Die Wurzel trägt dich (Römer 11,18)
auf den „Israelsonntag“ am 9.8.2026

Es gehört zu den genialen Ideen des Apostels Paulus, dass er das Verhältnis der jungen Christenheit zum alten Gottesvolk Israel mit einem Bilde erklärt, von dem heute vermutlich mehr Menschen den Namen als die Sache selbst kennen. Gemeint ist das Veredeln – oder Auf-Pfropfen. Ein Edelreis oder Edelzweig eines Baumes wird abgeschnitten und einem anderen Baum eingesetzt. Dort wächst er – wenn alles gut geht – an und besten Falls (wenn es gelingt) auch weiter. Ja – er lebt weiter, aber er lebt nun aus einer Wurzel, die nicht die seine war und auch nicht ist und nie wird. Paulus wusste offenbar, dass sein Bild etwas Gewaltsames, ja beinahe Widernatürliches hatte. Er selbst nennt den Vorgang para physin, wider die Natur. Ein wilder Ölbaumzweig nämlich wird in den edlen alten Ölbaum eingesetzt.

Kaum ist der wilde Zweig angewachsen, scheint er bereits in jene Versuchung zu geraten, die erfolgreiche Neuankömmlinge seit jeher befällt: Er hält das Haus, in das er aufgenommen wurde, allmählich für sein eigenes. Auch heute ist das zu beobachten: Stichwort Migration. Da gibt es einige, die behaupten Europa müsse islamisch werden. Deshalb der beinahe barsche Satz des Apostels: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

Man könnte denselben Gedanken auch in der Sprache unserer technischen Welt auszudrücken versuchen. Von dem Philosophen Peters Sloterdijk stammt der Spruch „das Christentum ist die Fortsetzung des Judentums mit anderen Mitteln“ und wie interessant das auch klingen mag, wir müssen dazu folgendes bemerken, damit ja keine Missverständnisse entstehen. Das Christentum ist nicht das Betriebssystem Israel 2.0, das nach erfolgreicher Installation die ältere Version überschrieben oder gar gelöscht hätte. Es ist zunächst ein fremdes Modul, das Zugang zu einer logischen Architektur erhalten hat, die lange vor ihm bestand. Und die eigentümliche Tragik der christlichen Geschichte besteht darin, dass dieses neue Modul irgendwann erklärte, es selbst sei nun das ganze System und die ursprünglichen Komponenten seien überflüssig geworden.

Dabei braucht man nur einmal aufzuschreiben, was das Christentum Israel verdankt, und man erschrickt über die „Größe der ontologischen Schuld”, wenn man es so nennen will. Es verdankt ihm zunächst Gott. Nicht irgendeinen Gott, nicht das namenlose Göttliche und nicht den theoretischen Gott der Philosophen, sondern den in Geschichten erzählten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; den Gott, der ruft und erwählt, zürnt und vergibt, sich verbirgt und wieder finden lässt. Das Christentum verdankt Israel die ungeheure Vorstellung, dass die Welt zielgerichtete Schöpfung sei und nicht bloß blinde Natur; dass die Geschichte ein Woher und ein Wohin besitzt; dass der Mensch nicht lediglich ein besonders kluges Tier, sondern Ebenbild Gottes ist; dass Schuld wirklich Schuld und Vergebung wirklich Vergebung sein kann.

Es verdankt Israel Abraham unter dem Sternenhimmel am Opferstein und Jakob bei der Himmelsleiter und am Jabbok, Mose im Schilfkörbchen und vor dem raunenden Feuerstrauch, David mit seiner Schuld und seinem Erfolg, Elia in der Wüste und Jesaja mit seinen Visionen. Es verdankt Israel die Josefsgeschichte, vielleicht als schönste Erzählung der Weltliteratur gilt, und Hiob, um den Gott und Satan ein Wettspiel vereinbarten. Es verdankt Israel die Propheten, also jene merkwürdigen Männer, die es wagten, einer religiösen Gesellschaft zu sagen, dass Gott an ihren Gottesdiensten möglicherweise überhaupt keinen Gefallen habe, solange vor der Tür des Heiligtums das Recht mit Füßen getreten wird.

Und es verdankt Israel die Psalmen als Gebetbuch der Bibel. Das sollte man nicht unterschätzen. Seit zweitausend Jahren betet die Kirche überwiegend mit Worten, die sie nicht selbst erfunden hat. Wenn der Mönch nachts aufsteht, wenn die Gemeinde einen Toten zu Grabe trägt, wenn einer jubelt und wenn einer an Gott verzweifelt, greift das Christentum in den jüdischen Gebetsschatz. Selbst Jesus stirbt gemäß der Überlieferung mit einem Psalm auf den Lippen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist vielleicht einer der erstaunlichsten Sätze der Religionsgeschichte. Denn hier wird der Zweifel nicht außerhalb des Glaubens angesiedelt. Er wird Gebet. Der Mensch sagt nicht: „Gott hat mich verlassen, folglich gibt es keinen Gott.” Er sagt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Besonders also die Erfahrung der Gottesferne wird in die Gottesbeziehung hineingenommen – und macht sie geradezu erst aus … Der Abwesende bleibt der Angeredete – um so mehr er schweigt.

Man sollte daraus allerdings nicht vorschnell den Satz machen, Gott sei weder gut noch böse, sondern einfach das Ganze. Obwohl das sicher stimmt. Es wäre jedoch eher eine metaphysische Aussage als eine biblische. Die Bibel hält an der Güte Gottes fest und erlaubt zugleich Erfahrungen, die dieser Güte mit geradezu empörender Evidenz widersprechen. Sie löst den Widerspruch nicht auf. Sie hält ihn aus. Hiob tut das, Psalm 22 tut es, und nach Auschwitz bekommt diese uralte jüdische Fähigkeit, Gott anzuklagen, ohne ihn deshalb aus dem Gespräch zu entlassen, eine kaum erträgliche Tiefe.

Und damit kommen wir zur schwierigeren Gegenfrage: Was verdankt das Judentum dem Christentum? Schon die Formulierung hat etwas Anstößiges. Denn zunächst könnte ein Jude auf diese Frage mit bitterem Recht antworten: Was wir euch verdanken? Kreuzzugspogrome, Zwangstaufen, Vertreibungen, Ghettos, Berufsverbote, Judenpredigten, Ritualmordlegenden und Scheiterhaufen. Und schließlich Auschwitz.

Hier muss man sehr genau sein. Die Shoah (der Massenmord an der jüdischstämmigen Bevölkerung Europas) lässt sich nicht einfach als christliches Unternehmen bezeichnen. Der nationalsozialistische Rassenantisemitismus war etwas anderes als der ältere christliche Antijudaismus; er konnte sogar ausdrücklich antichristliche Züge annehmen. Aber ebenso wenig darf das christliche Europa so tun, als sei der Antisemitismus 1933 plötzlich vom Himmel gefallen. Jahrhundertelang waren Bilder vom verstockten, verworfenen oder gottesmörderischen Juden Bestandteil christlicher Kultur gewesen. Der rassistische Antisemitismus konnte einen Boden betreten, der keineswegs unvorbereitet war. Das gehört zur Wahrheit der Wurzelgeschichte unauslöschlich dazu. Der eingepfropfte Zweig hat sich nicht nur über die Wurzel erhoben. Er hat sie gelegentlich mit Füßen getreten – und wollte sie gar ausreißen und aus der eigenen Wurzel springen.

Dennoch endet die Geschichte hier nicht. Denn dasselbe christlich geprägte Europa wurde – in einem langen Prozess, oftmals gegen die Kirchen und doch ebenso unter Aufnahme christlicher Gedanken – zum Entstehungsraum einer politischen Ordnung, in der das Individuum zunehmend nicht mehr danach beurteilt werden sollte, welcher Religion es angehörte. Die Idee der unantastbaren Person, die Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Gewalt, das Gewissen als letzte Instanz persönlicher Verantwortung, die Begrenzung politischer Macht und Gewaltenteilung, später Menschenrechte, Rechtsgleichheit und Religionsfreiheit: All dies hat nicht eine einzige Wurzel. Jerusalem, Athen und Rom, Christentum, Renaissance, Reformation, Naturrecht, Aufklärung und Religionskritik haben daran gearbeitet. Aber das Ergebnis war revolutionär. Zum ersten Mal konnte der Jude zumindest dem Anspruch des Rechts nach Bürger sein, ohne zuvor aufhören zu müssen, Jude mit mosaischem Bekenntnis zu sein.

Und nun geschah etwas, womit die Mehrheitsgesellschaft kaum gerechnet hatte. Die emanzipierten Juden wurden nicht bloß Nutznießer der europäischen Moderne. Sie wurden zu ihren Mitautoren. Jüdische Ärzte und Physiker, Bankiers und Juristen, Musiker und Schriftsteller, Philosophen und Psychologen, Verleger und Unternehmer traten aus den ehemals erzwungen begrenzten Sonderräumen heraus und prägten die europäische Kultur in einem Ausmaß, das in keinem Verhältnis zu ihrer zahlenmäßigen Größe (Minderheit) stand. Man könnte beinahe sagen: Europa öffnete eine Tür und entdeckte erst danach, wen es jahrhundertelang vor dieser Tür hatte warten lassen.

Und damit beginnt eine eigentümliche Rückkopplung. Israel hatte dem Christentum seine Geschichten gegeben. Das Christentum hatte diese Geschichten über die Erde getragen. Es hatte Abraham und Mose, David und Jesaja in Sprachen übersetzt, die diese Namen zuvor nicht gekannt hatten. Es baute Kathedralen und malte ihre Geschichten an die Wände. Es komponierte Psalmen, Passionsmusiken und Oratorien. Es machte die hebräische Bibel, christlich gelesen und christlich angeeignet, zu einem Grundbuch Europas. Der thüringische Bauer, der niemals einem Juden begegnet war, kannte dennoch Adam und Eva, Noah und Abraham, Mose und David. Das ist eines der großen Paradoxe dieser Geschichte: Das Christentum machte jüdische Geschichten weltberühmt und konnte gleichzeitig wirkliche Juden verachten.

Dann kam die Emanzipation. Und nun betraten wirkliche Juden jene Welt, die seit Jahrhunderten von ihren eigenen Geschichten erfüllt war. Der Dialog begann unter neuen Bedingungen. Darum wäre „Symbiose“ ein schönes, aber zu harmloses Wort. Eine Symbiose klingt nach vernünftiger Arbeitsteilung. Diese Geschichte dagegen kennt Nähe und Hass, Aneignung und Abstoßung, Talmudverbrennung und Bibelübersetzung, Ghetto und Universität, Taufe und Emanzipation, Mendelssohn und Wagner, Assimilation und Vernichtung. Vielleicht sollte man deshalb lieber von einer gefährlich-gefährdeten Verwandtschaft sprechen. Denn Verwandte kann man verleugnen. Man kann sich mit ihnen zerstreiten. Man kann sogar versuchen, jede Erinnerung an sie aus dem Familienalbum zu entfernen. Man kann aber nicht ungeschehen machen, dass man verwandt ist.

Und hier erhält das paulinische Bild seine ganze Kraft zurück. Der wilde Zweig hat die Wurzel nicht geschaffen. Aber auch die Geschichte des Baumes ist nach zweitausend Jahren nicht mehr dieselbe wie zuvor. Der Zweig hat aus der fremden Wurzel gelebt und große gute Früchte hervorgebracht, die weit über den ursprünglichen geographischen Raum der Ursprungswurzel hinausgingen. Das Christentum trug die hebräischen Schriften nach Europa, Afrika, Amerika und Asien. Und das Judentum begegnete seinerseits durch diese Welt hindurch einer globalisierten Gestalt seiner eigenen Überlieferung. Beide haben sich nicht miteinander vermischt. Aber beide haben miteinander Geschichte gemacht. Und aus dieser Geschichte ist ein erheblicher Teil dessen hervorgegangen, was wir heute den Westen nennen.

Dabei muss eine Unterscheidung ausgesprochen werden, die gerade am Israelsonntag leicht verloren geht. Das biblische Israel, das jüdische Volk und der moderne Staat Israel sind nicht einfach drei Namen für dieselbe Sache. Der Staat Israel ist ein konkreter historischer Nationalstaat, gegründet 1948, mit Regierung und Opposition, Armee und Gerichten, Parteien und geopolitischen Interessen, Grenzen und politischen Entscheidungen. Wie jeder Staat kann er klug oder töricht, gerecht oder ungerecht handeln; seine Politik darf bejaht, kritisiert und nach den Maßstäben des Rechts beurteilt werden. Das biblische Israel dagegen ist eine theologische Größe: das Volk der Erwählung und Verheißung, der Adressat des Bundes, der geschichtliche Raum, in dem das, was man biblische Offenbarung zu nennen gewohnt ist, Gestalt gewonnen hat. Und das gegenwärtige Judentum wiederum ist eine lebendige religiöse, kulturelle und geschichtliche Wirklichkeit, die weder in einem Staat noch in einer politischen Position aufgeht.

Wer diese Ebenen miteinander verwechseln will, macht aus Theologie Politik oder aus Politik Theologie. Paulus spricht in Römer 11 nicht über die Regierung eines Staates. Er spricht über das Geheimnis Israels vor Gott. Das ist gerade heute wichtig. Aus dem theologischen Satz „Die Wurzel trägt dich“ folgt keine Verpflichtung, jede Entscheidung einer israelischen Regierung gutzuheißen. Aber ebenso wenig kann politische Kritik das theologische Verhältnis der Kirche zu Israel aufheben. Eine Regierung ist nicht die Wurzel. Ein Staat ist nicht Gott. Und Gottes Verheißung ist kein außenpolitisches Parteiprogramm.

Vielleicht kann man erst nach dieser Unterscheidung wieder unbelasteter auf den Ölbaum schauen. Denn Paulus stellt schließlich noch eine viel kühnere Behauptung auf. Die herausgebrochenen natürlichen Zweige können wieder eingepfropft werden. Und er sagt sogar: Wenn Gott einen wilden Zweig wider die Natur einpfropfen konnte, wie viel mehr vermag er die natürlichen Zweige wieder in ihren eigenen Ölbaum einzupfropfen. Ihren eigenen. Dieses kleine Wort verhindert jede christliche Besitzergreifung. Der Baum wird nicht dadurch christlich, dass Christen in ihm wachsen.

Und damit bekommt auch die Frage „Was verdankt das Judentum dem Christentum?“ ihre letzte Antwort. Vielleicht sollte das Christentum darauf überhaupt nicht mit einer Bilanz antworten. Nicht: Wir bekamen von euch die Bibel, dafür bekamt ihr von uns dies und das … So führt Gott keine Buchhaltung. Historisch lässt sich von gegenseitiger Wirkung sprechen. Theologisch aber bleibt eine Asymmetrie bestehen. Das Christentum kann sich selbst ohne Israel nicht verstehen. Das Judentum konnte sich sehr wohl ohne das Christentum verstehen, ehe es dieses gab.

Der wilde Ölbaum hatte seine eigene Wurzel. Paulus lässt einen Zweig davon abschneiden und sich an eine andere Wurzel anschmiegen und anders weiterleben. Warum? Weil für ihn mit dem Gott Israels und dem Messias Israels etwas geschehen war, das auch die fremden Völker in die herrliche Verheißung Abrahams hinein zu führen vermochte. Das ist keine Gleichung. Es ist eine Pfropfung oder Veredelung. Und vielleicht besteht die christliche Tugend des Israelsonntags deshalb nicht zuerst darin, etwas über Juden zu sagen. Vielleicht besteht sie darin, für einen Augenblick die eigene Hand an den Stamm zu legen und zu begreifen: Ich bin später gekommen. Abraham war vor mir. Mose war vor mir. Die Propheten waren vor mir. Die Psalmen waren vor mir. Maria war Jüdin. Die Apostel waren Juden. Jesus war Jude. Und wenn ich bete, spreche ich bis heute Worte, die Israel vor mir gesprochen hat.

Darum ist der Satz des Paulus keine höfliche Empfehlung für interreligiöse Freundlichkeit. Er ist eine Lektion über das Gedächtnis: Nicht du trägst die Wurzel. Die Wurzel trägt dich. Der Zweig darf wachsen, er darf Blätter treiben, er darf sogar Früchte hervorbringen, die niemand vorausgesehen hat. Nur eines darf er nicht: vergessen, woher sein Saft kommt.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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