Gertrud von Le Fort
über die Kirche

Gertrud von Le Fort

Vor 100 Jahren erschien ihr Gedicht „Die Sibylle“. Gertrud von Le Fort, eine bemerkenswerte Dichterin und selber Sibylle, welche am zeitlichen Rand der schleichenden inneren Zerstörung der Kirche gestanden hatte, schenkte uns mit ihren "Hymnen an die Kirche" ein kleines Büchlein. Dünn wie eine Hostie - aber genauso nahrhaft für das geistliche Leben. Wer nun wieder einmal glaubt, der Kirche jetzt endgültig den Rücken zukehren zu müssen, nehme den kleinen Band  zur Hand. Dort heißt es sinngemäß:

„In dir, Kirche, wird mein Haupt an den Himmel erhoben, mein Scheitel wird nicht versengt. Du schreitest mit mir zum Rande der Höllen, meine Füsse bleiben unversehrt! Deine Schatten liegen auf meinem Herzen wie Rosen. Du hast die Blumen aus der Wildnis im Arme, und Tau in deinen Haaren aus Tälern der Menschenfrühe. Du kennst Gebete, denen die Flur lauscht, du weisst noch, wie man Gewitter fromm macht. In dir knien Völker, die lange dahin sind. Du warst in den Tempeln ihrer Götter, auf den Türmen ihrer Sternsucher, bei den einsamen Frauen, auf die der Geist fiel. Du lässt dich nicht ins Joch der Menschen beugen und leihst deine Stimme nicht ihren Torheiten. Deine Stirn ist mit einem Schleier geschmückt, den haben unsre Engel geweint: Denn du trägst Liebe um alle, die dir gram sind und trägst grosse Liebe um die, welche dich hassen. Du bist die beständige Flamme über ihrer erkaltenden Asche! Schweigst du deshalb im Lärm der Tage, welche am Abend sich alle ermüdet an dein Erbarmen lehnen? Du bist's, die über allen Grüften der Zeit betet und singt! Jahrtausende ziehen auf deiner Straße zu Gott. Keiner, der je dich fahren ließ, hat dich wirklich erfahren! Wie drängen sie sich vor mit Fahnen und Wimpeln! Wenn der Wind aufsteht, zerflatterte alles Gepränge. Hört also, ihr Kinder der Willkür: Wir sind verdurstet bei euren Quellen und sind blind geworden bei euren Lampen! Ihr wolltet die Wiege der Wahrheit sein? Grab seid ihr geworden! Sie aber bleibt die Mutter aller Erdenkinder. Welt, was schmähst du die Kirche, dass sie gross sein muss, so wie der himmlische Vater?"

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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