Trinitatis 2021
von der Drei in dem Einen

Tribar

Ich fragte meinen Engel, ob er hätte
in seinen tausend Jahren je erspäht,
das Ziel des Seins nach endlos langer Kette -

im Allerheiligsten der Trinität.
Er wiegt das Haupt mit heiligem Bedenken
vor Gottes unendlicher Majestät.

Und riet mir ab, auf diesen Weg zu lenken,
bis dass ich fast befahl: „Zeig mir den Pfad,
auf dem Erkenntnis sich mir könnte schenken -

von Gott und seiner Wahrheit Wunderrat!“
Doch er entgegnet sanft mit einer Frage:
„Willst werden du des Todes Kandidat?

Wie kann dein Schemen denn des Lichtes Gabe
erschau’n und dabei bleiben für und für?
Der Glanz beugt alle Schatten hin zum Grabe,

nachdem sie querten seines Lichtes Tür.“
Ich aber blieb bei meiner Herzensbitte:
„Geleite mich zu Gottes Hauptquartier!“

Damit ich ihm nicht weiter heftig stritte,
gebot er mit, zu folgen seinem Schritte.

Wir stiegen lange aus den blauen Weiten,
durchquerten Sphären von kristallner Zahl.
Die wanden sich, uns Wandrer zu geleiten,

bergauf und bis zu einem Kugelsaal.
Aus dessen Mitte drang ein Glanz durch Spalten,
drei an der Zahl - und allen auf einmal

entströmte Licht, das sich in weichen Falten
ringsum nach außen stahl und an dem Rand
des Raumes, wie ein Bildnis festgehalten,

war auch der Platz, an dem ich mich befand.
Erst jetzt gewahrte ich - zu meinem Schrecken -
wie ich nur Lichtspiel bin auf jener Wand;

da ich es sah, begann mich aufzuwecken
die Wahrheit Gottes. Aller Sorge bar
wollt gleich die Hand ich in die Kugel stecken,

um einzudringen dort für immerdar.
Ich riss an meinem Schatten auf der Mauer,
als mir im Augenblicke wurde klar,

ich würde nicht mehr haben Ort noch Dauer;
da ließ ich’s sein - in Schmerz und tiefer Trauer.

Schon öfter hatte ich davon gelesen:
„Wer Gott erkennt, zahlt einen hohen Preis.
Gott sehen heißt zugleich, man ist gewesen -

Beginn und Ziel vereinen sich im Kreis.
Der Anfang ist zugleich sein jähes Ende -
durch diesen Tunnel führte Gott das Gleis.“

Dass meine Trauer sich in Staunen wende,
reicht mir der Engel Farben. Blau und Gold -
dazu noch feiner Pinsel Gnadenspende

und reine Leinwand, die er flugs entrollt.
Ich öffne seinen bunten Farbenkasten -
und Aufmerksamkeit hat er mir gezollt:

„Gebet mit Ehrfurcht und das fromme Fasten
erschufen oft schon manches Gottesbild!
Doch bleibt die Kunst ein Suchen. Drum mit Tasten

beginn bei dem, was dir als wichtig gilt.
Zwar kann man über Vier hinaus nichts nennen -
und nie wird unser Fragen ganz gestillt,

doch wird man deine Meisterschaft bekennen,
wenn in den Farben Gottes Lichter brennen."

Und ich begann. Mit zweiunddreißig Strahlen,
die Gott erwählte ganz am Urbeginn.
Buchstaben zweiundzwanzig und zehn Zahlen -

durch sie erschuf er Mitte, Ziel, Beginn.
Der Zählende zählt Ziffern her beim Zählen,
dass im Erzählen wohne Maß und Sinn.

Durch diese feine Strahlenpracht vermählen
die Ding’ sich unterm hohen Himmelszelt.
Auf zweiunddreißig Wegen wollt erwählen

der Schöpfer Wunder für die weite Welt.
Der Zeichen Kreis fasst alles fest zusammen -
und des Triangel Kraft hält und erhellt.

Ein Auge malt ich in des Dreiecks Flammen:
Du siehst es, denn zugleich sieht es auch dich.
Als einmal Tränen in dem Auge schwammen,

fand seine Gottheit fast nicht mehr zu sich.
Doch tröstet die Verzweifelten der Glaube:
Die Kraft des Heilgen Geistes - Gottes Ich.

Der Vater mit dem Sohn und ihre Taube.
Drei eint das Eine - Weinstock, Rebe, Traube!

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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