Morgenespresso
ADVOCATUS DIABOLI
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
„Die Deutschen lieben es, den Anwalt des Teufels zu geben“, las ich in DIE ZEIT. So sagt es Ashley Lynn, eine junge Frau, die aus Florida nach Deutschland gekommen ist, um hier als Seelsorgerin zu arbeiten. Herzlich Willkommen, liebe Ashley, im Land der Dichter und Denker.
Das ist schon einigermaßen schräg, finde ich: Jemand kommt aus Florida nach Deutschland, um hier Seelsorge zu treiben. Haben wir das nötig? Vielleicht. Denn wer im Verdacht steht, den Advocatus Diaboli zu geben, womöglich auch noch einem Volk anzugehören, dem diese Tätigkeit schicksalhaft auf den Leib geschrieben ist, der hat eine Seelsorgerin aus dem Wartesaal Gottes nötig – wie man Florida ja wohl nennt.
Aber Spaß beiseite, Ernst komm her: Wie geht das eigentlich, den Anwalt des Teufels zu spielen? Und nicht nur zu spielen, sondern es auch zu sein? Denn wenn man es nur spielt, wechselt der Teufel die Kanzlei.
Es geht letztlich um das große Spiel und das große Gedankenspiel: ob Gott und der Teufel noch immer miteinander wetten, ob sich die Welt gelohnt hat oder ein kompletter, totaler Fehlschlag gewesen ist. Stichwort Hiob und sein großes Buch mit mehr als 38 Kapiteln.
Zuerst müsste man den Teufel einladen. Und falls er in Untersuchungshaft sitzt, müsste man selbst hingehen, sich durch die Gitter vorarbeiten, einen schweigsamen Vollzugsbeamten an der Seite, der einen dann mit dem Diabolus einschließt. Erst dann kann man ihn befragen.
„Herr Teufel“ – und vielleicht wird er sofort sagen: „Ich bin kein Herr. Ich fühle mich als Frau. Bitte reden Sie mich dementsprechend an.“ Dann sagt man „Frau Teufel“, und es könnte sein, dass er schon in der nächsten Minute sein Geschlecht wieder gewechselt hat. Also sagt man vielleicht „Euer Gnaden“ oder „Majestät“ – oder einfach: „Hey, du Typ?“ Das wird sich in der Situation herausstellen.
Erst recht kommt man in Schwierigkeiten, wenn man den Teufel verteidigen muss. Zumindest in der hohen Politik ist das absehbar. Denn dort gelten nicht mehr die normalen Kategorien, die im Leben eines Bürgers oder meinetwegen auch eines linksgrünen, den Linken zugehörenden Menschen zu gelten scheinen. Wo große Politik gemacht wird, ist der Teufel immer mit im Spiel. Er verkleidet sich als Engel, als Gott, als man selbst, als eine Gruppe Schulmädchen, als eine Schar fanatischer Sprengstoffgürtelträger – und man weiß nicht mehr ein noch aus.
Selbst wenn man die Bibel zu Rate zieht oder andere heilige Bücher, wäre man aufgeschmissen und säße auf dem Trockenen. Wo der Teufel im Spiel ist, wird alles sehr, sehr, sehr kompliziert.
Vielleicht hat er ja auch keinen Anwalt verdient, sondern müsste sich selbst verteidigen. Und am Schluss stellt sich heraus, dass Gott ihn womöglich noch verteidigt: jene Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Ob am Ende alles gut wird, wie es in mancher Familie zu sein scheint, ist fraglich. Wünschen wollen wir es uns trotzdem.
Und aus diesem Grund – nur aus diesem und keinem anderen – braucht auch der Teufel einen Verteidiger, einen Advocatus, einen Hinzugerufenen. Wer den Teufel verteidigt, wird selbst als Teufel angesehen. Das ist der Charme des Advokatenberufs.
Aber wo sind wir hingeraten? Sind wir dem Ziel näher gekommen?
Die Seelsorgerin aus Florida, eine kleine, süße Person, sitzt nun irgendwo in Mainz und schaut durch das Schaufenster eines Straßencafés hinaus auf den kühler werdenden Herbst. Währenddessen erinnern sich in Florida die Delfine in den warmen Pools der Reichen und Superreichen an die Tage der Schöpfung. Sie machen lustige Sprünge und tragen Kinder auf ihren Rücken, denen das als Therapie verschrieben worden ist – teuer bezahlt. Nicht von den Kindern, sondern von ihren Eltern oder Großeltern.
Soll man die böse Kraft verteidigen, den Teufel, dem Teufel ein Advokat sein? Ja, die Deutschen seien so schmerzhaft ehrlich, sagt die Seelsorgerin. Ich denke, das ist tatsächlich eine der Stärken gewesen, die deutsche Philosophen, Schriftsteller und gottbegnadete Komponisten ausgezeichnet hat. Wir lassen uns mitreißen von den Werken dieser Leute, ihrer Musik und ihren dunklen Resonanzräumen. Und wir zählen die Österreicher aus bekannten Gründen zu den deutschen Müttern.
Aber - ach, wenn wir doch etwas anderes auf die Schicksalsbillets geschrieben bekommen hätten! Dann könnten wir Engel sein, Gute, und versuchen, die Rolle zu wechseln.
Solches könnte wenigstens heute, am 24. Oktober, unser Wahlspruch sein. Denn heute hat Emmerich Kálmán Geburtstag, der Operettenkomponist, dem wir so viele schöne Melodien verdanken. Und aus der Sicht der Operette erscheint vieles, von dem wir sagen: „Ach, es ist zu ernst“, plötzlich so unvermutet leicht – wie ein Flaumfederchen in der Thermik des eben zubereiteten heißen Espressos.
Aber - es bleibt trotzdem dabei: Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen. Solches lernt man bereits in der Konfirmandenstunde. Und wenn man DIE ZEIT liest …
Autor:Matthias Schollmeyer |

Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.