Wo Martin Luther auch war

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ.
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Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Von Angela Stoye

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!
Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.
Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.
Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.
Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.
In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

www.lutherweg.de

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ.
Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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