»Ich weiß, ich gehe an meinen letzten Ort«

Hoher Besuch: Ministerpräsident Reiner Haseloff im Gespräch mit Pflegedienst­leiterin Yvonne Knamm
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Anhalt-Hospiz Zerbst: Die ersten Gäste sind eingezogen – Förderkreis gründet sich im August

Von Thomas Altmann

Zuwendung, Aufmerksamkeit, Nähe – und einen Espresso, serviert morgens um sechs auf die Terrasse: »Das habe ich so noch nie erlebt. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die hier eine völlig andere Bedeutung bekommen. Das Besondere ist, dass ich das Besondere gar nicht als das Besondere gesehen habe – zuvor«, sagt Helmut Syring, der erste Gast im Anhalt-Hospiz Zerbst.
Die Anhaltische Hospiz- und Palliativgesellschaft hat ein Hospiz in Zerbst errichtet: acht Einzelzimmer mit Bad und Terrasse. Inzwischen sind die ersten Gäste eingezogen, ein Förderkreis gründet sich, einen Tag der offenen Tür gab es. Der ambulante Hospizdienst zählt bereits acht ehrenamtliche Mitarbeitende, zehn weitere werden im September den Befähigungskurs absolviert haben, und der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), besuchte das Hospiz.
»Die Menschen wollen zu Hause sterben«, sagte Anja Schneider, Geschäftsführerin der Anhaltischen Hospiz- und Palliativgesellschaft, während des Besuchs des Ministerpräsidenten. Laut einer Studie sterbe nur etwa ein Prozent der Menschen in Deutschland in einem stationären Hospiz. »Und das ist gut so. Wir brauchen abgestimmte Systeme, Netzwerke zwischen ambulanter und stationärer, zwischen professioneller und ehrenamtlicher Versorgung.« Die Komplexität der Anhaltischen Hospiz- und Palliativgesellschaft mit Sitz in Dessau-Roßlau sei bundesweit einzigartig. Die stationäre Vernetzung von Hospiz, Palliativstation, Beatmungs- und Intensivpflege sei wiederum verwoben mit der ambulanten Palliativ- und Hospizversorgung, mit der Trauerarbeit, zudem mit Projekten wie »Hospiz am Rande der Gesellschaft« oder »Hospiz macht Schule«. Diese vielfältige Arbeit trage zur seelischen Gesundheit der Gesellschaft bei und trage die Hospizidee in die Region. Mit dem neuen Hospiz habe die komplexe Arbeit nun einen notwendigen sichtbaren Mittelpunkt in Zerbst erhalten, sagte Schneider.
Yvonne Knamm, Hospizleiterin in Zerbst, führt den Ministerpräsidenten durch das Hospiz. Auf der Terrasse trifft er einen Gast und dessen Frau. Diese habe gestern ihren Mann begleitet und völlig ungeplant hier bei ihm in seinem Zimmer übernachtet. Helmut Syring sitzt auch auf der Terrasse: »Früher, als man meist zu Hause starb, ist der Enkel zur Oma an das Bett gegangen, ganz vertraut, um ihr nah zu sein, hat Wärme, Nähe gesucht, auch am Sterbebett. Das zählt.« Hier habe man seine Zeit treuhänderisch in Verwahrung genommen. Seine an Multipler Sklerose erkrankte Frau sei nun in einem nahen Pflegeheim untergebracht. Vierzig Jahre habe er sie gepflegt. Es sei, als bekäme er hier einiges zurückgeschenkt. »Ich weiß, ich gehe an meinen letzten Ort. Alles bekommt eine andere Bedeutung.« Die nahe Wohnung wolle er noch behalten, der Bücher wegen. »Welche nimmst du mit? Was nimmst du mit?« Und Syring sagt: »Schade, dass ein Hospiz so mit Tabus belastet ist.«
Die Hospizidee in die Region tragen, das ist eines der wesentlichen Ziele des Förderkreises Anhalt-Hospiz Zerbst, der sich am 15. August um 19 Uhr kons-
tituieren wird. Schon bei einem ersten Treffen im Juni haben sich zwölf Mitglieder gefunden. Da klang an, dass das Hospiz in Zerbst durchaus polarisiert. Besonders die unmittelbare Nachbarschaft zum Kindergarten werde konträr diskutiert. Aber wie reagieren die Kinder?
Helmut Syring hat Besuch gehabt. Er deutet von der Terrasse auf den Maschendrahtzaun, viele Sträucher, einige offene Stellen. Erst sei ein Kind gekommen, dann zwei, dann immer mehr. Fragen, Antworten, Zaungespräche. Und dann, dann hätten die Kinder gesungen, mehrere Lieder, »ein kleines Konzert«.
www.anhalt-hospiz.de

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Online-Redaktion aus Weimar

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