DIE CORONABIBLIOTHEK
Teil 7

Lesesaal (Reading room) der Harvard Law School Library

"Kommt der Leser nicht zur Bibliothek, geht die Bibliothek zu ihm."
Marcello Cervini (1548–1555) - Protektor des Erzarchivs

DE VISITATIONE
Als Martin Luther am 15.8.1530 mit Justus Jonas und Caspar Schultze noch einmal die Superintendentur in Zahna besuchte, führt der Weg die Kontrolleure des Neuen Weges erneut auch bis hinaus nach Rahnsdorf – an diese schöne und einigermaßen fette Pfründe nördlich von Zahna gegen die Grenze zu Brandenburg hin gelegen. Man war in Zahna irgendwie doch recht schnell fertig geworden, alles lag dort zum Besten. Schon 1528 war man hier gewesen, es gab nur noch ein paar offene Angelegenheiten zu observieren. In den zwei vergangenen Jahren hatte sich nichts geändert: Gelehrte Pfarrherren, intakte Gebäude und fleißige Lehrer, willige Kindlein und fromme Ackerbauern, keusche Weiber – sowohl jung als auch alt. Der Segen Gottes ruhte auf dem Städtchen. Nachdem die Reformatoren im Ratskeller ausreichend gespeist hatten, entschloss man sich, den Weg nach Rahnsdorf noch heute zu nehmen, eine halbe Stunde mit der Kutsche. Gesagt, getan. Man fuhr los, nicht beachtend, dass ein Gewölk aufzog am himmlischen Gezelt, – und als Unwetter Pferd und Mann mitten auf dem Wege überraschte. Mit Müh und Not und Peitschenknall erreichte man den Pfarrhof des alten Magisters Johann Schall und seines Neffen Valentin, einem Melanchthonverehrer, der seit 1528 die Pfarrstelle führte – und spannte ab. Rettete sich ins Pfarrhaus, während draußen Blitzsturm und Donner niedergingen – fast so wie ehedem zu Stotternheim.

Als der Rauch sich dann verzog, schaute man hinaus und sieht die Linden stehen in nebeldampfender Pracht; sie umsäumen das liebliche Haus. Der alte Schall lädt die Brüder auf einen Trunk hinaus in den Hof ein. Dort legt er auch schon mal die Kirchenbücher vor, die er mit eigener Hand alle selber führt, mit fein säuberlicher Schrift täglich einschreibt. Tag und Uhrzeit und Planetenstand bei den Taufen, denn er ist ein Verehrer der astrologischen Kunst und darin Gefolgsmann einer Marotte Melanchthons, die Luther nicht schätzt. Ursachen und Begebenheiten der Tode trägt er ein zusammen mit medizinischen Bemerkungen, ganz wie es bei gelehrten Pfarrern lange noch Sitte sein wird – bis auch das als nicht mehr schätzenswert von den Verwaltungsbütteln der Reformation und ihren Epigonen erst abgeschafft und dann sogar verboten wird.
Es ist Freitag, der 15. August 1530 – und die Uhr zeigt ein Viertel nach Vier. Schall der Ältere hat eine Sonnenuhr an der Südseite seiner Scheune anbringen lassen, weil er mit der Zeit lebt und von der Zeit begeistert ist. Er will eben dem Eislebener Wittenberger in ein philosophisches Gespräch über die Zeit verwickeln, da geht das Türlein im Tor des Stallgebäudes urplötzlich auf und Katharina, die Nichte des alten Rahnsdorfer Lateinlehrers und Halbschwester des jetzigen Pfarrers Valentin Schall - sie tritt heraus, hat ihre Röcke geschürzt und trägt im Tuch Körner für die Hühner, Enten – und den Hahn. Ihre Schenkel sind zwar nicht sichtbar, aber die Waden – da, die hohen Herren aus Wittenberg sehen alles ganz genau. Sie, die Körnerträgerin, bemerkt das und, erschrocken über die unverhoffte Begegnung mit den gelehrichten Gästen aus der Stadt, lässt sie ihre Röcke los – so dass dabei Körner und Blumen unweigerlich auf den Boden fallen. Alsbald kommen Hühner, Enten – und Hahn – herbeigerannt und machen sich über die leckere Speise her. Und sie, Katharina, steht unschlüssig inmitten der pickenden Schar. Ihr schwarzes Haar schimmert in der Nachmittagssonne. Denn das Gewitter hat sich inzwischen völlig verzogen und über der Scheune erglänzt der göttliche Regenbogen. Die Nichte des Lehrers und Schwester des Pfarrers rafft ihren Kräuterbuschen auf, der auch mit zu Boden gefallen ist, und schreitet barfuß über das Hofpflaster zum Wohnhaus, dicht an den Herren vorbei. Luther frägt, indem sie vorübergeht, „Schönes Maidlin, was ist Euer Name, bei dem Ihr getauft seid?“ Sie: „Marie Katharina, wie meine selige Mutter!“ Artig, denkt Caspar Schultze – und schaut auf Luther, der zu erröten scheint. Der Reformator denkt: „Sie wird leicht bei 20 Jahren zählen“. Er selbst ist bereits 47.

Heute ist Mariae Himmelfahrt, was man in Wittenberg nicht mehr so recht feiert wie früher. Hier draußen auf dem Lande noch mehr - aber auch nicht mehr – seit die Visitationen angefangen haben. Freilich - die Kräuter weiht man noch. Heimlich. Denn es ist Reformation. Maria ist abgesetzt worden. Christus regiert allein mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Man selbst sitzt im Garten und man hört dem eifrig vortragenden Schall nur mit halbem Ohr zu, denn Caspar Schultze will nach Hause, er ist 1530 bereits ein alter kränkelnder Mann. Und Justus Jonas hat in Wittenberg noch einige Sachen auf dem Pult liegen – er denkt an seine Schrift „Das siebend capitel Danielis von des Türcken Gotteslesterung und schrecklicher Morderey“, die er in zweiter Auflage bei Hans Lufft drucken lassen will. Da sind einige Stellen, wo er es den Mohammetisten noch besser zeigen will, wie der trinitarische Gott dem unitarischen doch bei Weitem vorzuziehen wäre. Darum kann er sich nicht recht auf die Auslassungen Schalls konzentrieren, der eben darzulegen versucht, wie doch heute am Freitag, Mariae Himmelfahrt (ein alter abgetaner papistischer Feiertag, gewiss, gewiss …) eben jetzt, da bei den Juden der Sabbath beginnt, die liebe Venus, der Morgenstern, mit dem hurtigen Merkur, dem anderen Morgenstern, zusammen in der Jungfrau am Himmel stehen im achten Felde. Und unsere liebe Frau die Kräuter segnet, die dem Viehe und dem Feld Gutes tun, auch Scheuer und Hütte beschirmen.

„Da wird man eingreifen müssen bei solchem Heidentum. Wo das Heidentum blosses Heidentum ist, ist’s nit so arg. Aber wo es sich verbündet mit Medizin, Sternenschau und Gelehrsamkeit, wird´s zur Seuchen“ denkt Luther. Aber dann ist er gleich schon wieder mit seinen Gedanken der Marie Katharinan hinterher, die im Haus verschwunden ist und sich dort zu schaffen macht.
Ja, - es ist wahr! Der Reformator, der doch verehelicht ist mit Frau Käthe und schon bei drei Kindern mit ihr hat, kann sich das Bildnis der Schall-Tochter nicht aus dem Hirn schlagen. Das Bild sitzt fest, wie der Firnis auf der Farbe, so pflegt Lukas Cranach immer zu sagen. Das lieblich schimmernde Haar unterm Regenbogen. Die emsige Schar der Geflügelten, die die Körner aus den Mariähimmelfahrtsblüten aufpicken und die Waden der Marie Katharina.
„Wie alt ist denn Euers seligen Bruders Tochter, Magister Schall?“ fragt der Doktor den Alten. „In zehn Tagen wird sie uns bei 2o Jahr“ sagt der. „Also ist sie am 25.08.1510 geboren“, denkt Luther, – so schnell hat er das im Kopf ausgerechnet.
Dann befiehlt er, die Pferde anzuspannen. Nach zwei Stunden ist man in Wittenberg zurück. Die Schatten an der Rahnsdorfer Sonnenuhr sind inzwischen enorm lang, denn die Sonne geht eben unter und der Mond wird in zwei Tagen voll sein. In Wittenberg lässt sich der alte Erdtrabant über den Elbwiesen schon sehen. Martin Luther schaut aus dem ehemaligen Schwarzen Kloster nach Süden, wo das Gestirn der Nacht sich langsam aber immer mehr zu erheben beginnt. Dann geht er zu Bett, aber das Bildnis der Tochter Schalls lässt ihn im Traum nicht los. Es hat sich eingebrannt. Die Blumen, die Hühner, der Regenbogen, die Haut und das Haar. Den nächsten Tag – ein Samstag – sitzt Luther an der Predigt – versucht seine Gedanken zu ordnen. Ihm fällt aber nichts ein. Nur das Bildnis ist da. Mehr nicht – und damit alles.

Wir wollen nicht beschreiben, wie es dem Reformator in den Tagen bis zum 25. August erging. Oder doch? Er wandert halt ruhelos umher. Er pflückt Blumen. „Martin, was tust Du – da Du Blumen pflückst und mir schenkst?“ fragt Käthe. „Das hast Du noch nie getan!“ Er: „So tue ich’s itzt!“ Dann sucht und findet man doch noch einen Vorwand, um nach Rahnsdorf fahren zu müssen, exakt zum Tag, als die Marie grad Geburtstag feiert. Was soll Martin der Katharina schenken … Ach - da hat man noch ein par Druckseiten von einem Pflanzenbüchlein. „Ueber die Arzeneien – und wie ist Christus unser lieber HERRE der wahrhaftig Apotheker. Fürgestellt von Karl Philipp Mohr aus Sindelfingen. Komet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Erquickung schaffen.“ Luther wickelt die Seiten in ein buntes Papier, umwindet die Rolle mit einem Band. Dann lässt er anspannen und fährt hinaus in die immer noch hochsommerliche Natur. Er wählt den Weg über Euper, das Gut Abtsdorf, durch Woltersdorf rollt die Kutsche und streift Zahna, ehe sie in Rahnsdorf ankommen.
Seinem Kommen hatte Luther einen formellen Brief vorausgeschickt. Schreibt: „Lieber ehrenfester und günstig Gelehrter, – Magister Schall. Noch einmal möcht ich Euch meinen Besuch ankündigen, denn in dem einen Kirchenbuche sah ich kürzlich die Eintragung über Melchior Beelitzens Hof, wie darauf ettlich Schulden liegen, abzutragen bei der Stadtkirchen allhie zu Vittenberg. Da will ich mich einsetzen für Melchior Beelitzen beim Rat. Muss aber noch mal genau und selber lesen. Stellet mit doch das Büchlein bereit.
D.M.Luther zu Vittenberg“

Der alte Schall hat mit fliegenden Händen alles vorbereitet, will keinen Fehler sich nachweisen lassen, fürchtet er doch seit Jahren schon seine Anklagung wegen der persönlich deutlichen Interessen an Sonne, Mond und Sternen – und seines vorgerückten Alters wegen. Auch Marie Katharina ist wieder da. Sie trägt in den drei Stunden, in denen Luther scheinbar das Büchlein vor und zurück studiert, frische Semmeln, Tee, Bier und Milch von der Ziege auf, diese Milch hat sie mit Honig gesüsst und Minze hineingetan.

Luther verknallt sich an diesem Nachmittag unsterblich in das Geburtstagskind. Er hat ihr das Apothekerbüchlein von Christus als dem rechten Arzt offeriert. „Hier, Jungfer Schallin, ein kleines Geschenk von uns aus Vittenberg!“ Er hüstelt verlegen. „Diese Kostbarkeit!“ ruft der Vater! „Ach nein!“ sagt Luther, „Wir haben es zu Vittenberg zween Mal.“ Was nicht stimmt, er hat es einfach aus der Bibliothek – entfernt. Du sollst nicht stehlen. Was ist das … Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Aber Luther hat schon am Sonntag einen Ablass in den gemeinen Kasten getan. „Pecca forte sed crede fortiter“, sagt er sich. Und dieser Satz wird überliefert werden bis in späteste protestantische Tage hinaus. „Ach, Gott, vom Himmel sieh darein. Und habe doch ein Einsehen, lass die Zeit stille stehen.“ Aber nun schaut der Kutscher herein. „Es wird bald dunkel und die Pferde müssen heim, Herr Doktor. Herr Luther, es ziehen Wolken auf. Wir müssen gen Vittenberg fahren!“

Luther verabschiedet sich. Schall, der alte und der junge nicken beide und die Marie Katharina dankt. Sie reicht ihm die Hand, er nimmt sie und drückt sie ein wenig. O weh, – ein Duft von Schafwollseife und Rosmarien bleibt zurück – und prägt sich ein. Er führt diese Hand während der etwa zweistündigen Fahrt nach Wittenberg immer wieder an die Nase. O weh …

Nie wieder wird Martin Luther Rahnsdorf besuchen. Er wird diesen Ort meiden. Denn hier wohnt und regiert die Hexe, die er lieben muss, obwohl er es gar nicht will. Denkt er. Armer, armer Martin … Nie wieder wird er Rahnsdorf besuchen. Und es ist so schön dort.

DE LIBRO HERBORUM
Da hatte nun Marie Katharina Schall aus Rahnsdorf dieses Büchlein von Luther empfangen. Das Büchlein von Christus als dem einzigen und wahren Apotheker. Sie las es durch - von hinten nach vorn. Ja, - sie war seltsam, die Katharina. Bücher las sie immer von hinten nach vorn. Woran das lag? Sie hatte das Hebräische erlernt, fast noch eher als das grobe Deutsch. Dann Latein und dann Griechisch. Erst mit sieben Jahren hatte sie auch Deutsch zu schreiben begonnen. Der Vater hatte darauf gedrungen, dass sie mit lateinischen Buchstaben das, was sie sprach, aufzeichnete. Denn sie schrieb bisher „ij” für „ich” und „Ai” für „Ei” (wenn sie nicht genau wusste, wie es geschrieben wurde, setzte sie in Klammern den Lateinischen Ausdruck noch dahinter. Also für „Ich, das Ei“ schrieb sie: „Ij (ego) will dieß Ai (ovum). Ja, - sie war ein bisschen sonderbar. Und Vater mit Bruder fragten sich, was will das werden? Fast wie im Märchen ging es zu. Einige Freier wurden vorgestellt, - sie blieben links und rechts der Nachmittagsstunden liegen, während derer man in Rahnsdorf am Tisch im Garten zusammensaß. Katharina mochte diese Männer alle nicht. Sie ließ die bestellten Freier spüren, dass keiner von ihnen ihr das Wasser würde reichen können. Und so zog man sich zurück, es gab ja noch andere Pfarrerstöchter in Kursachsen … Luther nun, wesentlich älter als Katharina, hatte ihr das Büchlein geschenkt. Und sie las es. Das Erste, was sie las, was das:

Der Mensch gleicht der Blume
auf weitem Feld
Am Morgen blüht sie und leuchtet
der Sonne gleich pranget die Blüte
Pracht, Farbe und Licht.
Am Abend neigt sie
erschöpft und verblüht sich
Gebeugt von der Lebenskraft
sinkt vor der Sichel sie in das Heu.
Der Mensch ist die Blume,
dem Gras gleicht der Mensch
Blumen bindet er fröhlich zu Sträußen
Traurig legen wir Blumen ans Grab.
Gott nimmt und presst sie
ans Herz sich, ans pochende Album
Unendlich stehet mit goldener Wucht
auf dem Deckel des Buches.
Drum, einmal, beginnen die Saiten
des göttlichen Herzens
erneut sich zu regen.
Sie tönen alle
im Tau der Lieder
und bringen ein Blühen hervor.
ER lässet es zu …

Marie Katharina schrieb diese Verse ab, übersetzte alle auch in alle jene Sprachen, die sie kannte - und fügte sie dann in der seltsamen Schrift der Voynichen zu ihren Tagebüchern.

DE LIBERO ARBITRIO?
Luther hatte es schwer. Eigentlich wollte er ja die von Bora gar nicht. Er hatte nämlich schon lange seine Augen auf Ave von Schönfeld geworfen. Aber die wollte ihn dann nicht, - ihn, den alten Zauderer mit ständigen Leibschmerzen und Angstanfällen, dafür heiratete einen lustigen Mediziner namens Basilius Axt. Die aus Nimbschen  geflohenen acht Nonnen waren also alle vergeben - nur Nummer neun, Katharina von Bora - den spröden Herrn Käthe - mochte keiner haben. Da nahm Luther sie bzw. ihn. Die Vernunft war - groß.
Aber jetzt? Jetzt hatte Luther gleich zwei Katherinen und mit denen von  Töttleben und Tambach waren es sogar vier. Besser gesagt, die eine hat er - die andere hat ihn. Die dritte war verloren - und die vierte war vielleicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt - seinetwegen. Katharina von Bora ist elf Jahre älter als ihre Namensbase aus Rahnsdorf. Jene ist sehr durchschnittlich und ohne Reiz - diese aber hochgewachsen und schön von Gestalt. Jetzt liest sie in dem Büchlein vom Apotheker Christus, das Luther ihr zum 20. Geburtstag verehrt hat. Das Büchlein liegt ihr von diesem Tag an immer dicht am Herzen. Sie geht damit in der Feldflur umher, denn ihr Interesse ist seit Kindesbeinen an das Leben der Flora im grünen Gefild. Sie kennt die Stimmen und Gesänge der Vögel, sie hat ein kleines Tambourin, mit dem sie den Herzschlag nachahmt und sich auf diese Weise bis dicht an Hirsch, Schwein, Auer und Reh heranpirscht. Sie seiht die Aufgüsse von Belladonna und Aconitum, macht Auszüge aus Engelswurz mit Schweinefett und kann auch das Rosenöl herstellen. Ihre Kammer ist ein Labor, über dem Alkoven hängen Pflanzenbüschel. Pilze trocknet und Steine sammelt sie. Der Onkel, Johann Schall, fürchtet, dass eines Tages seine Nichte als Hexe auf dem Scheiterhaufen zu Wittenberg steht. Der Bruder redet mit ihr oft und lang über das elende Heidentum und die fremden Götter, die in den Dingen wohnen könnten. Katharina ist klüger als er, obwohl sie bei zehn Jahren jünger ist. Valentin kennt nur Bücher. Sie aber kennt das, worüber die Bücher berichten. Das ist der Unterschied.

Das Frauenwissen hat die Katharina von ihrer Mutter Marie, die aber schon im Himmel ist. Eines Tages lag sie tot im Bett. Ganz kalt. Der Arzt stellte fest, das das Herz stehen geblieben war. Es ist das an einem kalten Novembertag geschehen. Am 27. November 1526. Müntzer war schon hingerichtet worden, die Bauernkriege niedergeschlagen. Die Mutter Marie also, eine geborene Niemegk, wesentlich jünger als ihr Ehemann Joseph Martin Schall, starb mit 45 Jahren und wurde in der Kirche begraben, an der Nordwand des Chorraumes des uralten Gotteshauses im sächsischen Mumplitz. Einen Sansteinepitaph ließ der unglückliche Ehemann über ihrer Gruft anbringen. Darauf sieht man einen sich zwischen Totenkopf und Sanduhr herumflätzenden Putto, der sich ein Spruchband über den Leib zieht, darauf „memento mori“ geschrieben steht. Dann starb er selber vor Kummer. Die beiden Kinder Valentin und Marie Katharina kamen zum Onkel nach Rahnsdorf. Wenn dieser Onkel schwermütig wurde (und er wurde es oft), sah er in die Sterne und schrieb Zeichen auf Papiere, die er dann in einer Lade verbarg, zu der nur er den Schlüssel hatte. Der Neffe Valentin dagegen las zu finsteren Nächten in der Bibel und in den Schriften der noch jungen Reformation. Katharina jedoch floh hinaus ins Freie, in die Natur, aufs weite Feld, an die Ufer des Zahnabaches und in den Wald, der sich mit seinen Eichen und Buchen in dunklem Grün erhob. Wenn Gewitter gehen, - da könnt ihr sicher sein, dass sie im Wald ist. Katharina. Unter den Eichen!

Hier bricht der Bericht Hetzers ab - er wird zur vorletzten Akte jenes Konvoluts, den der Archivarius Lindthorst für uns fotographisch gesichert hat. Das letzte Blatt aber ist jener „Agnisentraum”, der von Luther nicht kommentiert und von Tusmenitzer mit Fragezeichen versehen worden ist. Die Schrift der Eintragung ist allerdings nicht dieselbe wie die auf den anderen Lutherzetteln zu merkende. Es ist, als ob einer die Schrift Luthers hätte nachahmen wollen. Die Buchstaben gleichen in den Unterzügen der Hertzerschen Handschrift. Und so darf man wohl die Vermutung wagen, dass Hetzer selbst den Traum von der Agnisa erfunden hat.

Morgen an dieser Stelle dieser Traum

und die Auflösung der Coronalegenden

mit weiterem Bild einer
berühmten Bibliothek.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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