Apothekerevangelium (Teil 2)
Am Gebirgsbach

... et fluvius egrediebatur de loco ... (Genesis 2,10)

Aleixos Garotman, der Apotheker aus dem fernen Asien, hatte mir bei den Gesprächen, die wir beide auf der Ziegelwiese vor der großen Wasserfontäne in der Stadt Halle führten, von dem Büchlein bereits einiges berichtet. Nun lag die Kostbarkeit in meiner eigenen Hand. Die Sprache war ein seltsam liturgisierendes Deutsch. Für jede Geschichte waren aus botanischen Atlanten offenbar Zeichnungen der jeweils in Frage kommenden Pflanze ausgeschnitten und eingeklebt worden. Ich kannte viele dieser Zeichnungen! Sie stammten zumeist aus Leonhart Fuchsens Kräuterbuch von 1543. Der gewaltige Band dieser umfangreichen Sammlung gehörte in die Bibliothek meiner Großeltern. Wenn wir als Kinder mit irgendwelchen Krankheiten das Bett zu hüten hatten, waren solche Bücher eine willkommene Abwechslung, so dass für mich seitdem das Erlebnis quarantäner Abgeschiedenheit untrennbar mit dem Betrachten von Pflanzenbildern verschmolzen ist. Pflanzen, die als unsere älteren Schwestern heilende Wirkung haben sollen und ihre Kraft entfalten, egal ob wir daran glauben oder ob nicht.

Garotman hatte mich gleich am ersten Tag im Zusammenhang mit seinen Gedanken zum Verbum TRAGEN-ERTRAGEN nach Lazarus befragt, nach jenem Mann, den Christus aus dem Grabe gerufen haben soll, obwohl sich der Verwesungsgeruch nicht mehr verbergen ließ ... Ich  für meinen Teil kannte damals nur den anderen Lazarus. -also jenen, der vor der Tür des Reichen gedarbt hatte und in den Himmel kam, während der Reiche in der Hölle schmoren musste. Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus hielt ich für völlig überzogen und empfand sie geradezu als peinlich. Ich war damals jung und unerfahren und war stets darauf bedacht, niemanden mit der christlichen Glaubenslehre und ihrer überbordenden Tradition zu verprellen, sondern alle davon zu überzeugen. Wie töricht das war, weiß ich heute wohl - damals leider nicht. Garotman erzählte mir, dass man in Persien, aus dessen Kulturkreis sein aserbaidschanischer Vater abstammte, folgende Geschichte erzählt wird:

Zwar hatte Abraham Lazarus verboten, den Abgrund zwischen hier und dort zu überschreiten. Als es aber Nacht geworden war, täuschte Lazarus den Wächterengel im Elysium mit ausgesuchtem Mekonomelípekton (das ist verdolmetscht: Honigmohnkuchenbrötchen) und schlich an dem geflügelten Himmelsdiener vorbei. Auf diese Art gelangte der (aus Liebe zu den Menschen) Entwichene wieder in die Welt der Sterblichen. Auf den Rücken der Erde zurückgekehrt, sah er unter den Lebenden einen Meister mit Schülern umhergehen. Das waren Jesus und seine Jünger. Lazarus schloss sich ihnen an. Der alles bezweifelnde Thomas habe nach Jahren die Erinnerungen des Lazarus mit dem Griffel festgehalten. So entstand das Lazarusevangelium, - Thomas hat es für Lazarus aufgeschrieben und so ist es über die koptischen Gemeinden bis nach Indien und China gelangt. Zum Beispiel steht in diesem Bericht auch, dass, als Christus selber im Grabe ruhte, Lazarus bei der Grotte zur Nacht gewacht hätte. Noch vor allen anderen, vor den Frauen, vor Petrus und Johannes durfte Lazarus den Auferstandenen am Ostermorgen begrüßen. Lazarus schloss sich dann den Jüngern an - und der Meister ließ es geschehen. Seines vormaligen Besuches im Hades wegen unfähig geworden etwas zu vergessen, hat Lazarus seinem Gefährten Thomas später die achtunddreißig Stationen der Reise zwischen Ostern und Himmelfahrt noch einmal genau schildern können. Christus soll in dieser Zeit den Zwölfen allerlei Wundersames gezeigt haben. Er verriet dabei auch jene großen Pflanzen-Geheimnisse, die Lazarus sich alle merkte, in seinem Herzen vervollständige und Thomas weitergab. Diese Berichte sind der Inhalt des Buches, das mir der Alte schenkte. Hier ist die zweite Geschichte.

Es hatte den Meister seiner Gewohnheit nach hinaus in die Einsamkeit gezogen. Uns hatte er alle gehen lassen - nur er allein wandelte an jenem fernen Ort. Da geschah es nahe der sechsten Stunde, dass er sich an einen Bachlauf setzte. Doch siehe,  dort lag hinter einem Felsen schon einer seit Tagen und litt große Pein an sich selbst. Wie der den Meister sah, rief er: „Wehe, auch diese Stätte ist nicht ohne Menschen.“ Indessen die Sonne gegen den Zenit strebte, schauten sich er und der HERR schweigend über die Flut hin an. Die Welle sprang von Stein zu Stein und die Strahlen der Sonne brachen sich farbig im Wassernebel, der die Blumen befeuchtete, wie die Paradiesbäche im Garten, wo der Baum des Lebens wartet. Keiner sprach ein Wort, nur die Stille redete. Als sie lange beieinander gesessen, verspürten sie Durst. Da geschah es, dass sie sich im selben Augenblick hinab zur Flut beugten. Ihre Blicke trafen sich über der Welle, als sie einander gegenseitig zu trinken schöpften. Der Bach bewahrt dieses Mysterium den Einsamen.
Als der Meister aus der Einsamkeit zurückkehrte, bat er uns und sprach: „Lasst uns die Witwe des Judas besuchen und sie trösten“. Judas aber war der, welcher ihn verraten und danach sich selbst gerichtet hatte. Schweren Herzens willigten wir ein und machten uns auf den Weg. Der Meister schritt wie immer an der Spitze unseres Zuges, Lazarus beschloss denselben.

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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