... auf den 3. Oktober
EINHEITSTAG
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Evocatio imperatorum Germanorum ex regno mortuorum die III Octobris MMXXVI
Am dritten Oktober? Müsste man da nicht auch einmal die Toten befragen? Denn die Lebenden wissen nicht, was Deutschland ist. Sie treiben sich auf Marktplätzen herum, vor Rathäusern und Landtagen. Hören Blasmusik samt Reden - und halten Deutschland für eine Sache, die man am Fahnenmast hochziehen kann. In genau diesem Augenblick muss man die Toten rufen. Denn die Toten haben Deutschland schon gehabt, jeder ein anderes, jeder das einzig richtige, jeder das endgültige, und jedes dieser endgültigen Deutschlands ist untergegangen. Also herauf mit euch, ihr Bettler und Könige!
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Karl der Große, 747/48–814. Komm aus Aachen, alter Franke. Du Kaiser der Römer, Sachsenschlächter, Schulgründer, Analphabetenbezwinger, Europäer wider Willen. Man hat dich später zum deutschen Kaiser gemacht, obwohl du davon nichts wusstest. Du saßest in Aachen und schautest nach Rom, nach Byzanz und bis zum Kalifen von Bagdad und hättest wahrscheinlich nicht verstanden, warum man tausendzweihundert Jahre später behauptet, du habest Deutschland gegründet.
Karl hebt den Kopf und sagt: „Deutschland? Welches Deutschland? Ich hatte Sachsen, Franken, Langobarden, Bayern und eine Menge widerspenstiger Verwandter. Wenn ihr daraus Deutschland gemacht habt, so ist das eure Angelegenheit. Ich habe ein Reich hinterlassen und meine Enkel haben es geteilt. Das ist übrigens die erste deutsche Tradition: Kaum hat man etwas vereinigt, beginnt man darüber zu streiten, wem welcher Teil gehört.“
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Otto I., genannt der Große, 912–973. Nun erscheine du, Otto, Sachse, König und Kaiser, Sieger auf dem Lechfeld, der du 962 in Rom die Kaiserkrone empfingst.
Otto tritt hervor, schwer, langsam, mit jenem Misstrauen, das Kaiser gegenüber allen Menschen haben müssen, die ebenfalls etwas wollen. „Ihr feiert also Einheit“, sagt er. „Merkwürdig. Ich habe mein Leben damit verbracht, Herzöge, Söhne, Brüder und Schwiegersöhne daran zu hindern, ihre eigene Einheit herzustellen. Ein Reich besteht nicht darin, dass alle dasselbe wollen. Ein Reich besteht darin, dass sie trotz allem beieinanderbleiben.“ Dann sieht er sich die Bundesrepublik an, zählt sechzehn Länder und sagt: „Sechzehn? Das hätte mir genügt.“
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Friedrich II. von Hohenstaufen, 1194–1250. Jetzt nahe sich der Sizilianer. Der Kaiser, den seine Zeitgenossen stupor mundi, das Staunen der Welt, nannten. Geboren in Jesi, aufgewachsen in Palermo, König von Sizilien, deutscher König, römischer Kaiser, Freund arabischer Gelehrter, Feind der Päpste, Kreuzfahrer ohne rechte Lust am Kreuzzug.
Friedrich betrachtet Deutschland wie eine ferne Provinz, aus der unangenehme Post gekommen ist. „Ihr Deutschen“, sagt er, „habt einen merkwürdigen Fehler. Ihr glaubt immer, Deutschland müsse in Deutschland stattfinden. Ich habe in Palermo Arabisch gehört, in Jerusalem verhandelt, in Apulien Falken beobachtet und nebenbei Deutschland regiert. Vielleicht besteht eure Einheit nicht darin, euch immerzu selbst anzusehen.“ Dann streicht er seinem Falken über das Gefieder. „Ein Falke sieht weiter, weil er nicht auf dem Boden marschiert.“
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Karl V., 1500–1558. Nun wird es eng. Karl V. schreitet herauf aus dem Hades, ehemaliger Herrscher eines Reiches, in dem die Sonne nicht untergehen wollte, Kaiser eines Reiches, in dem dafür umso häufiger die Menschen übereinander herfielen. Luther, Worms, Reformation, Türken, Franzosen, Fürsten, Päpste – Europa als Dauerbesprechung mit anschließendem Krieg.
Karl sieht auf Deutschland und seufzt. „Ich habe versucht, die Christenheit zusammenzuhalten. Ihr habt daraus Katholiken und Protestanten gemacht. Ich habe versucht, das Reich zusammenzuhalten. Ihr habt daraus Staaten gemacht. Am Ende bin ich ins Kloster gegangen und habe mich mit Uhren beschäftigt.“ Er zieht eine Uhr hervor. „Das war vernünftiger. Eine Uhr geht wenigstens falsch, ohne darüber eine Denkschrift zu verfassen.“
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Kara Mustafa Pascha, 1634/35–1683. Aber ehe die Habsburger sich mit den Preußen herumärgern dürfen, rufen wir nun einen von draußen: Kara Mustafa Pascha, Großwesir des Osmanischen Reiches, der 1683 mit seinem Heer vor Wien stand. Da werden die Habsburger plötzlich still. Denn Europa hat eine merkwürdige Angewohnheit: Solange es sich untereinander streitet, hält es seine Streitigkeiten für die wichtigsten Angelegenheiten der Welt. Erst wenn einer von außen kommt, entdeckt es, dass es Europa ist.
Kara Mustafa sieht sich um. „Wo ist Wien?“ – „Steht noch.“ – „Und das Reich?“ – „Gibt es nicht mehr.“ Kara Mustafa ist erstaunt. „Ich habe Wien nicht bekommen, und trotzdem ist euer Reich untergegangen? Wer hat es besiegt?“ Alle zeigen auf Napoleon. Napoleon verbeugt sich. Kara Mustafa schüttelt den Kopf. „Merkwürdige Leute, diese Europäer.“
Er hatte Wien belagert, bis das Entsatzheer unter dem polnischen König Jan Sobieski kam. Kara Mustafa verlor, und bald darauf ließ sein Sultan ihn hinrichten. Nun steht er vor dem vereinigten Deutschland und fragt: „Und die Türken?“ – „Viele leben in Deutschland.“ – „Wie viele Janitscharen?“ – „Keine.“ – „Wie sind sie dann hineingekommen?“ – „Als Gastarbeiter.“ Kara Mustafa hebt die Augenbrauen. „Also nicht mit Kanonen?“ – „Nein.“ – „Nicht über den Kahlenberg?“ – „Mit der Eisenbahn.“ Da lacht Kara Mustafa. „Dann hat die Eisenbahn erreicht, was meiner Armee nicht gelungen ist.“
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Friedrich II. von Preußen, 1712–1786. He - Alte Fritz, willst du ewig unten bleiben? Erscheine! Mit Stock, Windhunden und Flöte.
Er sieht die schwarz-rot-goldenen Fahnen und verzieht das Gesicht. „Deutschland? Ich habe Preußen regiert.“ Mehr sagt er zunächst nicht. Dann nimmt er die Flöte. „Man muss einen Staat behandeln wie ein Musikstück. Jeder hält seinen Einsatz für den wichtigsten, und wenn jeder tut, was er will, nennt man es nicht Freiheit, sondern Katzenmusik.“ Er blickt nach Potsdam. „Und lassen Sie mir bitte Österreich aus dem Spiel.“
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Maria Theresia, 1717–1780. Jetzt aber dieses Weib. Sie. Kaiserin gewesen – aber Kaiser war sie nicht. Das muss gleich gesagt werden. Die Kaiserkrone trug ihr Gemahl Franz Stephan als Franz I.; die habsburgischen Länder aber hatte Maria Theresia geerbt, und wer von beiden die gewaltigere Herrschergestalt war, darüber brauchte man schon damals nicht lange nachzudenken. Wenn sie den Raum betritt, fragt niemand mehr danach. Sechzehn Kinder. Kriege. Reformen. Ungarn, Böhmen, Österreich. Und ein Mann, der ihr etwas weggenommen hatte, das sie bis zu ihrem Tod nicht vergessen konnte. Sie sieht ihn sofort. Friedrich. Der Alte Fritz versucht, sich hinter seinem Windspiel unsichtbar zu machen.
„Schlesien“, sagt Maria Theresia. Friedrich seufzt: „Majestät, wir sind seit zweihundertfünfzig Jahren tot.“ – „Schlesien.“ Nun zeigt Friedrich auf eine heutige Landkarte. „Sehen Sie doch, Madame. Es gehört uns beiden nicht mehr.“ Maria Theresia betrachtet die Karte. Breslau heißt Wrocław. Schlesien liegt größtenteils in Polen. Preußen gibt es nicht mehr. Die Habsburgermonarchie gibt es nicht mehr. Das Heilige Römische Reich gibt es nicht mehr.
Friedrich sagt: „Sehen Sie. Die Geschichte hat unseren Streit entschieden.“ Maria Theresia antwortet: „Nein. Sie hat ihn für überflüssig erklärt.“ Und wir fragen die beiden: „Was ist also Deutschland?“ Sie sieht nach Wien, dann nach Berlin, dann nach Prag, dann nach Breslau. „Ihr Deutschen“, sagt sie, „habt sehr lange gebraucht, um zu begreifen, dass nicht alles deutsch sein muss, was einmal deutsch gewesen ist.“ Der Alte Fritz hebt seine Flöte: „Das hätte von mir sein können.“ Maria Theresia sieht ihn an: „Nein, Friedrich. Von Ihnen gerade nicht.“
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Franz II., 1768–1835. Und nun auch der, der etwas getan hat, was in der deutschen Geschichte nur einmal getan werden konnte. Er hat das Heilige Römische Reich beendet. Nicht gegründet. Nicht vergrößert. Nicht reformiert. Beendet. Am 6. August 1806 legte Franz II. aus dem Hause Habsburg-Lothringen die römisch-deutsche Kaiserwürde nieder.
Franz dringt langsam herauf. Er trägt keine Krone. „Wo ist sie?“, fragen wir. „Welche?“, fragt Franz. „Die deutsche Kaiserkrone.“ – „In Wien.“ – „Und warum tragen Sie sie nicht?“ – „Weil ich sie niedergelegt habe.“ Da werden sogar Karl der Große und Otto unruhig. Denn ein Kaiser kann vieles tun. Er kann Länder verlieren, Kriege verlieren, Söhne verlieren, Schlachten verlieren, den Verstand verlieren. Aber dieser Kaiser hatte etwas viel Ungeheuerlicheres verloren: das Reich.
„Sie haben also Deutschland abgeschafft?“ Franz sieht uns beinahe beleidigt an. „Deutschland? Nein. Das Reich.“ Und plötzlich merken wir, dass das nicht dasselbe ist. „Warum haben Sie es aufgegeben?“ Franz sieht hinüber zu Napoleon. „Weil ein Reich manchmal schon gestorben ist, bevor der Kaiser es bemerkt. Und weil ich lieber selbst die Krone niederlegte, als sie mir von einem anderen vom Kopf stoßen zu lassen.“
Schon 1804 hatte er sich zum erblichen Kaiser von Österreich erklärt. Aus Franz II., dem letzten römisch-deutschen Kaiser, wurde Franz I., der erste österreichische Kaiser. Zwei Zahlen für denselben Mann. Ein Reich hört auf, ein anderes beginnt. „Und was halten Sie vom 3. Oktober 1990?“ Franz denkt lange nach. Dann sagt er: „Ihr Deutschen habt zweihundert Jahre gebraucht, um zu entdecken, dass man ein Reich verlieren kann, ohne Deutschland zu verlieren.“
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Napoleon Bonaparte, 1769–1821. Da wird es plötzlich sehr unruhig unter den deutschen Toten. Denn von der Seite naht sich - ungerufen - ein kleiner Mann mit großem Schatten. Napoleon. Sofort protestieren alle. „Was will der hier? Der ist Franzose!“
Napoleon bleibt stehen. „Gerade deshalb“, sagt er. Und er hat recht. Denn manchmal wird Deutschland stärker von denen verändert, die keine Deutschen sind, als von denen, die es regieren. Napoleon hatte die deutsche Landkarte genommen und sie behandelt wie einen unaufgeräumten Schreibtisch. Reichsstädte verschwanden. Geistliche Territorien verschwanden. Herrschaften wurden zusammengelegt. Aus kleinen Fürsten wurden größere Fürsten, aus manchen Fürsten wurden Könige. 1806 schlossen sich zunächst sechzehn deutsche Staaten unter seinem Protektorat zum Rheinbund zusammen. Kurz darauf legte Franz II. die Kaiserkrone nieder. Später waren es 39 Staaten, die dem Korsen sich hatten willfährig geben müssen.
Napoleon schaut ihn an. „Sie haben also wegen mir die Krone niedergelegt.“ Franz antwortet: „Unter anderem.“ – „Dann habe ich Deutschland geschaffen.“ Jetzt springen Friedrich der Große, Bismarck und Franz auf. „Nein!“ Napoleon lächelt. „Aber ich habe aufgeräumt.“ Das ist schwerer zu bestreiten.
Und paradoxerweise verstärkte gerade die französische Herrschaft das deutsche Nationalgefühl. „Sehen Sie“, sagt Napoleon, „Sie brauchten einen Franzosen, um Deutsche zu werden.“ Bismarck wird rot. Napoleon genießt das. „Und Leipzig?“, fragt Bismarck. Nun wird Napoleon still. Leipzig. 1813. Die Völkerschlacht. „Leipzig war ein Missverständnis“, sagt Napoleon. „Ein ziemlich großes“, antwortet Bismarck. Dann betrachtet Napoleon Deutschland im Jahre 1990. „Und Frankreich?“ – „Ist unser Freund.“ – „Elsass?“ – „Frankreich.“ – „Lothringen?“ – „Frankreich.“ – „Und trotzdem Freunde?“ – „Ja.“ Jetzt schweigt Napoleon länger als zuvor. Dann sagt er: „Das ist interessanter als Austerlitz.“
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Und nun Otto von Bismarck, 1815–1898. Plötzlich ist er wieder da. Als wäre er nie fort gewesen. Jetzt wird es ernst. Stiefelschritt ertönte. Uniformgeruch. Schnurrbart. Der Mann, der Deutschland nicht erfunden, aber 1871 in eine politische Form gezwungen hat, erscheint. Nicht durch Volksfeste, sondern durch Kriege, Verträge, Drohungen, Verhandlungen und jene Mischung aus Berechnung und Improvisation, die man später Genie nennt, wenn sie funktioniert.
Bismarck sieht auf diesen dritten Oktober. „Ihr habt also Deutschland vereinigt, ohne Frankreich zu besiegen?“ – „Ja.“ – „Ohne Österreich zu besiegen?“ – „Ja.“ – „Ohne Krieg?“ – „Ja.“ Bismarck schweigt lange. „Donnerwetter.“ Und nach einer Weile: „Dann habt ihr etwas zustande gebracht, was wir damals noch nicht vermochten.“
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Wilhelm I., 1797–1888. Der alte Kaiser kommt herein und sieht sich sofort nach Bismarck um. Er hat immer wieder die gleiche Frage:
„Bin ich nun Kaiser von Deutschland?“, fragt er unsicher. "Nein, Majestät. Deutscher Kaiser". Wilhelm I. verdreht die Augen. Schon wieder diese Geschichte. 1871 hatte Bismarck genau darauf bestanden: nicht „Kaiser von Deutschland“, sondern „Deutscher Kaiser“. Bismarck erklärt es seiner Majestät zum abertausendsten Mal: "Majestät - dahinter steckt keine sprachliche Spitzfindigkeit, sondern die ganze Konstruktion unseres Kaiserreichs. Wir wollen unbedingt verhindern, dass der neue Kaisertitel so klingt, als seien Eure Majestät Wilhelm Landesherr über ganz Deutschland. Das 1871 gegründete Deutsche Reich soll ein Bundesstaat aus weiterhin bestehenden Monarchien und Staaten sein. Es gibt weiterhin einen König von Bayern, einen König von Württemberg, einen König von Sachsen, Großherzöge, Herzöge und die freien Hansestädte. Sie sollen nicht einfach zu preußischen Provinzen geworden sein. Der Bundesrat repräsentierte diese Gliedstaaten; Euer Majestät Preußen dominiert zwar deutlich, aber das Reich soll staatsrechtlich keine Erweiterung Preußens werden.
Wilhelm betrachtet sinnend den 3. Oktober. „Bei uns fand die deutsche Einheit im Spiegelsaal von Versailles statt, während draußen noch Krieg war. Bei euch fand sie vor dem Reichstag statt, während die Menschen feierten. Vielleicht ist das ein Fortschritt“ sagt er. Bismarck räuspert sich. Wilhelm sagt: „Ruhe, Bismarck.“
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Wilhelm II., 1859–1941. Nun fahre auch der Enkel herauf! Ebenfalls Schnurrbart, Uniform, eine Hand auf dem Säbel, die andere an irgendeinem neuen technischen Apparat. Denn dieser letzte deutsche Kaiser war nicht nur der Mann der Paraden und Reden. Er liebte Schiffe, Maschinen, Technik, Wissenschaft und Geschwindigkeit; in seinem Deutschland wuchsen Chemie, Elektrotechnik, Universitäten und Industrie in einem Tempo, bei dem selbst die alten Kaiser aus dem Fegefeuer nervös werden.
Wilhelm sieht auf das heutige Deutschland und sagt: „Ihr habt also immer noch eure Chemiker, eure Ingenieure, eure Institute und eure Fabriken?“ – „Ja, Majestät.“ – „Und Schiffe?“ – „Auch.“ – „Eine große Flotte?“ – „Nicht ganz so, wie Majestät sich das vorgestellt haben.“ Wilhelm schweigt. Das Meer war seine große Leidenschaft und vielleicht auch eine seiner großen Versuchungen gewesen. Deutschland sollte hinaus, sollte Weltmacht sein, sollte mitreden, wo Engländer und Franzosen längst redeten. Nun sieht er Bismarck an. „Sie wollten Deutschland in Europa sichern, Bismarck. Ich wollte Deutschland in die Welt führen.“ Bismarck antwortet: „Majestät, die Welt ist größer als Deutschland.“ Wilhelm nickt wehmütig. Zum ersten Mal widerspricht er nicht.
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Friedrich Ebert, 1871–1925. Danach - kein Kaiser. Ein Sattler. Das ist der eigentliche Schock. Der Sohn eines Schneidermeisters, der 1919 zum ersten Reichspräsidenten der Republik gewählt wurde. Plötzlich sitzt dort oben keiner mehr, weil Gott ihn durch Geburt dorthin gesetzt hat, sondern weil eine Nationalversammlung ihn gewählt hat.
Ebert schaut die versammelten Kaiser an. „Meine Herren“, sagt er, „Sie hatten alle den Vorteil, Deutschland zu besitzen. Wir mussten lernen, dass Deutschland niemandem gehört.“ Die Kaiser schweigen. Das gefällt ihnen nicht. Gerade deshalb müssen wir diesen Satz stehen lassen.
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Adolf Hitler, 1889–1945. Es lässt sich nicht vermeiden. Auch er muss her. Da hält sogar die Hölle ihren Atem an. Und er kommt nicht als Dämon. Das wäre zu einfach. Ein Dämon gehört nicht zur Geschichte, und es könnten die Menschen behaupten, mit alledem nichts zu tun gehabt zu haben. Dieser Adolf aber stammt aus der realen Geschichte. Aus der Familie Schicklgruber mit dem bösen Prügelvater, aus dem Krieg von 1914, aus der Niederlage von 1918. Aus einem Reich, das zusammengebrochen war. Aus den Schand-Verträgen von Versailles. Aus Revolution und Gegenrevolution, Inflation, Straßenkämpfen, Kommunistenangst, Nationalismus und schließlich aus der großen wirtschaftlichen Verzweiflung. Das alles hatte Hitler nicht erfunden.
Aber der Mann aus Braunau am Inn erfand Erklärungen dafür. Er nahm jene Erklärungen her, welche bereits herumlagen, und zimmerte aus ihnen ein System: Deutschland sei nicht deshalb schwach, weil Geschichte kompliziert ist, weil Staaten Kriege verlieren, weil Wirtschaften zusammenbrechen und politische Ordnungen versagen können. Nein. Schuldige mussten her: die Juden, der Marxismus, die Demokratie, das parlamentarische System, Versailles. Und über allem stand die Vorstellung, ein Volk sei ein biologisches Wesen, das entweder wachse oder zugrunde gehe und deshalb Raum brauche, Lebensraum, und diesen Raum sollte Deutschland im Osten erobern.
Hitler schaut auf den dritten Oktober 1990. Auf dieses Deutschland, das kleiner ist als seines. Ohne Ostpreußen. Ohne Schlesien. Ohne Pommern. Ohne Österreich. Ohne Sudetenland. Ohne Kolonien. Ohne Lebensraum. Und doch vereinigt. Und wir fragen ihn: „Was sagen Sie dazu?“ Er aber schweigt.
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Konrad Adenauer, 1876–1967. Erscheine! Jetzt ruft man den Alte aus Rhöndorf. Der betrachtet die ganze inzwischen versammelte Gesellschaft ohne Überraschung. Wer mit de Gaulle verhandelt, Stalin erlebt und die Gründung zweier deutscher Staaten gesehen hat, erschrickt nicht mehr leicht.
„Meine Herren“, sagt Adenauer, „Sie haben Deutschland immer für die Mitte der Welt gehalten. Das war einer unserer kostspieligeren Irrtümer.“ Er blickt nach Westen. „Deutschland muss in Europa so festgebunden sein, dass die Deutschen nicht mehr auf die Idee kommen, Europa an Deutschland festzubinden.“ Bismarck hebt eine Augenbraue. Friedrich der Große schnaubt. Karl der Große lächelt. Denn plötzlich erkennt der alte Franke etwas in sich selber wieder.
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Helmut Kohl, 1930–2017. Und schließlich nahe nun jener Mann, dessen Stunde dieser Tag tatsächlich gewesen ist. Er steige herauf. Nicht der neunte November, nicht irgendein Schlachtentag, nicht der achtzehnte Januar von Versailles, sondern der 3. Oktober 1990. Mitternacht. Die Freiheitsglocke. Die Fahne vor dem Reichstag. Die DDR tritt dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Deutschland ist staatlich wiedervereinigt. Kohl steht zwischen den Kaisern und Kanzlern und sagt: „Der Mantel der Geschichte hat uns gestreift. Diesmal haben wir niemanden besiegt - und damit alle.“
Ja - es wird still. Darin liegt das Merkwürdige dieses Tages. Karl hatte gekämpft. Otto hatte gekämpft. Friedrich II. hatte gekämpft. Karl V. hatte gekämpft. Kara Mustafa war bis vor Wien gekommen. Friedrich der Große hatte gekämpft. Maria Theresia hatte gekämpft. Napoleon hatte Europa mit Krieg überzogen. Bismarcks Reich war aus Kriegen hervorgegangen. Wilhelms Reich ging in einem Krieg unter. Hitler machte aus Deutschland einen Krieg gegen beinahe die ganze Welt. Und 1990? Keine Schlacht. Keine Siegesparade. Keine annektierte Provinz. Verträge. Verhandlungen. Demonstrationen. Wahlen. Diplomatie. Und Menschen, die auf die Mauer gestiegen waren.
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Da stehen sie nun alle, die Toten Deutschlands, die Kaiser und Könige, die fremden Belagerer und Eroberer, der Sattler und die Kanzler, die Reichsgründer und Reichszerstörer, die Sieger und Besiegten, und wir fragen sie: Was also ist Deutschland?
Karl der Große sagt: „Ein Erbe.“ Otto sagt: „Eine Zumutung.“ Friedrich II. sagt: „Eine Provinz Europas.“ Karl V. sagt: „Ein Streit.“ Kara Mustafa sagt: „Eine Grenze, die sich verschiebt.“ Der Alte Fritz sagt: „Eine Aufgabe.“ Maria Theresia sagt: „Etwas, das nicht alles besitzen muss, was einmal deutsch gewesen ist.“ Franz II. sagt: „Etwas, das ein Reich überleben kann.“ Napoleon sagt: „Etwas, das seine Nachbarn braucht.“ Bismarck sagt: „Ein Staat.“ Wilhelm I. sagt: „Eine Verantwortung.“ Wilhelm II. sagt: „Groß genug, etwas zu bedeuten, und klein genug, die Welt nicht beherrschen zu müssen.“ Ebert sagt: „Eine Republik.“ Hitler schweigt. Adenauer sagt: „Ein Teil Europas.“ Und Kohl sagt: „Ein Glücksfall, wenn wir vernünftig damit umgehen.“
Dann schlägt die Glocke. Die Toten gehen zurück. Karl nach Aachen, Otto nach Magdeburg, Friedrich nach Palermo, Karl V. nach Yuste, Kara Mustafa in sein osmanisches Jenseits, der Alte Fritz nach Sanssouci, Maria Theresia und Franz nach Wien, Napoleon nach Frankreich, Bismarck nach Friedrichsruh, Wilhelm nach Charlottenburg, Ebert nach Heidelberg, Hitler in das unauslöschliche Feuer, Adenauer nach Rhöndorf, Kohl nach Speyer.
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Wir selber? Zurückbleiben! Das ist das Besondere am dritten Oktober. Die Toten haben ihre Arbeit getan, gut oder schlecht, manchmal entsetzlich schlecht. Wir aber sind noch da. Und deshalb ist Deutschland, dieses tausendmal gegründete, geteilte, vergrößerte, verkleinerte, vergötterte, verfluchte und am Ende wiedervereinigte Deutschland - ist es weder Kaiserreich noch Schicksalsgemeinschaft noch irgendein mystisches Wesen, das nachts durch deutsche Wälder geht. Es bettete sich in unsere Verantwortung.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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