Auferstehungsbeobachtungen
Gedanken zu Lukas 24,36

Er (Lukas 24,36) gehört zu den stillen und beinahe zu übersehenden Versen im Lukas-Evangelium. „Indem sie aber von ihm redeten, stellte er selbst, Jesus, sich mitten unter sie und sprach: ‚Friede sei mit euch‘!"1) Dass Jesus also, während sie noch von ihm reden, mitten unter sie tritt. Das ist der Satz, der oft einfach überlesen wird. Kein dramatischer Auftritt wird hier geschildert, kein dramatischer Riss im Gewebe der Welt – sondern von einem Übergang ist die Rede, der sich im Sprechen - oder als Gesprochen-Werden - selbst ereignet. Der Satz wirkt unscheinbar, und doch berührt er einen Punkt, an dem sich Schrift-Exegese und Sprachphilosophie, Liturgie und Ontologie unvermittelt miteinander verschränken.

Im 20. Jahrhundert ist – man denke dabei besonders an Jacques Derrida – mit Nachdruck darauf hingewiesen worden, dass Sprache nicht nur Dinge beschreibt, sondern sie hervorbringt. Worte sind nicht bloß Abbilder einer vor ihnen bereits angefertigten Wirklichkeit, sondern Worte sind Ereignisse, die Wirklichkeit schaffen. Denken wir nur an die Schöpfungsgeschichte - hier spricht Gott und das, was er spricht, geschieht. Man hat sich gefragt, ob Gott erst spricht, und danach dann geschieht das, was er gesprochen hat. Dies wäre eine Denk-Möglichkeit. Die andere Möglichkeit ist aber viel weitreichender, Nämlich folgende: Indem Gott etwa ES WERDE LICHT spricht, das was damit gesagt wird, geschieht. Gottes Sprache ist also selber schon das Geschehen des Dings. Das Geschehen des Dings geschieht nicht erst nach dem Sprechen, sondern im und als Gesprochen-Werden. Dieser sprachphilosophische Gedanke ist natürlich für uns Menschen erst einmal ungewöhnlich. Denn wir verstehen Sprache als etwas, was Dinge beschreibt. Und nicht als etwas, das das Ding selber ist.

Jedoch auch der Beginn des Johannes-Evangeliums legt ähnliche Gedanken nahe. Dort heißt es: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.” Es scheint so zu sein, dass das Lukasevangelium an seinem Ende an den Anfang der Schöpfungsgeschichte anknüpfen will und an die Idee, dass das Wort Kraft, Tat und Ding selbst ist. In der Auferstehungserzählung des Lukas Kapitel 24 gewinnt diese Sicht eine eigentümliche Verdichtung: Indem die Jünger von Christus sprechen, wird seine Gegenwart nicht als historisch zurückliegendes erinnert, sondern aktualisiert wirklich. Das Sprechen wird zum Ort der Erscheinung.

Zugegeben - hier berühren wir eine Dimension, die sich mit den Kategorien bloßer Körperlichkeit nicht mehr fassen lässt. Der Auferstandene entzieht sich ja der einfachen Alternative von „da“ oder „nicht da“. Er sagt zu Maria Magdalena: „Berühre mich nicht, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgestiegen. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen …” Es geht an dieser Stelle übrigens nicht um ein absolutes Berührungsverbot, sondern um ein Nicht-Festhalten. Und auch hier wird das Wort als Ort des Geschehens vorgestellt. Zugleich ist Jesus nicht Gespenst – darauf legt der Text eigens Gewicht - wenn er von Fleisch und Knochen spricht, vom Essen des Fisches, vom Berührbarsein. Und doch ist seine Gegenwart nicht mehr an die alten Koordinaten der leiblichen Vorfindbarkeit gebunden. Diese hat, wenn man so sagen darf, den Aggregatzustand gewechselt.

Ein Vergleich mit den Aggregatzuständen der chemischen Elemente ist gewagt, aber aufschlussreich: Wie Materie in Abhängigkeit von der Temperatur und dem Druck in verschiedenen Zuständen existieren kann – fest, flüssig, gasförmig oder als Plasma –, so scheint auch die Wirklichkeit des Lebendigen nicht auf eine einzige Weise des Seins festlegbar zu sein. Die leibliche Existenz wird in den Prozessen des Lebens, Glaubens und Sterbens und alles Weiteren (das freilich den Sinnen eindeutig nur begrenzt zuzuordnen ist) nicht aufgehoben, aber die „Existenz” wird durchlässig für eine modifizierte Form von Gegenwart, die sich im und als Wort vollzieht. Wenn gesprochen wird, tritt etwas in den Raum der Hörbarkeit ein – und diese Hörbarkeit ist nicht nur eine begrenzte Form von Gegenwart, sondern eine der stofflichen Gegenwart qualitativ vorgeordnete Präsenz.

Damit erhält auch der scheinbar nebensächliche Hinweis am Ende der Szene sein Gewicht: Jesus versucht zu erklären: „Es musste alles so kommen, weil es schon immer geschrieben stand.“ Das Geschriebene ist hier nicht bloß ein nachträglicher Bericht, sondern der Grund, aus dem die Wirklichkeit überhaupt erst hervorgeht. Das Wort trägt die Wirklichkeit, nicht umgekehrt. Diese Perspektive macht verständlich, warum die christliche Liturgie seit ihren Anfängen auf das Sprechen, Lesen, Singen und Hören (übrigens auch des Schweigens) gegründet ist. Liturgie ist kein Erinnerungsritual im schwachen Sinne, sondern ein Ort, an dem die Gegenwart ihre Kraft zeigt - weil sie geschieht.

Man wird einwenden, dies sei zu wenig. Ja - der kindliche Wunsch nach Greifbarkeit, nach dem sichtbaren, handfesten Jesus, ist menschlich und verständlich. Aber er bliebe an eine Stufe gebunden, die von den Texten selber bereits längst überschritten worden ist. Der Auferstandene lässt sich hier bei Lukas (dem gebildeten griechischen Arzt) zwar berühren – aber entzog seine Leiblichkeit den Emmausjüngern im Ritual des Brotbrechens der Verfügbarkeit. Seine eigentliche Präsenz liegt nicht im Festgehalten-Werden-Können, sondern sozusagen tatsächlich in wortwörtlichem Geschehen.

So liegt im schlichten Vollzug des Redens – im Erzählen, im Hören, im liturgischen Vollzug – eine Bewegung, die mehr ist als Kommunikation. Es ist ein Vollzug, in dem sich Wirklichkeit öffnet. Oder noch unvorsichtiger gesagt: indem sie gehörtwerdend sich ereignet. Dass er mitten unter sie tritt, weil sie von ihm reden, ist daher nicht nur ein Detail der Erzählung. Es ist die verborgene Mitte.

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1) Der Vollständigkeit halber: Ταῦτα δὲ αὐτῶν λαλούντων αὐτὸς ἔστη ἐν μέσῳ αὐτῶν καὶ λέγει αὐτοῖς, Εἰρήνη ὑμῖν. Als klassischen genitivus absolutus wird man Lukas 24,36  meistens nur temporal übersetzen: "Als sie dieses redeten, stellte er sich in ihre Mitte." Der genitivus absolutus ist jene raffinierte partizipiale Konstruktion mit adverbialer Funktion, deren semantische Nuance (temporal, kausal, modal usw.) jeweils kontextuell zu bestimmen ist. Also wäre auch die modale Variante durchaus möglich: „Indem sie dies redeten, stellte er sich in ihre Mitte“. Oder sogar kausal (wenn auch sehr gewagt): „Weil sie dies redeten, stellte er sich in ihre Mitte."

Autor:

Matthias Schollmeyer

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