die Rechnung der Toten
am Ende des Kirchenjahres

herbstliches Feld im Morgennebel (Brandenburg)

„Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!
Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,
Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,
Und was wir vollendet und was wir begonnen,
Das füllt euch dort oben die rauschenden Bronnen,
Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,
Das klopft noch euch droben in sterblichen Adern,
Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,
Dran bleibt euer irdischer Wandel gebunden,
Und unsere Töne, Gebilde, Gedichte
Erkämpfen den Sieg euch im strahlenden Lichte,
Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele –
Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!

Diese Verse fand Conrad Ferdinand Meyer (1825 - 1898). Und mit DORT DROBEN ist unsere Welt gemeint. Sie wird offenbar von dem bestimmt, was gewesen ist - und zwar mehr als wir meinen. Und weil es auch immer mehr Tote als Lebende geben wird, sollen die Lebenden den Toten Opfer bringen. Aber ist das zahlenmäßig wirklich so? Die Rechnung der Toten geht ja nur unter der Bedingung auf, dass man ausschließlich in die Vergangenheit schaut. Man könnte es aber auch ganz anders sehen: Es wird nämlich (von jetzt! an gerechnet) immer mehr Lebende geben, als jeweils schon gestorben sein werden. Darum ist der Ahnendienst zwar eine Sache, die nicht versäumt und nicht vernachlässigt werden darf. Aber nur deshalb nicht, weil es um die Zukunft geht. Man wird die Toten ehren, weil es auch ihnen bereits schon um eine Zukunft gegangen ist. Die Verblichenen suchten (jeder auf seine Weise) das, was irgendwie Zukunft ermöglichen sollte, obwohl bereits klar ist, dass auch jede Zukunft einmal in der Vergangenheit versinken muss.

Und so bitten wir Gott eben für die Toten, dass ihr vages Glauben an eine Zukunft kein Trug gewesen sein möge, sondern irgendwann Wirklichkeit geworden sein wird. Wer sterbend je zu Boden sank, sah mit einem scheuen „Erbarme Dich!” im allerletzten Augenblick zum gütigen Himmel auf. Und wer jemals so gedacht hat, dem opfern wir bereitwillig und ergriffen vom Ernst der Lage unser Gedenken gern und den ehren wir damit auch in gewisser Weise.  Das wäre christlich-vernünftiger Totendienst.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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