HILDBURGHAUSEN
DIE BILDER DER CHRISTUSKIRCHE (3)

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Amandus Gotthold Fehmel
Es ist eine weitere Eigentümlichkeit der Geschichte, dass sie gerade diejenigen zu vergessen scheint, die ihr ein Rückgrat leihen wollten. Und meist blieben die Lärmmacher im Gespräch, nicht die, welche den Lärm ertragen mussten. Und die Schreier werden zitiert, aber Gelehrte nicht verstanden. So zumindest scheint es auch Amandus Gotthold Fehmel ergangen zu sein. Wer war dieser Mann, dessen lebensgroßes Bildnis hinter dem Altar der Hildburghäuser Kirche zu betrachten ist?

Fehmel wurde nur dreiunddreißig Jahre alt. Andere hätten in diesem Alter gerade begonnen, sich wichtig zu nehmen. Fehmel dagegen hatte mit dieser knappen Lebenszeit bereits eine Laufbahn hinter sich gebracht, die heutzutage mehrere Lebensläufe füllen würde. Oberhofprediger war er. Kirchenrat. Generalsuperintendent. Leiter eines Gymnasiums. Professor der Theologie. Man könnte meinen, ein solcher Mann müsse wenigstens in der Erinnerung seines Landes fortleben? Das Gegenteil ist der Fall. Aber – seine Kirche in Hildburghausen kennt das Bildnis des freundlichen Mannes, wohingegen die Historie eine eigentümliche Vorliebe für das nur Mittelmäßige besitzt – das ist tröstlich. Die Geschichte konserviert den Lärm und vergisst die Stillen im Lande.

Fehmel gehörte an der Grenze, wo die orthodox-lutherische Theologie sich in gefühlsmäßige Schwelgerei (Pietismus) zu verwandeln begann, unter die Schar der Stillen, zu jener seltenen Art von Theologen, die noch überzeugt davon waren, dass Gott den Menschen einen Verstand gegeben habe, damit dieser ihn gebrauche. Mit Fehmel befinden wir uns in einer Zeit, als an den deutschen Höfen noch Latein gesprochen wurde, wenn man ernsthaft Wissenschaft betrieb. Bücher waren damals keine Zimmer-Dekoration, sondern wirkliche Werkzeuge. Ein Pfarrer war nicht in erster Linie nur Seelsorger im heutigen therapeutischen Sinne, sondern war Lehrer, Historiker, Philologe und präziser Ausleger der alten Schriften. Die Bibliothek war keine Kulisse, sondern lebensnotwendige Werkstatt. Hier wurde studiert, nicht selten bei Kerzenlicht bis tief in den Morgen hinein.

Gerade deshalb musste Amandus Gotthold Fehmel auch der aufkommende Pietismus recht unerquicklich erschienen sein. Nicht deshalb etwa, weil Frömmigkeit verwerflich wäre. Niemand hätte das behauptet. Sondern deshalb, weil der Pietismus dort, wo er sich selbst genügte, eine eigentümliche Geringschätzung des Wissens entwickelte und viel faule Geister hinter sich sammelte. Leute wir August Hermann Francke sind die Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Wissenschaft erschien den Pietisten lästig – und deshalb machten sie dieselbe verdächtig. Gelehrsamkeit galt ihnen als zu kalt. Das Herz wurde ungerechter Weise gegen den Kopf ausgespielt, als seien beide Feinde und nicht Geschwister. Je weniger Latein einer noch konnte, desto überzeugter sprach er vom Geist. Und je weniger sicher einer in der Kirchengeschichte auskannte, desto sicherer meinte er, Gott ganz unmittelbar verstanden zu haben.

Es ist dies übrigens eine Krankheit, die bis heute nicht ausgestorben ist. Sobald einer behauptet, das Herz genüge völlig, beginnt gewöhnlich sich auch die Dummheit zu regen – bis sie schließlich das ganze Land regiert. Fehmel wusste, dass die Kirche nicht von Gefühlen lebt, sondern von Erinnerung. Erinnerung aber verlangt Kenntnis. Die Schrift muss gelesen und verstanden werden, nicht bloß schwärmerisch empfunden sein. Die Väter müssen studiert und begriffen worden sein. Die Beschlüsse der Konzilien müssen beurteilt werden können. Die Sprachen der Bibel sollen verstanden und angewandt werden. Wer das alles für entbehrlich hält, ersetzt Theologie durch schwärmerische Stimmungsmacherei.

Darum schrieb Fehmel auf Latein. Heute wird darüber hochmütig gelächelt? Man hält das Latein für elitär? Tatsächlich war es das Gegenteil. Latein war damals die gemeinsame Sprache des gebildeten Europas. Wer Latein schrieb, sprach nicht nur zu seinem Dorf, sondern zum gelehrten Kontinent. Fehmels Bücher über die römischen Katakomben, über die Kennzeichen der wahren Religion und über die Streitfragen zwischen den Konfessionen waren Beiträge innerhalb der europäischen Diskussion. Freilich – das Herzogtum Hildburghausen war vergleichsweise klein. Aber sein Oberhofprediger dachte deshalb nicht provinziell. Darin lag seine Größe.

Man stelle sich diesen Hofprediger vor. Morgens Sitzungen des Konsistoriums. Danach Unterricht am Gymnasium. Anschließend wissenschaftliche Korrespondenz. Am Sonntag Predigten. Dazwischen Verwaltung eines ganzen Kirchwesens. Heute würden dafür fünf Behörden eingerichtet. Fehmel erledigte es nahezu allein. Dabei wohnte er an einem Hof, der zwar eher winzig war, aber keineswegs unbedeutend. Ein Herzogtum misst sich nicht nach Quadratkilometern. Es misst sich nach
Geist und Leuten, die es hervorbringt. Der Hildburghäuser Hof wollte nicht bloß regieren; er wollte Bildung ausstrahlen. Und dazu brauchte er Männer wie Fehmel. Herzog Ernst Friedrich I. von Sachsen-Hildburghausen (1681–1724) stand damals an der Spitze des Herzogtums. Er regierte von 1715 bis 1724 und war somit der Landesherr Fehmels während dessen Amtszeit als Generalsuperintendent. Dieser Herzog, unter dem Fehmel seine Ämter zu versehen hatte, war militärisch geprägt und hatte in niederländischen und kaiserlichen Diensten gekämpft. Als eigener Regent wollte er nun seinen kleinen Hof nach dem Vorbild Ludwigs XIV. glanzvoll gestalten. Er ließ umfangreich bauen, unterhielt einen kostspieligen Hofstaat und brachte das Herzogtum dadurch in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Bereits 1717 kam es wegen der hohen Steuerlast zu einer offenen Revolte im Land. Gerade in diesem Umfeld gewann Fehmels Amt wohl besonderes Gewicht. Als Generalsuperintendent war er nicht nur Theologe, sondern gehörte zum engsten Kreis der herzoglichen Regierung. Die Inschrift auf seinem obigen Porträt nennt ihn ausdrücklich „Consiliarius“ – Rat des Herzogs. Er war also nicht bloß Prediger, sondern wirkte auch an der Leitung des Landes mit. Fehmel verstarb bereits 1721, also noch vor dem Zusammenbruch der herzoglichen Finanzen und noch bevor die kaiserlich eingesetzte Vormundschaftsregierung nach 1724 zahlreiche Reformen einleitete. Es wäre spannend zu untersuchen, ob sich in irgendwelchen Konsistorialakten Hinweise darauf finden, wie Fehmel zu der verschwenderischen Hofhaltung Ernst Friedrichs I. gestanden hatte. Ein Gelehrter seines Formats dürfte dazu durchaus eine eigene Meinung gehabt haben – wenn auch vermutlich in der zurückhaltenden Sprache eines Hofrates und nicht in offener Kritik …

Das Porträt zeigt Fehmel nicht mit verzücktem Blick zum Himmel, wie pietistische Theolgen hin und wieder gemalt worden sind. Kein Schwärmer also. Kein Erweckungsprediger – nein, nein. Kein religiöser Virtuose. Hinter Fehmel stehen Bücher. Vor ihm liegt das Amt. Seine Hand weist weder auf den Himmel noch auf das eigene Herz. Sie weist auf die Bücher als das gesammelte und aufzuschlagende Wissen in schmucklosen Regalen aus Holz. Selbst der schwere Vorhang im Hintergrund wirkt nicht theatralisch, sondern wie das Symbol einer Welt, die vom Geheimnis entblößt ist. Der Vorhang ist geöffnet. Nicht damit ein Wunder erscheine, sondern damit die Bibliothek sichtbar werde. Du kannst und du sollst lesen. Bücher sind die „besseren“ Menschen. In ihnen herrscht Ordnung. Alles am Bildnis Fehmels sagt: Hier steht ein Mann, der seinen Platz kennt. Standesgemäß obwaltet er in dem kleinen Herzogtum, dessen Gotteshäuser in Zukunft noch so viel werden erdulden müssen …

Das alte Wort „obwalten“ besitzt eine Würde, die man heutzutage kaum noch versteht. Obwalten bedeutet nicht herrschen. Es bedeutet auch nicht funktionieren. Es bedeutet, einem Amt gerecht zu werden. Das Amt ist größer zu nehmen als die eigene Person. Fehmel spielte sich nicht auf. Er war Diener einer Ordnung, die älter war als er selbst. Wenn wir ein wenig spekulieren wollen, woran der arme Mann denn so früh gestorben ist, finden wir in den bisher bekannten Akten keine Hinweise, keine Leichenpredigt und keine Trauerbekundung. Freilich, früher starb man manchmal Ruck-Zuck und ohne dass es einer erwartet hätte. Wie heißt es heute so aufschlussreich: „Plötzlich und unerwartet”. Könnte es nicht auch sein, dass der arme Mann sich über die finanzielle Situation seines Landes, seines verschwenderischen Herzogs bitter geschämt hat? Wer will als gelehrter und kluger Mann schon in Miseren hinein gezogen werden, die er selber nicht verantworten kann und auch nicht kommen sehen will? Gram – ist eine unliebsame Begleiterin aller Menschen, die ihre Welt und ihr Amt darin ernst nehmen. So mag auch Fehmel, dessen Bildnis so freundlich ausschaut, vielleicht einfach am Kummer gestorben sein? Aber – das ist nur eine Vermutung. Vielleicht liegt auch gerade in diesem stillen Kummer Fehmels über Dinge, die nicht aufzuhalten waren, der Grund dafür, dass er selbst – bis auf das Bild eben – im Reiche des Vergessens zu Hause ist. Vielleicht war es also gar nicht eine Krankheit, sondern Gram, was ihn verzehrt hat?. Nicht Gram eines Beleidigten, sondern Gram eines Menschen, der täglich sehen muss, dass Vernunft sich gegen Torheit nicht behaupten kann. Doch wissen wir es nicht. Und gerade deshalb sollte man schweigen, sobald man mehr behaupten möchte.

Fehmel war einer der letzten Vertreter jener lutherischen Gelehrtenkultur, die man mit dem Begriff der Lutherischen Orthodoxie kennzeichnet; ihr waren Frömmigkeit und Wissenschaft keine Gegensätze, sondern setzten einander jeweils voraus. Fehmel hätte niemals geglaubt, dass ein unwissender Mensch besonders fromm sein könne. Im Gegenteil: Die inbrünstige Liebe zur geistlichen Wahrheit verlangte vorher die Mühe des Denkens. Wer den ganz anderen Gott ehren wollte, musste auch seine eigen menschliche Vernunft ehren, indem er sie richtig gebrauchte. Und genau darin liegt die bleibende Aktualität dieses Mannes, dem wir uns hier mit einigen Zeilen widmen.

Jede Zeit hat ihren eigenen Pietismus. Nicht immer trägt er diesen Namen. Manchmal nennt er sich Authentizität. Manchmal Bauchgefühl. Manchmal Unmittelbarkeit. Immer aber beginnt er mit dem Misstrauen gegen die wirkliche Wissenschaft und Bildung. Und so enden diese sich strukturell ähnlichen Bewegungen immer in Ideologien und mit der Herrschaft zweifelhafter Interessen.

Fehmel – lebte er heute unter uns – hätte dagegen vermutlich nichts Spektakuläres unternommen. Er hätte ein weiteres Buch geschrieben. Eine weitere Disputation geführt. Eine weitere Predigt gehalten. Er hätte gelehrt. Gerade dadurch hätte er Widerstand geleistet. Und vielleicht ist das die vornehmste Form des Widerstandes überhaupt. Nicht laut zu werden. Sondern gebildet zu bleiben – das ist der Widerstand, den wir heute genauso brauchen, wie er früher gebraucht wurde. Und – aus Gram früh sterben, das wollen wir gewiss nicht.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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