Der Radikalste der Reformatoren

Denkmal des Theologen Thomas Müntzer in Mühlhausen (Thüringen). 1525 ging der streitbare Prediger, der bei dem einfachen Volk überaus beliebt war, nach Mühlhausen und gründete dort einen demokratischen Gottesstaat.
  • Denkmal des Theologen Thomas Müntzer in Mühlhausen (Thüringen). 1525 ging der streitbare Prediger, der bei dem einfachen Volk überaus beliebt war, nach Mühlhausen und gründete dort einen demokratischen Gottesstaat.
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Thomas Müntzer: Er verband den geistigen Aufbruch mit einer sozialen Revolution

Von Christian Feldmann

Vergöttert und gehasst wie kaum ein anderer in der deutschen Kirchengeschichte, gilt Thomas Müntzer (1490–1525) als radikalster Geist unter den Kirchenreformern des 16. Jahrhunderts. Er propagierte nicht nur die innere Erleuchtung als Basis der Bibellektüre und den Gottesdienst in deutscher Sprache, sondern auch eine Art urchristlichen Kommunismus und einen Gottesstaat mit demokratischen Anklängen. Thomas Müntzer, der einzige Kirchenreformer des 16. Jahrhunderts, der den geistigen Aufbruch konsequent mit einer sozialen Revolution verband, der frühe Vordenker eines demokratischen Gemeinwesens.

Erfinder der »Deutschen Messe«
Von seinem kurzen Leben wissen wir nicht allzu viel. Geboren wurde er irgendwann um das Jahr 1490 zu Stolberg im Harz. In Quedlinburg ging er zur Schule, in Leipzig und Frankfurt an der Oder hat er studiert, mit welchen Abschlüssen, wissen wir nicht; aber er galt bei Freund und Feind als hochgelehrter Mann.
Als Lehrer, Hilfsprediger, Nonnenbeichtvater finden wir ihn in Braunschweig wieder. 1520 vermittelte Luther seinem jungen Parteigänger, auf den er damals offenbar noch große Stücke hielt, eine Pfarrstelle in Zwickau. Auf der Kanzel zog er gegen Heuchelei und Profitgier zu Felde, es gab Aufruhr, und nach wenigen Monaten kam Müntzer der drohenden Arretierung durch die Flucht Richtung Böhmen zuvor. In Prag, wo die Hussiten ihren kirchenreformerischen Schwung freilich auch schon zu verlieren drohten, tritt Müntzer nun ins volle Licht der Geschichte – mit seinem berühmten »Prager Manifest«.
Polternd, aggressiv, maßlos bricht sie aus ihm heraus, die Wut auf die machtversessenen Kleriker und Hie­rarchen, die kein Interesse an der Seelsorge haben und ihre Pflichten vernachlässigen. Die unflätige Polemik gehörte damals freilich zum ganz normalen Umgangsstil unter geistlichen Autoren und Predigern. Und überdies blitzt hinter all den Beleidigungen und Grobheiten eine unbändige Liebe zu den kleinen Leuten hervor, ein tiefes Mitleid mit den wirtschaftlich Ausgebeuteten und geistig dumm Gehaltenen.
Doch das »Prager Manifest« hat nur ein sehr schwaches Echo. Enttäuscht, aber keineswegs resigniert zieht Thomas Müntzer nach Nordhausen weiter, nach Halle, um sich dann als Prediger im kleinen kursächsischen Allstedt niederzulassen. Hier führt er unter großem Aufsehen die »Deutsche Messe« ein, das heißt, er übersetzt die lateinischen Texte, ersetzt die üblichen knappen Bibelsätze durch zusammenhängende, sinnvoll ausgewählte Lesungen und vereinfacht den Gregorianischen Choral so, dass ihn die ganze Gemeinde auf Deutsch singen kann. Und hier in Allstedt komplettiert er in Predigten und wenigen, aber wuchtig geschriebenen Schriften sein theologisches und politisches Gedankengebäude, mit dem er zum entschlossenen Widerpart der Wittenberger Kirchenreformer um Luther, Melanchthon, Karlstadt wird.
Müntzer gerät bald in Konflikt mit der weltlichen Obrigkeit und den anderen Reformatoren. Luther will eine Revolution in den Köpfen und in den kirchlichen Strukturen, während in Müntzers Augen die Treue zur Bibel auch eine soziale Umwälzung verlangt. Es ist wichtig zu sehen, dass der Allstedter Prediger nicht etwa irgendwelchen politischen Radikalismen ein frommes Mäntelchen umhängt: Es ist die religiöse Leidenschaft, die ihn für das soziale Unrecht mobilisiert. Es ist die Liebe Christi zu den Elenden, die ihn umtreibt, es ist seine Überzeugung von der Würde jedes Menschen und vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, die ihn Konsequenzen fordern lässt: Veränderung der Welt, weil Christus nicht will, dass die einen über die anderen herrschen.
Am 13. Juli 1524, im Schwarzwald und in Oberschwaben, haben sich bereits die Bauern erhoben, hält er in Allstedt dem gerade auf der Durchreise befindlichen sächsischen Landesherrn von der Kirchenkanzel aus eine Standpauke, die als »Fürstenpredigt« bekannt wird.
Müntzer setzt sich deutlich von Luthers unbedingter Treue zur Obrigkeit ab. Unbedingte Treue zur Obrigkeit und Gewaltmonopol des Staates bei Luther, Widerstandsrecht, ja Widerstandspflicht des Volkes und Ansätze zur Volkssouveränität bei Müntzer: Die deutsche Geschichte wäre anders verlaufen, hätte sich der Müntzer-Flügel der Reformation durchgesetzt.
Müntzer flieht von Allstedt nach Mühlhausen. Er verbündet sich mit den Bauern, die überall im oberdeutschen Raum für ihre alten Rechte und gegen die drückende Abgabenlast zu kämpfen beginnen.
In Nürnberg lässt er Streitschriften drucken, die in unerhört aggressivem Ton den Kirchenführern in Rom und Wittenberg gleichermaßen den Kampf ansagen. Luther seinerseits gibt den »Erzteufel«, wie er ihn nennt, zum Abschuss frei.

Anführer des Bauernkrieges in Thüringen
Müntzer bereitet sich darauf vor, die Gruppen von Aufständischen, die da und dort im Thüringischen Klöster und Schlösser stürmen, zu einer großen Erhebung zu vereinigen. Die lokalen Aufstände drohen zum Flächenbrand zu werden. Die Fürsten, Grafen und Herzöge – Katholiken und Protestanten bunt gemischt – vergessen ihre Zwistigkeiten, schicken ein riesiges Heer von mindestens 7 000 Reitern und Infanteristen gegen die Rebellen. Die zählen zwar inzwischen ebenfalls nach Tausenden, sind aber schlecht gerüstet, chaotisch organisiert, ans Kämpfen nicht gewöhnt. Bei Frankenhausen treffen die ungleichen Armeen aufeinander.
Die Bauern haben auf einer Anhöhe eine Wagenburg errichtet. Doch statt sich dort zu verschanzen, verhandeln sie am Fuß des Berges über das Angebot der Fürsten: Gnädige Behandlung gegen Auslieferung ihres Anführers Müntzer. Ohne das Ergebnis der Beratungen abzuwarten, schlägt das Fürstenheer los, feuert aus schweren Geschützen auf die in Panik durcheinanderlaufenden Gegner. In den engen Gässchen von Frankenhausen setzt sich das Massaker fort. Am Ende sind zeitgenössischen Berichten zufolge 5 000 Bauern tot, 600 gefangen. Vom Fürstenheer sind angeblich nur sechs Soldaten gefallen.
Thomas Müntzer wird gefangen genommen, zwölf Tage lang gefoltert und verhört. Ein demütiger Widerruf, den man triumphierend herumzeigt, ist höchstwahrscheinlich nicht echt, denn als er kurz vor seinem Tod öffentlich Reue zeigen soll, weigert er sich und ermahnt stattdessen die Fürsten, das arme Volk nicht länger zu bedrücken. Am 27. Mai 1525 schlägt man ihm den Kopf ab, Kopf und Rumpf werden auf Stangen gespießt und zur Abschreckung ausgestellt. So endet der Versuch, das Evangelium zur Grundlage einer sozial gerechten, in Ansätzen bereits demokratischen Gesellschaft zu machen.

Autor:

EKM Süd aus Weimar

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