Drei Stolpersteine für Ohrdruf
Gedenken an die Familie Nussbaum
- Gunter Demnig verlegt den zweiten Stolperstein für Ludwig Nußbaum
- Foto: Hartmut Ellrich
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Das jüdische Erbe Ohrdrufs ist klein. Einzig zwei Familien um den Viehhändler Sally (Selig) Nußbaum und den Schuhhändler Oskar Rittberg hinterließen vor Ort ihre Spuren.
Von Hartmut Ellrich
Rittberg lebte in der Marktstraße, die in den 1930er Jahren den Namen Willy Marschlers trug, zunächst NS-Bürgermeister von Ohrdruf (1931-1933) – der erste der NSDAP in Thüringen - danach Thüringer Ministerpräsident (1933-1945). Doch Spuren verblassen, verwischen, verwehen: für den pensionierten Lehrer Joachim-Hans Knebel (82) seit Jahren ein schier unerträglicher Gedanke mit Blick auf Opfer, Andersdenkende und Gegner des NS-Systems. Die Eltern Knebels Dietrich und Ella hatten genau gegenüber von Rittbergs gelebt. Alle verband der Dienst am Kunden – hier Eisenwaren, dort Schuhe – friedliche Koexistenz, bis die Zeiten in Deutschland dunkler wurden. Dazu kamen die Nußbaums an der Bahnhofstraße.
Ihnen zum Gedenken wurden am vergangenen Samstag drei Stolpersteine für Sally (1874-1961), dessen Frau Therese geb. Meyer (1873-1940) und den Sohn Ludwig Nußbaum (*1904) durch den Künstler Gunter Demnig (78) und dessen Freund Michael Rohrmann (69) verlegt.
Ohrdruf stand am Ende einer viertägigen Projektreise, die den Initiator der Stolpersteine Demnig und den pensionierten Berliner Sozialarbeiter Rohrmann nach Ohrdruf führten. Während die beiden still und beinahe andächtig ihr Werk verrichteten, folgten über 70 Menschen gebannt dem Geschehen vor dem längst verschwundenen Wohnhaus der Nußbaums „An der alten Ziegelei“. Es war ein landwirtschaftlich Gehöft, das zu DDR-Zeiten einen Laden der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft (BHG) beherbergte. Bis Mitte der 1990er Jahre war Geschichte hier greifbar, dann verschwand der Lebensmittelpunkt der Nußbaums.
Nicht völlig, denn Bürgermeister Stefan Schambach (SPD) regte dank Joachim Knebel am örtlichen Gymnasium Gleichense ein Schülerprojekt an – mit Erfolg! Der geschichtsbegeisterte Ohrdrufer Peter Schmidt begleitete die vier Elftklässler Sullivan Böhm, Henning Falk, Paula Meister und Amy Ortlepp bei ihrer Seminarfacharbeit über „Jüdisches Leben in Ohrdruf – Geschichte aufarbeiten, Erinnerung bewahren, Stolpersteine setzen“.
Archive wurden besucht, Angehörige der Nußbaums ermittelt und so ein sehr lebendiger Kontakt ermöglicht.
Die vier stellten ihre profunden Ergebnisse in Kurzvorträgen den Anwesenden vor. Alle waren sichtlich bewegt. Das Gute: alle drei Verewigten überlebten den Holocaust, konnten 1939 rechtzeitig aus Deutschland fliehen: die Eltern in die USA, der Sohn Ludwig nach Südafrika. In Ohrdruf hatten die aus Aschenhausen in der Rhön stammenden Nußbaums seit 1925 gelebt, insgesamt acht Personen, die Eltern und sechs Kinder. Die Schüler*innen recherchierten auch die in Teilen tragische Familiengeschichte. Sohn Alfred beging 1928 Selbstmord, Schwester Rosalie Renate genannt Renni (*1900) wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Bewegend war der verlesene Abschiedsbrief Rennis.
Dank der engagierten Jugendlichen erfuhren auch die Angehörigen der Nußbaums in den USA von der Ohrdrufer Stolperstein-Aktion. Sallys Tochter Ruth (1906-2000) war mit ihrem Gothaer Ehemann Hans Rehbock (1902-1983) und Sohn Ralph (*1934) nach Chicago geflüchtet. Die Gymnasiast*innen machten ihn ausfindig und interviewten ihn für ihr Projekt – ein Glücksfall für beide Seiten!
Ohrdruf erhält weitere Stolpersteine. Die Rittbergs sollen folgen, so ist der Plan! Möglich geworden war die aktuelle Verlegung dank des Engagements des Duisburger Ehepaars Johanna und Michael Willhardt mit dem Ohrdrufer Bürgerbündnis für Demokratie. Willhardts waren es denn auch, die den „Draht“ zu Gunter Demnig herstellten.
Autor:Hartmut Ellrich |
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