„How dare the almighty“
Die Theodizee in Zeiten der Corona-Seuche

Gottfried Wilhelm Leibniz

Eines der Erzgeschwüre am verklärten Lichtleib der Theologie ist wieder aufgebrochen. Ohnehin in all den zurückliegenden Jahrhunderten nur notdürftig unter bemalten Pflastern und kunstvoll gewickelten Binden verborgen, schwärt und suppt es jetzt durch alle Suspensorien unübersehbar hindurch. Ich meine die alte Theodizeefrage, wie Gott das zulassen kann. How dare the almigthy! Das Schlimme, das Böse, das Unerwartete. Corona, die fatale Seuche. Lasst es uns also noch einmal versuchen. Was Leibniz damals vor dem 1.11.1755 in Lissabon noch gewagt hatte, sei auch uns der Mühe wert - den Allmächtigen zu verteidigen. Oder - weil der eine Verteidigung gar nicht braucht, wenigstens unsere Vorstellung von ihm zu verteidigen. 

Erste Überlegung. Wir leben weiterhin in der besten aller bisher bestanden habenden Welten. Allerdings noch nicht in der besten aller für die Zukunft denkbaren Welten. Diese ist zwar vorstellbar, die Welt ohne linken und rechten Terror, ohne schlechte Musik - dafür aber mit einer Lebenserwartung von garantiert 120 Jahren. Danach Versetzung als unzerstörbare Scalarwelle direkt in jene Sternendatei, welche von den Kräften des göttlichen Herzens ewiglich bewegt wird. Aber bis dahin ist es eben noch ein sehr, sehr weiter Weg. Die Virologen müssen vorher noch viel erfinden und der seit Platon mal mehr mal weniger direkt zu beobachtende Bürgerkrieg zwischen Gebildeten und Dummen müsste eindeutiger entschieden werden, als er es bis jetzt entschieden worden ist. Damit die Tiere nämlich ungequält ihre Kreise ziehen können, und die Politiker fachlich besser informiert sind, so dass sie sich nicht abhängig machen müssen von irgendwelchen Beratungsbuden - da ist noch viel Luft nach oben hin. Bis das alles und noch viel, viel mehr endlich (mit oder ohne Messias) gütlich gediehen sein wird; die bisherige Blut- und Eiterspur von Leid und Sterben, wer ist eigentlich dafür verantwortlich?

Zweite Überlegung. Gott trägt die Verantwortung wohl nicht! Denn trüge er diese Verantwortung, wie sollten wir ihn dann noch lieben können? Höchstens deshalb, weil wir ihm alles das, was wir ihm vorwerfen, sofort auch verzeihen. Wir vergeben ihm. Und er vergäbe uns dann auch unsere Schuld, da wir ihm die seinige verzeihen (müssen). Zudem es ja sowieso das Vorrecht großer Geister ist, ungestraft auch große Fehler begehen zu dürfen (Voltaire). Das Vaterunsergedicht hätte dann auf ganz unerwartete Weise die Problematik noch einmal zusätzlich überzeugend beschrieben.

Dritte Überlegung: Das Einfachste wäre, einen anderen Schuldigen als Gott zu suchen. Da bietet sich viel an: Hauptsächlich die Chinesen, die anfänglich, wie schon 2003 geschwindelt und das Problem herunter gespielt haben sollen. Dann wäre da noch jener vermutete arme Mitarbeiter der Virenforschungsfabrik von Wuhan, Herr Wu Li, der die Leichname gestorbener Versuchstiere auf dem Wildtiermarkt für ein paar Yen Zuverdienst verscherbelt hat. Da sind die vielen Flugzeuge mit den unbelehrbaren Touristen von hier nach dort, die schlampigen Kontrolleurinnen an den Flughäfen, die amerikanischen Agenten, die Planetenkonstellationen und schließlich die eigene Unvorsichtigkeit. Schließlich die leichtsinnigen fröhlichen Südländer jenseits der Alpen - nicht zu vergessen manche Verschwörungstheoretikerinnen bei Youtube. Aber alle diese Anklagen, weder die absurden noch die mit seriöser erscheinender Herkunft bringen unsere im Hintergrund pochende Frage zum Verstummen: How dare the almigthy - wie kann er das nur zulassen!

Vierte Überlegung: Etwas beherzter geben sich diejenigen, welche behaupten, es würde gar keinen Gott geben, denn gäbe es ihn, dann müsste er die Katastrophen unterbinden. Unterbindet er sie aber nicht, dann ist er dafür entweder nicht stark genug - in diesem Falle lohnt es auch nicht, ihm Vertrauen zu schenken. Oder er will es nicht unterbinden, dann wäre er böse - und auf einen Dämonen-Gott können wir gerne verzichten. Wäre der dann nicht selber nur ein Teil der zu bekämpfenden Seuche?

Fünfte Überlegung: Einen besonderen Ausweg aus dem Dilemma scheint es hier zu geben: Nicht alle wollen auf Gott verzichten - weder so noch so. Das Leben in der Welt, als ob es Gott nicht gäbe und ein eigenverantwortetes Handeln, auch wenn es Gott nicht gibt - das ist gar nicht so einfach. Also entscheiden sich nicht wenige immer wieder für die alte Straftheorie. Diese besagt: Gott ist nicht schuld - aber, weil die Menschheit Fehler gemacht hat, wird sie jetzt zur Ordnung gerufen. Durch Erdbeben, Klimakatastrophe, Seuche und Krieg, das ganze Plagenprogramm aus Gottes Hand. Wie man einem Richter (zumindest theoretisch) auch nicht übel nimmt, wenn er den Dieb verknackt, der die Bank, wo auch mein Geld lag, überfiel, darf man auch Gott seine ständigen Straftaktionen nicht übel nehmen. Aber auch bei dieser Variante der Gott-Entschuldung klopft noch immer der geheime Puls der alten Frage: Warum hat Gott den Menschen überhaupt als ein fehlbares und schuldfähiges Wesen erschaffen - ist er als der Schöpfer nicht auch mitverantwortlich für sein schlechtes Produkt? Genauso wie VW für die Mogelsoftware bei den Dieselmotoren? So leicht kommt der Allmächtige in der Entschuldigungsaktion der Frommen gewiss nicht davon.

Sechste Überlegung: Manchen reizt der elitäre Ausweg, welcher durch die bewusst kalkulierte absolute Flucht nach vorn möglich zu werden scheint. Wenn man sich nämlich einreden könnte, dass das ganze Weltdurcheinander eigentlich gar nicht so schlimm ist, dann würde die Schuldfrage irgendwie irgendwann ausgetrocknet sein. Zumindestens für den, der derart stoisch glauben will: Alle Erdbeben, Tsunamis und Kriege sind gar nicht schlimm. Ähnlich behauptet es auch Krishna seinem Schüler Ardschuna gegenüber - stürze dich nur immerhin beherzt in den Kampf gegen deine eigenen Verwandten. Und lass die Fragen, die dein Handeln in Frage stellen, dich nicht lähmen. So die Bhagavad Gita. Sage „Ja” zu Allem - dann ist für ein „Nein” kein Platz mehr. Eine Lösung eher nur für Starke.

Siebente Überlegung. Für die Meisten von uns wird die Lösung eine andere sein. Wir wissen, dass man überall Fakten finden kann, die erklären werden, warum dieses Virus sich so rasant hat ausbreiten müssen. Die Schuld läge dann bei irgendjemandem. Zugleich aber wäre das, was wir Schuld nennen möchten, ebenfalls wirklich auch Gott zuzuschreiben, weil der diese Welt so erschaffen hat, wie sie jetzt nun einmal ist - also nicht ohne Viren und deshalb auch getan unter das Gesetz des „stirb und werde” bzw. „friss oder werde selber gefressen”. Der Fehler liegt in der WARUM-Frage. S i e ist der Herd für das Geschwür am Ätherleib der strahlenden Gotteswissenschaft. Die Warum-Frage werden wir für alltäglich-innerweltliche Belange zwar täglich stellen müssen  - sie ist eine Funktion unseres Hirns, bzw. unser Hirn eine Ableitung dieser Frage. Aber die WARUM-Frage im Blick auf einen Grund für das Bestehens der unvollkommenen Welt selbst gerichtet, sie erweist sich als verwirrend und nicht als hilfreich. Denn es gibt auf diese Frage keine innerweltliche Antwort. Wenn wir mit der Warum-Frage tatsächlich das Ganze!!! betrachtet haben wollen - dann müsste die Antwort auf solche Frage in diesem Fall wohl von außerhalb des Weltganzen kommen. Eine solche außerweltliche Antwort kann es für uns aber nicht geben. Warum nicht? Nun, wir müssten, um eine solche Antwort zu finden, nämlich in diesen imaginären Außenbereich erst einmal hinein, um von dort aus dort die begehrte Antwort für die Welt ausfindig zu machen. Weil wir aber selber dann an jenem Außen-Ort wären, wäre dieser Ort sofort wieder nicht mehr außerhalb unserer Bezüge, sondern sofort wieder nur ein weiterer Ort in einem nur etwas größer gewordenen Innen, zu dem wir zwar mit dazugehören - aber gerade deshalb die gesuchte Antwort nicht. Fazit: In diesen Bereich des Außen, wo es eine Antwort geben könnte, reichen unsere Erkenntnismittel eo ipso nicht hinein. Und weil das so ist - und schon immer so war und auch so bleiben wird, finden wir keine Antwort, die uns zufrieden stellen könnte, sondern müssten uns eine einigermaßen hybride Vorgehensweise gestatten, die den auf sich selbst stolz sein wollenden Verstand beleidigt. Wir werden „nur“ beten können ...

Im Blick auf das Virus geht es darum, ohne Lösung der theologischen Warum-Frage mutig und ernsthaft ins Nichts der Antwortlosigkeit hinaus zu bitten, dass wir die Zeit mit den winzig gekrönten Ungeheuern aus den ersten Tagen der Schöpfung möglichst gut überstehen - und alles uns Mögliche zum Überstehen selber auch beitragen. Sollten wir das Interim überstehen, dann können wir hinterher versuchen, die auch weiterhin unfertig bleibende Welt immer besser in Richtung auf weniger Fehleranfälligkeit zu optimieren. So wahr Gott uns helfe ... Die Frage, warum Gott das alles zulässt - sie ist eine verständliche Kinder-Frage. Aber sie führt nicht zu einem Sinn, der unseren Verstand dadurch befriedigt, weil er (der Verstand) die Antwort versteht - das heißt, die Antwort in ein ihm bereits bekanntes System einordnen könnte.

Letzte Fragen sind nicht immer sinnfühend - sie führen oft sogar in den Unsinn, auch wenn der als „höherer Unsinn” erscheinen darf. Das ist wahrlich eine harte Lektion. Man kann und wird sicherlich trotzdem beten. Man muss sogar - weil man es will. Kant indes soll, so gehen Behauptungen, sich zu beten geschämt haben. Das war sicher kein logischer Fehler - aber ob diese schamhafte Verweigerung dem Mann hinter den sieben Brücken geholfen hätte, wenn er heute unser Zeitgenosse wäre? Mit seinen Büchern hat der Königsberger sicher Recht behalten. Der gefühlten Notwendigkeit eine hybride Existenz zu führen- ihr hat er sich offiziell nicht hingegeben. Bete, auch wenn es so aussieht, als ob es Gott nicht gibt - das ist eine Lösung, die gut tut. Noch extremer formuliert: Bete, weil es so aussieht, als ob es Gott nicht gibt. Und das geht ...

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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