Die Musen am Denkmal
Herr Phaistos - ein Dramolett
- die Muse Thalia (Komödie) mit dem Gott Herrn Phaistos (Hephaistos) im Gespräch über die Statue des Herzogs Georg II. von Sachsen-Meiningen
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
HERR PHAISTOS - DRAMOLETT FÜR DIE FIGUR EINES HERZOGS
PERSONEN
• der Musenführer Apollon
DIE NEUN MUSEN:
• Kalliope (epische Dichtung)
• Klio (Geschichte)
• Erato (Liebesdichtung)
• Euterpe (Musik)
• Melpomene (Tragödie)
• Thalia (Komödie)
• Terpsichore (Tanz)
• Polyhymnia (Hymnus, Andacht)
• Urania (Sternkunde)
WEITERE ROLLEN:
• der Geist Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen
• Herr Phaistos, ein Schmied (alias Hephaistos)
• das Standbild (stumm)
• ein Hammer
S Z E N E:
Nacht. Mondlicht. Der Park in der alten Residenzstadt Meiningen. Ein Denkmal steht unbewegt, schwer und eigensinnig in der Gegend herum. Das kalte Licht des abnehmenden Mondes liegt auf der mit allerlei Farbe bedeckten Bronze. Ein leiser Wind macht sich auf und zu den Tönen der Glasharfe („Voiles“, Prélude aus dem 1. Buch der Préludes von Claude Debussy) erscheinen die neun Musen mit ihrem Führer, dem Gott Apollon. Sie treten langsam aus dem Halbdunkel auf die mondbeschienene Lichtung vor das Standbild. Apollon bleibt vor dem Standbild stehen, das dem Herzog von Sachsen-Meiningen, Georg II. gewidmet sein soll … Die Musen gruppieren sich trauend um ihn.
APOLLON
(leise, beinahe nüchtern)
Hier also. Hier also hat man,
hat man den, der Formen so liebte,
gestellt in die Formlosigkeit.
(Stille - die Musik setzt neu an)
KALLIOPE
Ich bettete Helden in Verse einst,
hier stolpre ich über den Klumpen.
Kein Anfang, kein Ziel – nur Masse.
KLIO
Die Geschichte merkt sich alles.
Auch diesen Kolloss.
Und sie wird fragen:
Wer hat hier wen verfehlt?
ERATO
Wo ist die Anmut?
Wo die Verführung der Linien?
Ich finde nur hässlichen Widerstand.
EUTERPE
Ich hör keinen Klang.
Nur dumpfes Schweigen
die Bronze - sonst singende Glocke -
sie ist entweiht.
MELPOMENE
Zwar ist es Tragödie.
Doch fehlt alle Größe.
Dies ist ein Sturz -
ein Sturz ohne Höhe.
THALIA
(lacht kurz, hart)
Und doch – ich muss lachen.
Denn es ist wohl nicht ernst gemeint.
Hier hat sich der Künstler
im Scherz nur erprobt,
trunken griff er zum Meißel
im Rausche schuf er ein Scheusal.
TERPSICHORE
Kein Schritt lenkt den Körper,
und keine Bewegung ist an ihm.
Selbst der erhobene Arm -
er tanzt nicht.
Gefühllos als Klotz,
ein stumpfer Prolet.
POLYHYMNIA
Ich such’ das Erhabene
und find’ eine Geste,
niemand erhebt das
und stiftet nicht Andacht -
sondern Verdruss.
URANIA
Die Sterne sind klar.
Sie ziehen den ewigen Weg durch die Himmel.
Doch dieses Gebilde kennt keine Ordnung.
(Stille. Der Wind hebt an, vermehrt zu wehen …)
APOLLON
(ruhig, fast streng)
Man hat den Dionysos losgelassen
den groben Zerstörer
Zeus’ launigen Sohn -
entsprossen nicht dem Schoße
der zärtlich nährenden Mutter,
sondern dem Schenkel
des Blitzeentsenders.
Hier steht er furchtbar als Zeichen.
„Voiles“, Prélude aus dem 1. Buch der Préludes von Claude Debussy verklingt leise im Unhörbaren. Ein fernes, kaum hörbares Geräusch beginnt zu ertönen. Der Geist Herzog Georg II. von Sachen-Meiningen erscheint als ein flackerndes Licht, dann - so wie man ihn gewöhnlich kennt, groß, schön, mit gewaltigem Bart, gütigen Augen und ehrfurchtsgebietender Anwandlung - nimmt er Gestalt an, tritt hervor – blass, wach, ironisch.
GEORG II.
Also seid ihr hergekommen.
Teure Musen, teurer Gott -
Ich neige mich vor euch,
ihr holden Genien und auch vor dir,
der du sie führst als Fürst der Schönheit.
Lobpreis den Zeiten,
da ich noch Theater spielte
und nicht den Herzog geben musste.
Nun aber bin ich drunten im Hades
und muss regieren,
wenn der Alte über Land fährt.
Und vorbei die selige Zeit,
als wir abdanken durften.
Mein Vater Bernhard II.
und Bernhard III., mein lieber Sohn.
(Sieht das Denkmal an)
Man hat mich gut versteckt
in diesem Ungetüm.
Georg II. schlägt mit einem Hämmerchen an die Figur, die im Mondlicht noch furchtbarer aussieht als im Licht der Sonne. Es gibt einen hässlich-tritonischen Ton.
KALLIOPE
Wir erkennen dich wieder,
Urururenkel von Ernst, dem Frommen.
KLIO
Und die Geschichte vergisst dich nimmer.
GEORG II.
(schmunzelt trocken)
Die Form hier aber - sie will mich verhöhnen?
Ich aber, - ich höhne sie -
so sind wir beide uns einig.
(Pause)
Nun gut aber. Ich scheue mich nicht.
Wenn schon – dann ganz.
Der Geist Georg II. von Sachsen Meiningen nähert sich der Statue. Langsam, beinahe feierlich segnend, legt er die Hand auf die Bronze.
GEORG II.
Nun will ich sehen,
ob dieser hässliche Klumpen
den Geist aus dem Hades besteht.
Er tritt in die Figur ein und verschwindet in ihr vollständig. Ein dumpfer Klang. Die Statue bewegt sich - ähnlich dem Golem bei Gustav Meyringk. Schwerfällig, aber eindeutig. Der Arm hebt sich steil nach oben zum Gruß, worauf die Musen erschrocken zusammenfahren und Klio die Muse der Geschichtsschreibung halblaut ausruft:
KLIO:
Großherzogliche Hoheit!
Das ist strengstens verboten.
(Die Musen weichen vorsichtig vor dem in bekannter Weise sie grüßenden bzw. salutierenden Bildwerk zurück.)
TERPSICHORE
Jetzt – bewegt es sich.
EUTERPE
Es klingt aber nicht gut
Der Geist des in dem ungeschlachten Bronzekolloss eingeschlossnen Theaterherzogs versucht sich über den Rasen zu bewegen. Nachdem er schwerfällig vom Posdament gestiegen ist, schleppt es sich über die Wiese und hinterlässt zerstörerische Spuren im Erdreich. Apollon und die Musen folgen mit bangem Blick.
GEORG II.
(aus der Figur heraus - leise, nur halb hörbar)
Nur wenige werden mich sehen.
Noch weniger hören.
Ich streif durch mein Land
in einer Hülle, die mich beleidigt
doch meint, mich zu zeigen.
(Pause)
Vielleicht schreib ich bald wieder ein Stücklein.
„Rübezahl” will ich es nennen.
oder „Der Schöne und sein Biest.”
Vielleicht auch „Der Glöckner von Notre Dame”,
irgendwas dieser Art.
(Pause)
Was meint ihr,
getreuliche Musen?
Die ihr so oft mich
damals besuchtet
dort im Theater?
Die Figur springt wieder auf ihren Sockel, der Geist des Herzogs Georg II. von Sachsen Meiningen tritt aus dem Klotz und will entschwinden.
GEORG II.
Vielleicht braucht man die Bronze
in fernen Äonen.
Für etwas, das Form sucht.
Stille.
Die Musen senken den Blick und einigen sich mit Apollon nach kurzer Beratung und weil keine der neun Damen für die Kunst der Plastik sich direkt zuständig fühlt, darauf, den Schmied Hephaistos herbeizuzitieren, der die Figur zertrümmern und einschmelzen soll, um das wertvolle Material in seiner im Vulkan geborgenen Esse zu bewahren, wie der Herzog es im Abgehen vorschlug … Sie bilden einen Kreis, indem sie das scheußliche Denkmal umringen und stimmen ihre beschwörende Inkantation an, um den missgestalteten Sohn des Götterpaares Zeus und Heras Herrn Phaistos (Hephaistos) herbei zu zitieren.
CHOR DER MUSEN (INKANTATION)
(im Kreis, zunächst leise, dann anschwellend)
HEIL DIR, DU HÜTER DER GLUT UND DER TIEFE,
SCHWARZ IST DEIN ATEM, DOCH SCHMILZT ER METALLE.
HEPHAISTOS, KOMME! ENTSTEIGE DER ESSE!
HÖRE DEN RUF AUS DEM MONDLICHT DER NACHT!
DU, DER DIE EISEN MIT HÄNDEN GEBOGEN,
DU, DER DEN STEIN ZUR SCHWELLE GESTALTET,
SIEH, WAS MAN HIER AUS DER BRONZE GEGOSSEN:
FORMLOSE MASSE UND TÄUSCHENDEN KLOBEN!
KOMME, DU HINKENDER, KOMME, DU STARKER,
KOMME AUS FEUER UND SCHLACKE HERAN!
SIEH DIESES WERK, DAS DIE SCHÖNHEIT VERACHTET,
WIR SIND DIE TÖCHTER DES LICHTES UND MAßES.
KOMME UND URTEILE! KOMME UND WÄGE!
KOMME UND PRÜFE MIT HAMMER UND FLAMME!
HEPHAISTOS! HEPHAISTOS! HÖRE DIE KLAGE!
HEPHAISTOS! HEPHAISTOS! STEIG AUS DER NACHT!
Ein Moment völliger Stille. Dann: Ein plötzliches Aufflammen rötlichen Lichts. Ein Fauchen, als öffne sich ein Riss im Boden. Ein schweres, hinkendes Auftreten. Auftritt von Herrn Phaistos (Hephaistos). Rußgeschwärzt, mit glühendem Eisen in der Hand. Er bleibt stehen, sieht die Musen an – dann die Figur.
HEPHAISTOS
(grimmig, ohne Gruß)
Wer ruft mich aus der Arbeit?
Das Erz schläft nicht allein, wenns glüht.
Lasset mich abfahren zurück zu meinem Amboss.
APOLLON
(mit ruhiger Autorität)
Wir riefen dich.
Sieh hin.
(Hephaistos tritt näher, mustert die Statue. Er klopft dagegen. Der Ton bleibt stumpf.)
HEPHAISTOS
Hm.
Hart ist es.
Aber nicht gut.
KALLIOPE
Darum bist du hier.
KLIO
Wir geben dir Auftrag.
HEPHAISTOS
(schaut auf)
Auftrag?
POLYHYMNIA
Dein Feuer soll richten,
was Form verfehlt hat.
APOLLON
Du sollst dieses Standbild einschmelzen.
(Kurze Stille. Hephaistos hebt leicht die Braue.)
HEPHAISTOS
Einschmelzen?
Und dann?
EUTERPE
Dann sollst du daraus Saiten ziehen.
TERPSICHORE
Feine, tragende Linien.
POLYHYMNIA
Für ein Instrument,
das mehr ist als jenes Werk.
HEPHAISTOS
(knurrt)
Ein Instrument also.
KALLIOPE
Nicht irgendeines
ALLE MUSEN
(leise, gemeinsam)
Für die Weltharfe.
(Hephaistos hält inne. Schaut sie lange an.)
HEPHAISTOS
Was soll das sein?
(Kurze, fast kalte Stille unter den Musen.)
THALIA
(scharf)
Das kannst du nicht verstehen.
MELPOMENE
Dazu fehlt dir der Zugang.
ERATO
Du formst –
doch du empfindest nicht.
KLIO
Du arbeitest –
doch du deutest nicht.
POLYHYMNIA
Du bist kein Künstler.
(Pause)
KALLIOPE
Du bist nur ein Handwerker.
(Stille. Hephaistos reagiert nicht sofort.)
HEPHAISTOS
(leise, gefährlich ruhig)
So, so ...
(Er geht langsam um die Musen herum und zeigt auf die scheußliche Plastik)
HEPHAISTOS
Und der, der das hier gemacht hat—
(er zeigt auf die Statue)
war dann also einer von euch?
THALIA
(spitz)
Offenbar nicht.
HEPHAISTOS
(grimmig)
Also einer wie ich?
(Er bleibt stehen.)
HEPHAISTOS
Und ihr sagt:
Er hat nicht verstanden,
worum es bei Kunst geht.
APOLLON
(ruhig)
Das ist unsere Diagnose.
(Hephaistos blickt lange auf die Statue. Dann auf seine Hände.)
HEPHAISTOS
So nehm ich das Material.
Die wertvolle Bronze.
Und schmelze sie ein.
Was ihr dann draus macht,
das geht mich nichts an.
Er hebt ein glühende Eisen. Er tritt an die Statue. Ein leises Zittern geht durch das Denkmal.
HEPHAISTOS
(halb zu sich)
Eine Weltharfe
(Er lacht laut und schnaubt dann leise, indem er ans Werk geht.)
HEPHAISTOS
Ich werde schmelzen
und werde es schmieden.
Auch wenn ich nicht weiß,
wozu.
Herr Phaistos hebt den Hammer. Das Licht wird heißer. Ein Glühen beginnt die Statue zu erfassen. Hephaistos schlägt zu. Das Licht bricht. Der Mond verblasst. Zuerst ertönen erst dumpfe und hässliche Geräusche, die den beginnenden Zerstörungsprozess der missglückten Statue vermuten lassen. Dieses Geräusch geht langsam in gedämpft erklingende Ganztonfolgen über - welche schließlich in spätromantische Tonalität überführt werden. Zum Schluss verwandelt sich das Ganze in den Klangteppich eines melodischen fast harmonischen Vierer-Geläuts in den Tönen d-e-g-h-d ...
E N D E D E R S Z E N E
Autor:Matthias Schollmeyer |

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