Apothekerevangelium (Teil 3)
Bei den Salweiden

SALIX CAPREA - der Weidenbaum

Anderntags zogen wir mit dem Meister flussabwärts und gelangten alsbald an einen Weidenhain. Hier befand sich einer jener Orte, welche von den Heiden als Eingang zur Unterwelt geschätzt werden. Dort, bei den im Unendlichen wurzelnden Bäumen, machte Petrus den Vorschlag: „Meister, lass herauffahren den Schatten des Achilles!“ Der Lehrer aber verweigerte ihm den Wunsch. Sogleich erscholl aus der Tiefe der Ruf des Achilles. Der Sohn der Thetis fluchte zu uns herauf. Da wandte sich der Sohn der Maria um und sprach zu dem erzürntenSchatten: „Was fluchst du uns nach?“ Nun beklagte der enttäuschte Pelide sich bei Christus: Zu Unrecht sei er verbannt. Er verfluche die Götterwillkür und beweine seine Ferse. Des Freundes Patroklos zu frühes Abscheiden von den blumenbedeckten Wiesen in das Dunkel der Schatten beklagte er und ließ kein gutes Haar an der Welt. „Vorwurf ist und war dein ganzes Leben?“ fragte der HERR. Und weiter: „Einmal werde ich dieses aus Weiden geflochtene Tor zerteilen und in die Finsternis steigen zu dir. Dann wird Euch Gerechtigkeit widerfahren - Dir und Brisëis. Ihr sollt mit uns zu Tische sitzen, im Saal meines himmlischen Vaters, im Kreise bei den dienenden Göttern“. Alsbald schieden wir vom düsteren Ort, von wo der Schatten uns lange noch nachwinkte. Dort bei den aus dem Verschwiegenen flüsternden Weiden.

Von dieser sonderbaren Schrift, die ich bei mir selbst "Apothekerevangelium" nenne, habe ich nur zufällig durch Alexeios Garotman erfahren. Aber was ist schon Zufall in dieser seltsamen Welt. Höchstens bei Pseudogregorius Thaumaturgos (Mitte des 4. Jahrhunderts in Ephesus) könnte man  Hinweise auf die frühe Existenz der Berichte eines Lazarus entdecken. Alle anderen Kirchenväter aber übergehen das kleine apokryphe „Evangelium“ entweder mit Stillschweigen, oder möchten die Schrift gar nicht gekannt haben. In Indien um das Jahr 80 entstanden, soll die Autorenschaft offenbar bei dem seinerzeit dort weilenden Apostel Thomas liegen, der seine Erinnerungen an einen im Jahr 70 n.Chr. ihm von dem ehemaligen Gefährten Lazarus gegebenen mündlichen Bericht niederschreibt. Wo sind die Originale? Da sich in den bekannten kirchengeschichtlichen Quellen keine weiteren Hinweise auf irgendein Lazarusevangelium finden lassen, wird man davon ausgehen müssen, dass es einen echten (das heißt frühen) Originaltext entweder nie gegeben hat, bzw. derselbe bereits sehr bald verschwiegen bzw. zerstört worden ist. Wie Vieles ist uns auf diese Weise leider auf immer verloren gegangen.

Das Büchlein, das mir der aus dem Altai stammende Apotheker Alexeios Garotman im Sommer 1980 überlassen hatte, ist folgenden Inhalts:  Die Wanderung eines Meisters mit seinen verbliebenen elf Jüngern samt  einem gewissen Lazarus in die Stadt Queriot. In Queriot soll „das Weib des Judas getröstet werden“. Die Reise findet zwischen Ostern und Himmelfahrt statt. Kurze Lehrgespräche anlässlich geschehender Heilungen und zuweilen sehr sonderbarer Ereignisse werden redaktionell locker miteinander verbunden. Während der neununddreißig Tage lang andauernden fiktiven Wanderung spielen immer wieder Blumen und Blätter eine Rolle. Bilder zu diesen Pflanzen stammen fast alle aus dem Kräuterbuch des Leonhart Fuchs (1543).  Erstaunlicherweise gibt es eine inhaltliche Beziehung der Pflanzen aus dem Buch Garotmans zur Blütenwelt Edward Bachs (Bachblüten).

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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