ein tag lang
Dankbarkeit als Pflicht
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Irgendwann haben wir in der Schule das Rechnen erlernt. Wir setzten Zeichen zwischen Zahlen und entdeckten, dass diese Zeichen nicht bloß Striche auf dem Papier waren. Nein, nein - schon ein kleine Kreuz bedeutete, dass es mehr wird. Ein einfacher Strich bedeutete - weniger. Der Punkt hieß, Zahlen aneinander wachsen zu lassen, der Doppelpunkt schuf Teile mit gleichem Maß. Das ist Lernen. Im Kopf ging eine Tür auf ...
Später kamen kompliziertere Zeichen hinzu. Zum Beispiel zwei Minuszeichen übereinander - von einem kleinen Dach behütet. Das bedeutet: Eins entspricht dem anderen. Diese beiden sind aber nicht einfach identisch. Doch zwischen ihnen besteht Ähnlichkeit. Man entspricht einander.
Die Entsprechung ist die wichtigste Bewegung des menschlichen Denkens. Wir vergleichen, um zu verstehen. Wir fragen, was aus einer fernen Zeit auch unserer heutigen Erfahrung entspricht. Ein Kaiser des sechzehnten Jahrhunderts etwa, der freilich kein Regierungschef der Gegenwart ist. Ein zerfallenes Reich am Rande der Neuzeit und ein moderner Staat, mit dem es bergab geht. Beides führt zu dem Punkt, wo die Frage entsteht: Was kann politische Macht zusammenhalten? Und wann muss man anerkennen, dass die Ordnung an ihre Grenze gekommen ist?
Ein gutes Beispiel bietet Karl V., der große Kaiser, der sich in Worms mit Luther auseinandersetzte und dadurch die Einheit der Christenheit zu bewahren hoffte. Er erbte ein Reich, das in mehreren Erdteilen lag und doch nicht einfach ein einheitlicher Staat war. Zu seinen Herrschaftsgebieten gehörten Spanien, die Niederlande, Teile Italiens, die habsburgischen Länder und die weitreichenden Besitzungen in Übersee. Karl war ständig unterwegs. Er musste reisen, verhandeln, Krieg führen und immer wieder versuchen, die Teile seiner Herrschaft zusammenzuhalten.
Man kann sich vorstellen, wie gut es gewesen wäre, hätte er sein Reich unter der christlichen Fahne zu einen vermocht. Er selbst beschreibt anlässlich seiner Abdankungsrede am 25. Oktober 1555 in Brüssel, er habe die Kaiserwürde nicht gesucht, um möglichst viele Länder zu besitzen, sondern um Frieden unter den christlichen Völkern zu schaffen und ihre Kräfte gegen die Osmanen zu sammeln. Doch dieses Ziel ging nicht auf. Die Reformation hatte die Einheit des Reiches erschüttert; die Kämpfe gegen die protestantischen Fürsten und die äußeren Gegner des Kaisers brachten keine dauerhafte Lösung.
Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 war deshalb ein schwerer Einschnitt. Er schuf eine äußerlich rechtliche Ordnung für ein Reich, das konfessionell innerlich nicht mehr einheitlich war. Die Spaltung verschwand nicht; sie wurde politisch eingehegt. Das war ein Versuch, den Frieden zu sichern, aber auch das Eingeständnis, dass Karl seine ursprüngliche Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Einheit nicht hatte verwirklichen können.
Das ist ungefähr so, als beschlösse man einen Tankrabatt, der einen Tag lang funktioniert. Am nächsten Tag steht man mit seiner Kutsche vor den Preisschildern und stellt fest, dass der Sprit noch teurer geworden ist. Ein politischer Beschluss kann den Preis nicht einfach abschaffen, kann ihn für Momente vorübergehend verdecken, verschieben oder anders verteilen. Die Wirklichkeit aber fährt überteuert weiter, auch wenn die Verordnung gut gemeint war - sie ist schon überholt, bevor man merkte, dass sie da war.
Karl V. warf den Bettel hin. „Das war’s. Ich ziehe mich zurück – zum Golfspielen oder zu meiner Uhrensammlung.” Karl hatte sich für Uhren entschieden. Er interessierte sich schon lange für mechanische Uhrwerke und nahm mehrere Zeitmesser mit nach Yuste, wo er schließlich - von der Gicht geplagt - das Zeitliche segnete. Die komplizierten Werke betreute vor allem sein Hofuhrmacher Juanelo Turriano. In Yuste richtete Turriano seine Werkstatt ein; so stand in Karls Wohnräumen ein kostbarer astronomischer Mechanismus. Ein Inventar nach dem Tod des Kaisers verzeichnete sieben Uhren, neben kleineren Stücken.
Die Uhrensammlung des zurückgetretenen Kaisers lässt sich gut verstehen. Uhren folgen einer Ordnung, die man sehen kann. Jedes Rad greift in ein anderes; jedes Teil hat seine Aufgabe. Nimmt man ein Rädchen heraus, bleibt das Werk stehen. Setzt man es wieder ein, beginnt es erneut zu laufen. Man kann die Bewegung berechnen, die Anzeige prüfen und die Uhr vor- oder zurückstellen. Sie zeigt dann zwar eine andere Stunde an, aber auch diese lässt sich wieder in ein System einordnen.
Der Kaiser, ein frommer Mann und ein Mann großer Macht, konnte seinem Uhrmacher die kompliziertesten Werke in Auftrag geben. Er konnte den fertigen Fabrikaten beim Stundenschlag zuhören, sie betrachten, vielleicht auch an ihnen lernen. In der Werkstatt lässt sich eine kleine Welt herstellen, die gehorcht. Das ist nicht wenig. Es kann eine Schule der Aufmerksamkeit und der Ordnung sein. Aber die kleine Welt bleibt klein. Draußen, im Reich, laufen die Dinge anders weiter. Dort lässt sich kein Rad herausnehmen, ohne dass ein anderes ins Leere greift. Dort gehorchen die Menschen nicht wie Teile eines Uhrwerks, und die Wirklichkeit hält nicht still, wenn der Herrscher auf dem Papier den Zeiger verstellt.
Der Kaiser musste schließlich anerkennen, dass seine Kräfte nachließen und die politische Aufgabe nicht mehr zu bewältigen war. Die Gicht machte ihm schwer zu schaffen. Doch die Krankheit allein erklärt seine Abdankung nicht. Er hatte den Gedanken des Rückzugs schon früher erwogen, ihn aber wegen der politischen Krisen aufgeschoben. Nun übergab er die Herrschaft schrittweise: Die Niederlande gingen 1555 an seinen Sohn Philipp, die spanischen Länder 1556 ebenfalls; die Kaiserwürde und die österreichischen Besitzungen überließ er seinem Bruder Ferdinand. Die Übergabe war kein einzelner Augenblick, sondern eine wohlüberlegte Neuordnung des Hauses Habsburg.
An einem Tag wie dem 3. Oktober, an dem wir der deutschen Einheit gedenken, kommen einem die absonderlichsten Gedanken in den Sinn. Die Frage nach Entsprechungen drängt sich auf. Was kann die Geschichte uns lehren? Die beiden Uhren links und rechts der Elbe gingen lange verschieden. 1990 wurden die getrennten deutschen Staaten zu einem Uhrwerk zusammengesetzt – zu einem komplexen Uhrwerk, dessen Zahnräder - nicht ohne Reibung und Zahnverlust - nun ineinandergreifen mussten. Die Vier Siegermächte beendeten ihre Rechte und Verantwortlichkeiten für Deutschland als Ganzes; die Deutsche Einheit erhielt damit auch ihre volle völkerrechtliche Gestalt. Ob es so bleiben kann und wird? Alle hoffen das …
Sechzehn teilautonome Länder bilden seither die politische Gestalt des vereinten Deutschlands. Doch Einheit bedeutet nicht, dass alle Zahnräder gleich groß wären oder sich stets mit derselben Geschwindigkeit drehten. Eine politische Gemeinschaft kann Verschiedenheit nicht dadurch überwinden, dass sie sie leugnet. Die gemeinsame Ordnung wird immer wieder überprüft. Durch wirtschaftliche Unterschiede, durch Erinnerungen, die sich nicht angleichen lassen, durch Erwartungen an Gerechtigkeit und durch die Erfahrung, dass ein Beschluss am Tag seiner Verkündung noch nicht die Wirklichkeit der folgenden Jahrzehnte bedeutet. Der aufmerksame Leser wird bemerken, welche Vergleichsmöglichkeiten sich hier eröffnen – zwischen verschiedenen Herrscherhäusern und Herrschaftssystemen, zwischen dem Reich Karls V. und unserer politischen Gegenwart. Was geschieht, wenn eine politische Ordnung die Verschiedenheit ihrer Teile nicht mehr zusammenzuhalten vermag, lässt sich an Hand der Geschichte im guten und weniger Guten buchstabieren ...
Dankbarkeit dafür, dass der Mantel der Geschichte bei seinem Hinweggleiten über die nunmehr sechzehn deutschen Länder nicht alles hinweggefegt hat, sondern das Allermeiste stehen ließ, ist heute wohl sogar eine Pflicht. Solche Dankbarkeit muss nicht in Verklärung umschlagen. Geschichte funktioniert nicht wie ein sauber laufendes Uhrwerk, das hin und wieder nur des Öls bedarf. Sie ist auch ein System zu organisierender Grausamkeiten, indem auf der einen Seite Menschen gewinnen und auf der anderen verlieren, weil Subventionen oder Sanktionen ausgerufen werden müssen. Was für die einen als notwendige Ordnung erscheint, kann für andere eine Zumutung bedeuten. Das Politische kommt nicht ohne Entscheidungen aus; und keine dieser Entscheidungen wird dadurch gerecht, dass sie mehrheitlich beschlossen wurde. Aber die Dankbarkeit ist am 3. Oktober Pflicht.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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