AUF DEN TAG
MARIÄ HIMMELFAHRT
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Heute – am 15. August – feiert man Mariä Himmelfahrt. Obschon – dieser Name ist eigentlich nicht ganz präzise. Maria fährt nämlich nicht in den Himmel auf wie Christus. Christus fährt in die Himmel auf. Maria wird nach dorthin aufgenommen. Assumptio Beatae Mariae Virginis heißt das Fest in der Sprache der alten Kirche mit vollem Namen. Soviel Zeit muss sein. Aufnahme der seligen Jungfrau Maria. Und dieser kleine Unterschied ist ein großer Unterschied, denn Christus geht aus eigener Vollmacht zum Vater, Maria aber wird von Gott genommen, aufgehoben, aufgenommen. Sie tut am Ende ihres Lebens nichts mehr. Gott tut für sie alles.
Und nun haben wir Evangelischen mit diesem Fest die typisch protestantischen Schwierigkeiten, und dieses zu Recht. Denn wir können die Bibel von vorn bis hinten lesen und von hinten bis vorn und noch einmal von vorn bis hinten, und wir werden die Himmelfahrt Mariens nicht finden. Sie steht nicht darin. Kein Evangelist berichtet sie. Paulus berichtet sie nicht. Lukas, der uns mehr über Maria erzählt als die anderen Evangelisten, berichtet sie nicht. Die letzte sichere Nachricht über Maria finden wir in der Apostelgeschichte. Dort sitzt Maria nach der Himmelfahrt Jesu bei den Jüngern und betet. Und dann verschwindet sie aus der Heiligen Schrift.
Ja – das muss man schon erinnern und sagen dürfen, wenn man evangelisch über diesen Tag etwas predigen will – oder muss, denn es ist ein sehr schöner Tag, voller Blumen, Sonne und weitreichenden Legenden. Aber nachdem man protestantisch ein wenig an diesem Feiertag herumgemäkelt hat, darf man auch fröhlich weiterdenken. Denn Maria verschwindet zwar aus der Schrift, aber nicht aus dem Gedächtnis der Kirche.
Schon die frühe Christenheit fragt: Was ist aus ihr geworden, aus dieser phantastischen Frau, in die sich Gott auf Anraten des Heiligen Geistes verlieben musste? Was ist aus jener Frau geworden, die Christus empfangen hat, die ihn geboren, gestillt, auf den Armen getragen hat, die unter seinem Kreuz stand? Was geschieht mit diesem Leib, aus dessen Fleisch der Sohn Gottes sein menschliches Fleisch empfangen hat? Und den die Kirche nicht aufhört zu malen und zu modellieren?
Im Osten entsteht die Überlieferung von der Koimesis, von der Dormitio, vom Entschlafen der Gottesmutter. Wir kennen die wunderbaren alten Bilder davon. Maria liegt auf der üppig ausgestatteten Bahre. Die Apostel stehen um sie herum. Und Christus steht hinter ihr und hält ein kleines weißes Kind in seinen Armen. Dieses Kind ist Maria – respective deren Seele. Was für eine Umkehrung! In Bethlehem hält Maria Christus in ihren Armen. Am Ende hält Christus Maria in seinen Armen. Man könnte die ganze christliche Hoffnung in diese beiden Bilder hineinlegen. Am Anfang trägt der Mensch Gott. Am Ende trägt Gott den Menschen. Und damit ist schon alles gesagt.
Seit dem 5. und 6. Jahrhundert verdichtet sich diese Überlieferung. Im Osten wird das Entschlafen Mariens gefeiert, im Westen ihre Aufnahme ins Elysium. Jahrhunderte beten, malen, singen und denken die Christen darüber nach, lange bevor irgendein Papst daran denkt, daraus ein Dogma zu machen. Erst am 1. November 1950 verkündet Pius XII. in Munificentissimus Deus verbindlich, Maria sei „nach Vollendung ihres irdischen Lebens“ mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Ob sie zuvor gestorben ist, legt die Definition bemerkenswerterweise nicht ausdrücklich fest. Die alte östliche Tradition geht von ihrem Tod, ihrem Entschlafen, aus. Das Dogma selbst beschränkt sich auf die Vollendung.
Und jetzt könnte der missmutig-kritische Protestant natürlich sagen: „Seht ihr! 1950! Neunzehnhundertfünfzig Jahre nach Christus fällt ihnen plötzlich ein, was mit Maria geschehen sein soll“. Man kann das sagen. Aber man hat damit auch gezeigt, dass man nichts verstanden hat … Denn 1950 liegt Europa in den Trümmern der größten Leichenschändung seiner Geschichte. Auschwitz liegt fünf Jahre zurück. Die Massengräber liegen fünf Jahre zurück. Hiroshima liegt fünf Jahre zurück. Millionen Körper sind verbrannt, zerfetzt, verscharrt, namenlos gemacht worden. Der Mensch hatte dem Menschen gerade mit einer bis dahin unbekannten technischen Perfektion erklärt: Dein Leib ist nichts. Er ist Material. Er kann nummeriert, transportiert, vergast, verbrannt werden. Und ausgerechnet in diese Zeit hinein verkündet die katholische Kirche ein Dogma über einen menschlichen Leib.
Man muss das nicht für dogmatisch richtig halten, um die ungeheure Pointe zu verstehen. Der Leib ist nicht Abfall. Der Leib ist nicht die Verpackung der Seele. Der Leib ist nicht der lästige biologische Behälter, den man am Ende wegwirft, damit eine kleine unsterbliche Seele endlich ungehindert in irgendeinen Himmel schweben kann. Nein.
Ich glaube an die Auferstehung der Toten. Das wiederholt die gesamte Christenheit – wir alle – im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Und wenn wir das ernst meinen, dann stehen wir dem Fest Mariä Himmelfahrt plötzlich näher, als wir gedacht haben. Denn der eigentliche Inhalt dieses Festes ist nicht Maria. Der eigentliche Inhalt ist Christus. Und der eigentliche Inhalt ist die Auferstehung.
Benedikt XVI. hat 2006 in seiner Predigt zu diesem Fest einen wunderbaren Gedanken entwickelt. Maria sei ganz, mit Leib und Seele, „Wohnung des Herrn“ geworden. Ihr Weg beginne mit dem Glauben. Elisabeth sagt: „Selig ist, die geglaubt hat.“ Und Maria selbst singt: „Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter.“ Für Benedikt ist ihre Vollendung deshalb keine isolierte Sonderauszeichnung, die Maria möglichst weit von uns entfernt. Im Gegenteil: An ihr soll sichtbar werden, wohin der Glaube den Menschen führt – in die Gemeinschaft mit Gott. Maria ist nicht interessant, weil sie anders ist als wir. Maria ist interessant, weil an ihr sichtbar werden soll, was Gott mit uns vorhat.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat dafür eine Formulierung gefunden, die man beinahe unverändert an eine evangelische Kanzel lehnen könnte. Maria sei „Bild und Anfang der in der kommenden Weltzeit zu vollendenden Kirche“ und ein Zeichen sicherer Hoffnung für das wandernde Gottesvolk. Bild und Anfang. Nicht Endstation. Nicht Göttin. Nicht Konkurrenz zu Christus. Bild und Anfang.
Und plötzlich bekommt auch das merkwürdige Bild aus der Offenbarung seinen Sinn: die Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und zwölf Sterne um ihr Haupt. Historisch-exegetisch dürfen wir diese Frau nicht einfach mit Maria gleichsetzen. Sie ist symbolisch zunächst das Gottesvolk, Israel, die Kirche. Aber gerade deshalb konnte die alte Kirche in ihr auch Maria erkennen: weil Maria in ihrer Person darstellt, was die Kirche sein soll – Empfangende, Glaubende, Gebärende, von Gott Vollendete. Diese mariologische Lesart findet sich bereits bei den Kirchenvätern und gehört bis heute zur Liturgie des Festes. Diesen schönen Gedanken hat die katholische Kirche seit Jahrhunderten anmutig spazierend durch die Garten der Theologiegeschichte führen wollen. Wir schauen dieser Prozession zu und Reihen uns lächelnd – freilich auch ein wenig Kopf schüttelnd, aber zugleich dankbar – hinter den bunten Wimpeln und Blumen ein.
Denn nun kommen die Kräuter! Das ist etwas sehr Schönes.. Am 15. August tragen die Menschen seit Jahrhunderten Kräuter in die Kirchen. Königskerze, Johanniskraut, Schafgarbe, Kamille, Minze, Salbei. Die Legende erzählt, die Apostel hätten das Grab Mariens geöffnet und keinen Leichnam gefunden, sondern Blumen und Kräuter und einen wunderbaren Duft. Natürlich ist das Legende. Aber eine Legende kann etwas sagen, was ein Protokoll nicht sagen kann. Man öffnet ein Grab und findet einen Garten.
Das ist Christentum. Man erwartet Verwesung und findet Duft. Man erwartet einen Leichnam und findet Blumen. Man erwartet das Ende und findet einen Anfang. Und genau hier wird Mariä Himmelfahrt zu unserem Fest. Denn jeder von uns trägt seinen Leib durch die Zeit. Diesen manchmal wunderbaren, manchmal lästigen, älter werdenden, verletzlichen Leib. Wir sehen schlechter. Wir hören schlechter. Wir werden langsamer. Das Knie schmerzt, der Rücken meldet sich, die Haut wird dünner. Der moderne Mensch versucht mit einem geradezu verzweifelten Aufwand, diese Wahrheit zu übermalen, zu unterspritzen, wegzutrainieren, wegzuoperieren. Er will nicht alt werden, er will nicht sterben, aber weil er nicht an die Auferstehung glaubt, bleibt ihm nur die Kosmetik.
Das Christentum ist radikaler. Es sagt nicht: Dein Leib bleibt jung. Es sagt: Dein Leib wird auferstehen. Was das genau bedeutet, wissen wir nicht. Paulus fabuliert im Korintherbrief von einem geistlichen Leib. Wir würden jedenfalls nicht als restaurierte Version unseres jetzigen Körpers durch eine himmlische Fußgängerzone laufen. Auferstehung ist keine Reparatur. Sie ist Verwandlung.
Denn Gott wirft nichts weg. Das ist der entscheidende Satz. Gott wirft nichts weg. Nicht unsere Geschichte. Nicht unsere Wunden. Nicht unsere Tränen. Nicht unser Hirn und unsere Hände, mit denen wir gearbeitet haben. Nicht unsere Augen, mit denen wir einen Menschen zum ersten Mal angesehen und einen anderen zum letzten Mal angesehen haben. Nicht unseren Leib. Und deshalb ist Maria am 15. August nicht die Frau, die von der Erde verschwindet. Sie ist die Frau, an der der Himmel sichtbar wird. Der Himmel ist nicht ein ungeheuer weit entfernter Ort oberhalb der Wolken. Himmel ist, wo der Mensch ganz bei Gottankommt.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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