissen sich unter dem Segen Gottes geborgen. Auch wenn der Glaube fern ist. Danke, Herr, du warst mitten unter uns.

Der Autor ist Superintendent des Kirchenkreises Hildburghausen-Eisfeld.
Am 29. Juli wird es ab 12 Uhr wieder stündlich einen Pilgerweg durch Themar geben.

www.kirchenkreis-hildburghausen-eisfeld.de/aktuelles
Friedensgebet

Autor:

Adrienne Uebbing aus Weimar

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