Apothekerevangelium (Teil 1)
Walnuss

IUGLANS REGIA - die Weide

Vor etwa vierzig Jahren, ich war damals fröhlicher Student der Theologie in der alten Universitätsstadt Halle, machte ich bei einem Spaziergang auf der Ziegelwiese nahe der Peißnitzinsel die Bekanntschaft eines sonderbaren Mannes. Im Gegensatz zu mir war er bereits recht alt - und gebürtig in Gorno-Altaisk. Seine Vater stammte aus Aserbaidschan, seine Mutter war Russin aus dem Altai. Er selbst hatte vor dem großen Krieg in Moskau Pharmazie zu studieren begonnen. Die Wirren des Krieges hatten den jungen Mann als Sanitäter dann mit der roten Armee nach Ostdeutschland verschlagen. Und hier war er als Zivilangestellter in einer sowjetischen Kaserne zum Apotheker gemacht geworden - und dieses auch immer gern geblieben. Aus der DDR war er als Pflanzen, Bäumen und Harzen zugetaner Mann der Liebe zu einer Frau wegen nie weggegangen - und auch in den Tagen einsamen Alters  in sein heimatliches Gebirgsdorf zwischen China, der Mongolei, Kasachstan und Russland nicht zurückgekehrt. Sein Name: Alexeios Garotman. Ich war damals dreiundzwanzig Jahre und er wohl um die achtzig alt.

Ich lernte damals für das Graecum Vokabeln, hatte mir die fremden Worte jener längst untergegangenen Zeit auf kleine Zettel geschrieben und auf der Rückseite Übersetzung und Stammformen notiert. Halblaut vor mich hinmurmelnd zog ich meine Kreise auf der Insel, als ich plötzlich hörte, wie jemand in meinen Singsang  φέρω, οἴσω, ἤνεγκον, ἐνήνοχα, ἠνέχθην einstimmte. Es war Alexeios Garotman und er lud mich ein, auf der Bank neben ihm Platz zu nehmen. Wir schauten gemeinsam auf den kleinen See, aus dem heute immer noch ein künstlicher Wasserstrahl schießt - und bald fragte er mich meine Vokabeln ab, denn er war in den Sprachen der untergegangenen Zeit bewandert - die seiner Meinung nach überhaupt nicht untergegangen war. Es ergab sich damals ein sehr interessantes Gespräch besonders über das Verbum φέρω (fero), das soviel wie tragen oder auch hertragen bedeutet, ebenfalls auch ertragen bzw. aushalten. Wir verabredeten uns dort auf der kleinen Insel einige Male zu zwanglosen Gesprächen. Beim Abschied nach der letzten Zusammenkunft vertraute mir der alte Mann aus dem Altai ein kleines Büchlein an. Er sagte, das sei zwar bloß die Abschrift einer Abschrift einer Abschrift. Aber es handele sich dabei um ein altes apokryphes Evangelium - und zwar um das des Mannes Lazarus, den Christus seinerzeit aus dem Grabe gerufen hat, wie uns Johannes im elften Kapitel seiner Jesusbiographie berichtet. Er selber, Alexeios Garotman, kehre nun auf immer zurück in das heimatliche Gebirge an der chinesischen Grenze. Und weil er das Büchlein in und auswendig kenne, überlasse er es mir. Das Ganze handle von der achtunddreißigtägigen Wanderschaft unseres Heilandes mit seinen Jüngern zwischen Ostern und Himmelfahrt durch Wiesen und Felder. Es drehe sich fast alles um Bäume, Pflanzen und Harze. Da er nun bei mir eine gewisse Empfänglichkeit für die Apothekenwelt entdeckt zu haben glaube, lege er die Schrift vertrauensvoll in meine Hand - „zum Zwecke eines guten Gebrauchs”,  wie er sich ausdrückte. Ich geleitete den Hochbetagten zur Haltestelle der Elektrischen am Mühlweg - und sah ihn danach nie wieder. Aus seinem Büchlein will ich in den nächsten Tagen über Ostern hin von Zeit zu Zeit einige Geschichten preisgeben - zum guten Gebrauch. Ich erinnere mich noch deutlich,  das abgegriffene Bändchen zum ersten Mal aufgeschlagen zu haben, es war in grüngoldene Seide eingeschlagen und roch nach Garten und Licht. Hier die erste Geschichte:

Am anderen Morgen gelangten wir vor einen blühenden Walnussbaum. Wir schauten in seine Krone, doch der Meister richtete seine Augen auf den Erdboden. Er sprach: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde! Sehet diese hohle Nuss, welche durch die Kälte des Winters in zwei Hälften zerspalten ward. Die im Himmel eins war, liegt nun in zwei Teilen am Boden. Er nahm die leeren Hälften an sich und barg sie im Bausch seines Gewandes. Dann sprach er: Lasset uns sehen, was wir mit den beiden Hälften beginnen. Mögen sie Zeichen der kommenden Reise sein. Leeres muss erfüllt werden, was aber zu voll ist, wird ausgeleert. Wahrlich, es gibt eine Lehre, die sich nur durch Leere erfüllt. Einige unserer Schar suchten mit den Augen am Boden, ob sie auch etwas fänden, doch fanden sie nichts. Da zupfte der Meister von den Walnussblüten ab und gab jedem davon. Er sprach: Nehmet die Blüten aus meiner Hand. Wir wagten den ganzen Tag nicht, sie fortzuwerfen. Am nächsten Morgen machten wir uns wieder auf den Weg. Der Herr wollte die Witwe des Verräters Judas aufsuchen. Und wir folgten ihm nach.

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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