PASSIONSGESCHICHTEN (17)
VON VERONICAS TUCH

velum veronicae

Veronica war ein kleines Mädchen von etwa sieben Jahren, als die Mutter ihr ein feines Tuch aus Muschelseide schenkte. „Trage dieses Tüchlein zweifach gefaltet immer bei dir, mein Kind”, sagte die Mutter. „Du wirst es einmal brauchen können.” So trug Veronica das Tüchlein im Bausch des Gewandes am Busen immer bei sich. Die Eltern des Kindes waren vermögend, der Vater ein Perlenhändler und Goldschmied, die Mutter eine gebildete Frau. Als das Kind älter wurde, stellte sich heraus, dass es klug war und schön. Es starben die Eltern und ließen Veronica zurück - in gesicherten Verhältnissen, ausgestattet mit Geld und Gut und einer erlesenen Bibliothek. Aber lange wollte sich keiner finden, der Veronica zum Weibe nahm. Denn sie war klug und interessierte sich für die wesentlichen Dinge des Lebens in der Welt. Niemand der übrig gebliebenen Männer der Stadt Jerusalem und aller Umgegend vermochte es, der jungen Frau das Wasser zu reichen. Und jedermann scheute vor ihr zurück.
Dafür aber geriet die junge Frau in den Kreis derer, die Jesus nachfolgten und hörte bei dessen Füßen sitzend gern zu, kannte auch Maria Magdalena und die andere Maria. Da sie von einer gewissen Scheu war und zurückgezogen in ihrer Bibliothek eher in den Schriftrollen las und sich in alte Texte der Weisheit vertiefte, auch gar nicht daran dachte herumzuziehen und sich törichtes Gerede von Altersgenossinnen anzuhören, erfuhr sie von der Verhaftung des geliebten Meisters sehr spät. Erst als der von ihr Verehrte mit dem Kreuz auf der Schulter seinen Weg zum Schädelberg taumelte, drängte sie sich an die Straße, wo der Haufe sich lange schon herumdrückte. „Hau ab. Hau ab. Jesus muss weg. Jesus muss weg. Wir sind das Volk!” brüllten sie. Veronika war bestürzt, sie schob sich nach vorn - und da kam bereits auch ihr Meister, der Geliebte, Jesus, des Gottes Sohn gelaufen. Und schaute ihr geradewegs in die Augen. So dicht war sie ihm oder er ihr noch nie gekommen. Etwa eineinhalb Meter nur noch waren sie voneinander entfernt. Sein Gesicht war bedeckt mit Schweiß und Blut und dem Speichel des wütend gemachten Packs.

Da zog Veronica mit einer traumwandlerischen Geste das Tuch aus dem Gewand hervor und reichte es Jesus. Er dankte ihr. Und barg für einige Sekunden sein geschundenes Gesicht in der Muschelseide und drückte sein ganzes Wesen tief in den dünnen Stoff aus der Tiefe des Meeres. Reichte Veronika das Tuch mit dem Abbild seines Antlitzes und zerrte die Kreuzbalken weiter in Richtung Schädelstätte. Veronika aber ging nicht nach dort, wohin die anderen eilten, um das Drama zu beobachten. Die Hinrichtung zu erleben. Mal was anderes anzusehen - als alle Tage nur das ewig Gleiche. Nach Hause zog es sie - und auf dem großen Tisch ihrer Bibliothek, wo sonst die heiligen Rollen ihre Weisheit preisgeben,  zauberhaft Rätselworte enthüllen, Zahlen und Buchstaben verraten und den Sinn des Sinns verkünden - dahin legte sie das gefaltete Tuch. Und nun entfaltete sie es. Und siehe - ein vierfaches Bildnis offenbarte sich. Jesu Antlitz von rechts und links, zusätzlich einmal von oben und einmal von unten. Dasselbe Bild und doch nicht das gleiche. So, wie die vier Ströme des Paradieses die Welt bewässern und von dem einen Nebel, der als Weltäther alles durchtränkt und durchdringt, immerdar ausgehen.

Während der Körper Jesu draußen am Kreuz gequält und zerstört, gepeinigt und zerstochen wurde, ruhte das Bild seines Angesichts auf dem Tisch Veronicas und blickte still in alle vier Himmelsrichtungen. Wer aber ist diese Veronika? Sie ist die Seele des Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen worden ist und sein eigenes Bild immer sucht. Die Seele Veronica bewahrt das Urbild des göttlichen Menschen. In einem geheimnisverwobenem Tuche - das beides zeigt: Schmerz und Ewigkeit …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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