Jesus durch das Kornfeld ging ...
vom Jesus und seinem Christentum
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Wir kennen Bilder, die in Museen hängen - und Bilder, die über Betten hängen. Die Kunstgeschichte, die selbstverständlich nur die Bilder in den Museen für wichtig hält, hat lange nicht begriffen, dass möglicherweise die Bilder über den Betten viel wichtiger gewesen sind. Weil - vor ihnen wird eingeschlafen, aufgewacht, geliebt, gestritten, gebetet und gestorben. Ein solches Bild ist dieses Bild.
Jesus geht durch das Korn.
Mehr geschieht zunächst nicht. Kein Wunder. Keine Auferweckung. Kein Teufel fährt schäumend aus irgendeinem geheilten Besessenen. Kein Toter erhebt sich. Kein Sturm wird gestillt. Christus geht einfach durch ein Kornfeld, und hinter ihm gehen die anderen, diese merkwürdigen Männer, die wir Apostel nennen, weil wir nicht so rcht wissen, wie wir sie sonst nennen sollen.
Johannes Raphael Wehle hat das Bild um 1900 gemalt. Mehr muss man über diesen Maler an dieser Stelle noch gar nicht wissen. Das Original war mit ungefähr zwei Metern Breite ein stattliches Gemälde. Aber seine eigentliche Karriere begann möglicherweise erst, als es aufhörte, nur ein Gemälde zu sein und zum Druck wurde.
Denn um 1900 war die Drucktechnik endlich so weit entwickelt, dass ein Christus nicht mehr in einer Kirche bleiben musste.
Er konnte verreisen.
Er kam als Farbdruck in die Bürgerhäuser und Bauernstuben, in Schlafzimmer und Wohnzimmer, wurde gerahmt, bekam Glas vor das Gesicht, vergilbte, wurde von Fliegen beschmutzt (wie das Bild des Kaisers Franz Joseph im Roman vom braven Soldaten Schwejk) und wurde von Großmüttern abgestaubt. Solche Wehle-Reproduktionen sind heute noch auf Antiquitätenmärkten anzutreffen
Christus wurde reproduzierbar.
Was Gutenberg mit dem Wort begonnen hatte, vollendete der moderne Farbdruck mit dem Bild. Die Bibel kam aus dem Kloster ins Haus, und nun kam auch der gemalte Christus hinterher. Und welcher Christus kam? Kein Pantokrator. Kein Weltenrichter. Kein blutender Schmerzensmann.
Ein Wanderer.
Wehle lässt ihn mitten durch die Ähren gehen. Ein Jünger greift ins Korn. Damit ist die Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat wenigstens im Hintergrund gegenwärtig: Die Jünger haben Hunger, sie pflücken Ähren, die religiösen Ordnungshüter entdecken den Verstoß, und Christus antwortet mit jener unerhörten Umkehrung, dass der Sabbat um des Menschen willen da sei und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Auf Wehles Bild ist von diesem Streit noch nichts zu sehen. Und gerade deshalb ist er da. Das Korn steht hoch. Die Männer gehen. Christus spricht. Seine Wort-Welt ist noch nicht in links und rechts und die entsprechenden Dogmatiken und Parteiprogramme zerfallen. Vielleicht liegt darin der ungeheure Erfolg dieses Bildes. Es zeigt eine Religion vor ihrer Verwaltung. Jesus besitzt keine Kirche, kein Büro, kein Landeskirchenamt, keinen Terminkalender und keine Geschäftsordnung. Er besitzt nicht einmal das Korn, durch das er geht. Das Feld gehört wohl irgend einem anderen … Die Ähren gehören einem anderen. Und trotzdem geht Jesus mitten hindurch.
Das Christentum erscheint hier in seiner vielleicht ursprünglichsten Gestalt: als Weg. Christus sitzt nicht. Christus geht. Und wer zu ihm gehört, muss ebenfalls gehen. Das ist theologischer, als es zunächst aussieht. Denn der Jesus der Evangelien ist tatsächlich ein Mensch der Wege. Er geht nach Jerusalem, nach Kapernaum, durch Samaria, ans andere Ufer, auf Berge, in Dörfer und eben durch Felder. Erst die Kirche hat aus diesem Gehenden einen Sitzenden gemacht und ihn auf Throne, Altäre und schließlich auf Kirchenvorstandsstühle gesetzt und an Wänden dunkler Pfarrheime aufgeghängt.
Wehle gibt dem Gottessohn die Beine zurück. Und dann geschieht durch die Reproduktion noch etwas Merkwürdiges: Millionenfach konnte dieser gehende Christus nun selbst weitergehen. Von der Leinwand in die Lithographie, vom Kunsthandel in die Wohnstube, von einer Generation zur nächsten. Das Original blieb irgendwo. Das Bild wanderte. Das ist die vollkommenste Rezeption eines Bildes, das vom Wandern handelt - wenn es selber zu wandern begann.
Heute findet man solche Drucke auf Dachböden, hinter Aktenschränken fast vergessener Archive und bei Floh-Markt-Aktionen. Sie haben alle Flecken, Knicke, Wasserränder. Ihr Marktwert ist gering. Die große Verbreitung drückt den Preis.Auctionet)
Aber möglicherweise ist das die falsche Rechnung. Denn ein Bild, das hundert Jahre lang über den Betten der Menschen hing, hat etwas geleistet, was das unberührte Meisterwerk im klimatisierten Depot niemals leisten kann.
Es war dabei.
Autor:Matthias Schollmeyer |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.