DIE CORONABIBLIOTHEK
Teil 6

russische Staatsbibliothek in Moskau

"Kommt der Leser nicht zur Bibliothek, geht die Bibliothek zu ihm."
Marcello Cervini (1548–1555) - Protektor des Erzarchivs

In dem geheimnisvollen Karton mit Manuskripten und vor allem den Originalzetteln der Kinderträume des Reformators Martin Luther findet sich auch der sogenannte „Traum von der Agnisa.” Luther selbst hat diesen sehr kurzen Traum nicht kommentiert. Tusmenitzer macht drei große Fragezeigen an den Rand. Aber Hetzer hat dieses kurze Gesicht der Nacht mit einem offenbar von seiner eigenen Feder stammenden Pamphlet zusammengeheftet und beides mit einem Etikett versehen, auf dem folgende Aufschrift prangt: „NOCH NICHT VOLLENDET. Weitere Nachforschungen zu Katharina von Rahnsdorf liegen bei  dem Pastor Tiburtius Mutz in B. Der will sie nicht herausgeben!!!” Wir nun offenbaren das unvollendete Dokument Dominicus Hetzers in zwei Teilen kurz vor dem Adventssonntag 2020. Nicht ohne dabei unsere deutliche Vermutung kundzugeben, dass es sich im Falle aller dieser Schilderungen um die Einfädelung einer den Reformator denunzieren sollenden argen Fake-News-Story handelt.

ARS AMATORIA SPIRTUALIS
Luthern, der geheilt wurde mit dem Wasser des Brunnens in Tambach - aber eigentlich durch das kundige Walten einer zauberischen Hex, war im Februar 1536 das Heil der Gesundung zuteil geworden. Und da beschloss er, doch noch einmal nach Rahnsdorf hinaus zu fahren. Und der dortigen Marie Katharina seinen Dank abzustatten. Für den Abgang der Steine! Als er aber wieder in Wittenberg angekommen ist, vergisst er dieses Gelübte und seinen Vorsatz, die Nichte des inzwischen längst verstorbenen Johann Schall und die Halbschwester des jetzigen Pfarrers zu Rahnsdorf, Valentin Schall, zu besuchen. Ja, - er wollte sich irgendwie aussprechen mit ihr - über seine damalige unbändige Verliebtheit. Wollte reden, - nur reden und sie (die nun sicher schon verständiger) noch einmal betrachten.
Was kann das sein? Warum ist das so - und so weiter, der ganze Kram. Und besonders über die ferne Schwester im Thüringischen wollte er mit ihr reden, die ihn von den Schmerzen befreit und die er vor dem Scheiterhaufen bewahrt hat. Wohl machte er in den nächsten Wochen einige halbherzige Anläufe, die Reise nach Rahnsdorf zu planen, - dann lässt er es aber doch wieder sein. So ist er eben, der große Wortgewaltige und Schöpfer deutscher Sprach und Zunge. Mit der Reformation hat er ja genug um die Ohren - bis hin zum Tinnitus.

Aber jetzt kommt es. Jetzt kommt im Jahr 1538, als noch einmal die Pest durch Wittenberg schleicht, Herr Käthe ins Spiel, das ist Katharina von Bora, wie Luther seine Frau oft nennt, was man nicht fein finden muss. Eines Tages betritt sie also einigermaßen gedankenverloren das eheliche Gemach. Der Gatte schlummert bereits auf dem Bett. Hingestreckt ist er, und es ist schon spät. Katharina war noch einmal nach den Hühnern sehen. Da kommt sie auf dem Rückweg durchs Haus an einem der zahlreichen Bücherregale vorbei und greift sich, wie der Zufall es will, ein Buch heraus - und schlägt es auf. Irgendwo in der Mitte - wahllos. Sie ist müde, sie ist aber nicht willig, jetzt gleich neben dem schnaufenden Martin zu warten, bis auch sie endlich einschläft. Nimmt das Buch und setzt sich beim Lampenschein in die Ecke auf ein paar Felle. "Ovidus - Ars Amatoria". Melanchthon war es, der dieses antike Zeug immer ins Haus schleppte. Liebeskram in Schriftform. Sie blättert planlos das Büchlein hin und her, geht ein wenig in den Kapiteln spazieren. Sonderbaren Kram hat dieser vom Kaiser Verbannte in Constanta auf´s Papier gebracht. Etwa, wo kann ein Mann zur Buhlschaft kommen? Wie kann ein Mann der Weiber Liebe gewinnen? Wie kann ein Mann sich seiner Buhlin wacker enthalten? Und alles sowas. Katharina blättert und liest, lacht und schüttelt den Kopf. "Was die Männer über uns meinen, - es ist ja absurd", sagt sie halblaut.
Dann stutzt sie. Ein Zettelchen fällt heraus, in jenem Kapitel hat es gesteckt, wo man von der Verschwiegenheit handelt (liber II 621-640) „Früher, als noch kein Ziegel erfunden, / der uns vor Regen beschützt / und im Sommer vor Sonne, / als wir unter Eichen noch schliefen / und Eicheln noch fraßen, / suchten zum Lieben wir gerne den Wald / auf und schummrige Höhlen“. Und wie sie liest und sinnt, - da gewahrt sie, dass in der Handschrift ihres Gatten (die kennt sie genau!) eine Glosse an den Rand gesetzt ist. „RAHNSDORF!!!“ stehet da, mit drei Ausrufungszeichen. Rahnsdorf? Ist das nicht dieser Flecken hinter Zahna, wo ein alberner Zögling Melanchthons predigt, der eine ledige Jungfer zur Schwester hat, die sonderbar im Kopfe ist und ihm den Haushalt zu führen hat? Was ist mit diesem Rahnsdorf? Sie geht behutsam in das eheliche Gemach, hat das Buch noch in der Hand und sieht ihren Mann hingestreckt auf das Lager. Da liegt er, und kann nicht anders. Er bewegt die Lippen im Schlaf. Sie pirscht dicht heran und glaubt zu hören, dass er immer wieder einen Namen flüstert. Immer wieder dasselbe Wort. Aber Gott Lob! Es ist ja der ihrige! Katharina. Wie ist sie froh.

Sollte man nicht einmal gemeinsam in diesen Wald bei Rahnsdorf reisen? An einem Sonntage vielleicht, - nach Ostern. Gleich morgen wird sie diesen Vorschlag machen.

Die Fahrt zum Michelsberg
Katharina greift schon mal nach den Zügeln. Klar, das macht sie. Luther sitzt hinten auf dem Wagen und schreibt irgendwelches Zeug an seinen Fürsten. Es geht um Besitz und Ausgleich. Der ewige Streit zwischen denen, die noch nicht alles verloren haben. Da soll der kluge Martin irgendwie zu irgendwelches Vorteil schlichten helfen. Sie, seine rechtmäßig angetraute Frau, sitzt vorn und lenkt die Kutsche, ein Pferdchen zieht wacker den alten Wagen.
Es soll, so hat sie dem Manne gesagt, nach dem Michelsberg gehen, einer kleinen Erhebung in der Kropstädter Forstung - Vorfläming. Auf diesem Berglein steht eine Kapelle, die dem heiligen Michael geweiht ist, der mit den Drachen kämpft und sie besiegt. Das ist das Gute dran, dass der immer gewinnt. Wie viele haben sich den Drachen schon gestellt - und haben elendiglich verloren. Elendiglich ist ein schönes Wort. Katharina braucht es gern. Aber auf der Höhe von Kropstädt, wo sie nach links hätten einbiegen müssen, lenkt sie nach rechts, wo es über Wergzahna nach Rahnsdorf geht. Es ist am Freitag vor Kleinostern 1538. Luther ist so beschäftigt mit seinem Denk- und Schreibkram, dass er die Änderung der Route gar nicht bemerkt. Ein herrlicher Tag, die Sonne scheint und in den Büschen üben ihr Lied die neuermunterten Vögel.
Katharina lässt in ihrem Kopf ein paar Planspiele und verschiedene Varianten von dem, was heute noch geschehen könnte, ablaufen. Von hinten erschallt die ungeduldige Frage: „Katharina, sind wir bald da?“ - Sie ruft in den Planwagen: „Ja, gleich sind wir da. Ich sehe das Kirchlein schon.“ Gewiss, eines Kirchturms wird man ansichtig. Es ist aber nicht der Dachreiter der Michaelsbergkapelle, sondern der Turm von Sankt Johannes in Rahnsdorf. Hier waltet und herrschet der Täufer, der die Menschen packt und in die wirbelnden Fluten des Jordan tunkt, damit sie Buße tun und zugleich ein unvergessliches Zeichen ihrer Neugeburt deutlichst eingeprägt bekommen, - das Ringen nach Atem und das Wiederauftauchen aus den Ersticken androhenden Todesfluten.

Da, - jetzt! Luther scheint nun doch etwas zu bemerken. Er ruft „Wo sind wir hier - das ist nit der rechte Weg. Umkehr, Umkehr.“ Aber es schwingt die von Bora ihre Peitsche, dass es knallt und schallt. Die letzten hundert Meter galoppiert die alte Mähre direkt bis vor das Pfarrhaus von Valentin Schall, Pfarrer zu Rahnsdorf und Bruder der Marie Katharina, seiner dato unvermählten Schwester, welche als Haushälterin die besten Jahre ihres Lebens hier draußen verplempert und für nichts drangibt. Die Kutsche steht jetzt auf dem Hof. Katharina springt locker herab aufs Kopfsteinpflaster. Martin hat nun endgültig bemerkt, wohin ihn die Fahrt gebracht hat und tut weiter so, als ob er hochbeschäftigt ist.
Nichts regt sich, alles ist still. Nur Schwärme von grauen Wildgänsen, die dieser Tage sich von den Feldern her sammelten und Rast auf ihrer langen Reise machten, ziehen rufend über den Häusern von Rahnsdorf dahin. Bald kommt der Pfarrer auf den Hof gelaufen und freut sich über den Besuch aus der Stadt. Nein, wie er sich tief vor dem Wagen neigt, denn er hat Katharina von Bora erkannt und weiß, dass der Bruder Martin sicher auch auf dem Wagen hockt und wahrscheinlich für die Reformation irgendwas Textliches ausarbeitet. „Laudetur Jesus Christus“ schallt es aus dem Munde dessen, dessen Name Schall lautet. „In saeculo saeculorum“ antwortet die Lutherin und zieht mit einem Ruck die Plane auf. Da sehen wir Luther, wie er mit feuerrotem Kopf dasitzt. Er ist in Rahnsdorf. Weiß es und sagt nichts.
Und da zeigt sich für die Wagenlenkerin, dass irgendwie etwas faul ist und der Klärung bedarf. Luther sagt kein Wort vom Michelsberg, der nicht da ist. Und nichts bemerkt er zu Rahnsdorf. Nichts fragt er, warum man hier sei und nicht wo anders. Dabei hatte es früh am Tisch beim Morgenmahl einen Streit gegeben. Sie wollte einmal hinaus ins Freie - er wollte in der Stube hocken bleiben. Erst nachdem sie ihm allerherzlichst die Reise nach dem Berg abgebettelt und er sich ausbedungen hatte, Akten mit sich führen zu dürfen, erst dann war es überhaupt zu der Fahrt überhaupt gekommen!

Valentin Schall meint erfreut, er würde gleich seine Schwester rufen. Da ruft aber Luther eilig vom Wagen herab: „Nein, nein, wir bleiben ja nit hier, sondern fahren zum Michelsberg!“ Ja“, - sagt seine Katharina. „Und Euch lieber Bruder Schall samt Eurer Schwester wollen wir mitnehmen. Heute ist ein schöner Tag. Es wird ein Ausflug zu viert! Schlagt uns die Bitte nicht ab. Wir haben uns nicht anmelden lassen, denn es sollte eine Überraschung sein!“ Die Marie Katharina wird also doch gerufen. Aber sie ist schon von allein gekommen. Errötet auch nicht vor dem alten gelehrten Manne in der Kutsche und seinem gönnerischen Ehegespons, das sie, die kleine Marie Katharina, Haushälterin eines hier draußen in der Unbedeutsamkeit versteckten Landgeistlichen zur Frühlingsfahrt einlädt. „Ei, Gevatterin von Bora und geehrte Lutherin, ich bin gleich reisefertig!“ ruft sie, rafft ein paar Dinge in einen Korb und nun werden die Sitze verteilt. Vorne auf dem Bock sitzt Valentin, der, so zeigt sich bald, ein kundiger Kutschierer ist. Und hinten im Wagen sitzen auf der einzig vorhandenen Bank dicht aneinander geschmiegt drei Personen. Es ist wenig Raum dort. Zwei Katharinen zu beiden Seiten, Luther aber in der Mitte.

Heidi, heido - los geht die Fahrt über die Heide. Fort aus Rahnsdorf, durch das träge die Zahna sich nach der gleichnamigen Stadt immer mehr verbreiternd dahinfließt. Und hin zum Michelsberg führt der Weg, wo der Erzengel die Teufel besiegt, und wo die Quelle jenes Flüsschens entspringt, das der Superintendentur im Ackerbürgerstädtchen Zahna ihren Namen verleiht bis an den heutigen Tag. Aber was war es denn um Luther und diese beiden Weiber mit Namen Katharina, zwischen denen er nun leidet wie Christus damals am Kreuz zwischen den beiden Schächern?

Jeden Tag bis zum ersten Sonntag im Advent an dieser Stelle
eine neue Traumgeschichte und
ein anderes Bild von einer
berühmten Bibliothek

Autor:

Matthias Schollmeyer

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