Agieren zwischen den Polen

Erinnert: Ein Workshop in Dessau widmete sich der Aufarbeitung der Jugendarbeit in Anhalt in der DDR-Zeit. Hauptsächlich Zeitzeugen kamen zu Wort.
Von Jan Brademann

Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendarbeit der Landeskirche, ehemalige Jugendkonventler und Delegierte der Landessynode sowie einige Pfarrerinnen, Pfarrer und Mitarbeiter der Diakonie trafen sich im Juni im Landeskirchenamt. Die Initiative dazu ging von Dietrich Bungeroth aus, Pfarrer im Ruhestand, Mitglied der Kirchengeschichtlichen Kammer und von 1981 bis 1990 Landesjugendpfarrer.
Die neun Kurzreferate fokussierten zum einen auf Institutionen in bestimmten Zeitabschnitten oder Ereignisse, angefangen bei den Anfeindungen der Jungen Gemeinde in Giersleben bei Einführung der Jugendweihe 1953 (Gerhard Pfennigsdorf), über die progressiven Jugendgottesdienste in der Johanniskirche Dessau 1970/71 (Alfred Radeloff), die Zerbster Kreisjugendtage der 1970er Jahre (Hans-Jürgen Schreiter) sowie die Petersbergtreffen in den 1970er und 80er Jahren (Eberhard Heimrich) bis hin zum Kirchentag in Wittenberg 1983 (Bungeroth). Zum anderen wurden mit den Referaten über »Bekennen in der Friedensfrage« (Bungeroth) und »Kirche im Sozialismus« (Manfred Seifert) allgemeinere Fragen erörtert. Den Abschluss bildete ein Bericht über die kürzlich erfolgte erste Sichtung von Stasi-Unterlagen mit Anhalt-Betreffen (Johannes Lewek).
An die sehr plastisch vorgestellten öffentlichkeitswirksamen Zusammenstöße mit dem SED-Staat knüpften die Referenten jeweils tiefer gehende Überlegungen zur eigenen Handlungsstrategie, zu ihrem Verhältnis zur Kirchenleitung, zur Rolle der Stasi, aber auch zur Betroffenheit einzelner Akteure. Deutlich wurde: Das Spannungsfeld, in dem sich Jugendarbeit vollzog, wurde primär durch die Pole Kirche und atheistischer Staat konstituiert.
Aber es kamen eben auch andere Konfliktlinien hinzu: Für den Aufbau einer zeitweise sehr erfolgreichen »zweiten Öffentlichkeit« im Jugendbereich – etwa auf den jährlichen Petersbergtreffen mit ihren zum Teil über 4 000 Teilnehmern – war auch die Ausdifferenzierung der Subkulturen der DDR-Jugend eine Grundbedingung (Stichworte: »Langhaarige«, »Gammler«). Der große Erfolg der Friedensdekade seit 1979 wäre ohne die Kontakte zu den Partnerkirchen in der BRD sowie die auch außerhalb der Kirche verbreitete Abwehrhaltung gegenüber dem Wettrüsten und den von der SED propagierten militärischen Pseudo-
pazifismus wohl nicht denkbar gewesen.

Persönliche Zeugnisse und Dokumente

Als konzeptionelle Klammer ihres Engagements empfanden Referenten wie Diskutanten in der Rückschau die von Albrecht Schönherr geprägte Formel »Kirche im Sozialismus«. Mit ihr lässt sich eine Grundhaltung auf den Punkt bringen, der es zwischen den Polen ›Anpassung‹ und ›Ablehnung‹ um die Entfaltung evangelischer Identität unter Anerkennung der politischen Verhältnisse ging. Die offene oder verdeckte Kritik am System gehörte konstitutiv dazu, auch wenn – nicht zuletzt zwischen Jugend und Kirchenleitung – die Frage umstritten blieb, wie weit man dabei gehen konnte.
Neben diesen inhaltlichen Akzent ist eine methodische Beobachtung zu stellen: Es handelte sich bei den meisten Referaten im Kern um Zeitzeugenberichte. Wissensbestände, die sich auf das persönliche Gedächtnis stützen, wurden dabei mit solchen aus überlieferten Dokumenten verbunden. Dieser ›Mix‹ ist als doppelte Überlieferungschance zu sehen: Zum einen werden für die Kirchengeschichtsforschung in einem Bereich, bei dem vieles gar nicht verschriftlicht wurde, neue Quellen (Zeitzeugenberichte) produziert. Zum anderen werden dezentral und durch persönliche Wertschätzung überlieferte Unterlagen – die Rede war zum Beispiel von Tonbändern und Kassetten, aber auch Predigten und Briefen in privater Hand – identifiziert. Ob der Aktenbestand im Archiv der Landeskirche und die Sammlung der Zeitzeugenberichte später dazu führen werden, eine »Geschichte der Jugendarbeit in Anhalt« zu schreiben, blieb zunächst noch offen.

Autor:

Evangelische Landeskirche Anhalts aus Dessau

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