DIE CORONABIBLIOTHEK
TEIL 4

Lesesaal Britische Bibliothek

"Kommt der Leser nicht zur Bibliothek, geht die Bibliothek zu ihm."
Marcello Cervini (1548–1555) - Protektor des Erzarchivs

In der Aktenkiste, deren Inhalt „Archivarius Lindthorst” photographisch gesichert hat, finden sich zusätzlich zu den Träumen des kleinen Martin Luther einige bitterböse Berichte von der Hand des Gegenreformators Fr. Dominicus Hetzer, welche dieser auf der Basis von zumindest damals kursierenden Tatsachenberichten irgendwelcher aus Kreisen papistischer Ultras stammender Faktenchecker  phantasievoll ausgeschmückt haben muss. In Sonderheit handelt es sich dabei erstens um den bis heute nicht ganz aufgeklärten tragischen Fall des Lutherfreundes Hieronymus Buntz (also um dessen gewaltsamen Tod durch Luther) und zweitens um die Umstände des Dahinscheidens des Reformators selbst. Beide Ereignisse verbindet Hetzer auf geniale Weise vermittels einer fiktiven Frauengestalt namens Mechthild Dorothee Almuth Katharina Schildhauer.

Demnach war es damals am 1. Juli 1505 zu einer Art Raufhändel gekommen. Nichts Besonderes. Studenten, zumal wenn sie Bier getrunken haben und es um Mädchen geht, geraten leicht in hitzigen Streit. So auch die beiden Jurastudenten Hieronymus Buntz und Martin Luder. Der Name Luder soll auch den Anlass für den tödlichen Ausgang der Angelegenheit gegeben haben. Und das kam so.
Die Mechthild Dorothee Almuth Katharina Schildhauerin, eine maßgebliche Jungfer im Erfurter Kneipenmilieu, ist auch von den beiden befreundeten Kommilitonen Buntz und Luder „gar starklichst begehret worden“. Nun war doch am 01. Juii 1505, an einem Samstag in der lieben Sommerzeit, Tanz in Töttleben gewesen. Die Mechthild usw. hatte dem Luder für diese Nacht eine Stunde im Stroh versprochen. „Wenn Martin zu Mechthild in´d Kammer steigt, ist die Ehe geschlossen“ lesen wir später in den pastoralen Überlegungen, die der gewesene Mönch in Wittenberg für seine Schüler im Hörsaal aufschreiben wird. Da hat er übrigens gerade die KVB (Katharina von Bora) geehelicht. Aber von Töttleben aus bis nach Wittenberg ist noch ein langer Weg mit Schlägen gegen sich selbst, mit Blut, Tränen und jeder Menge toter Bauern.

Zurück zu jener verhängnisvollen Nacht: Weil Martin in Töttleben zu viel Bier genossen, verschlief er den Termin mit der Mechthild etc. Schildhauer. An seine Stelle trat der wackere Hieronymus. Jungfer Mechthild war´s egal, sie konnte die zwei Freunde gleich gut leiden. Der fröhliche Wechsel im Stroh hat dann aber zum erbitterten Streit zwischen den beiden Kommilitonen auf dem Fechtboden geführt. Der schon immer zu leichtem Aufbrausen neigende spätere Kirchenzerstörer aus Möhra/Eisleben forderte seinen Freund Hieronymus erst scherzhalber zu einer Art Duell – und dann ist irgendwie Ernst daraus geworden. Der eine warf dies Wort, der andere ein anderes in die Runde. „Luder, Luder …“. Und schon war es passiert. Hieronymus, das bedeutet übersetzt: DER HEILIGE NAME lag verröchelnd in seinem Blute am Boden. Und der Mann mit dem unehrenhaft klingenden Namen LUDER machte sich aus dem Staub, nachdem er sein Rapier erschrocken hat zu Boden poltern lassen. So zumindest stellt es Dominicus Hetzer genüsslich dar.

Luther floh, aber - wohin soll er sich wenden? Angst vor dem Luder-Vater, den er mit Gottvater zu verwechseln nie wirklich wird aufhören können, Angst vor Rad, Galgen und Kerker trieben den jungen Mann in das Labyrinth einer „Irgendwohinflucht“ - hinaus auf die blühenden Heiden bei Stotternheim. Dort stach man (sicherlich um Schlimmeres zu vermeiden) vom Himmel aus mit Gewitterblitzen nach ihm, aber traf seltsamerweise nicht … Der vom Blitz Verfehlte gelobte schweißüberströmt, mönchisch zu werden. Auf diese Weise war zuerst einmal etwas Zeit gewonnen worden. Aber gewonnene Zeit weitet sich nicht selten zu inhaltlich-thematischen Wiederholungsschleifen aus. Vorsicht mit angeblich gewonnener Zeit! Die hohe Kultur des römischen Katholizismus musste nördlich der Alpen schließlich dran glauben, weil ein Einziger auf Dauer versucht hat, seine hitzigen Fehler kulturell zu schönen, geistlich aufzuwerten und unter liturgischen Übungen zu beschmücken. Der Mörder von Tottleben, der nie Kardinal wurde, sondern aus den Vatikanischen Brocken seine eigene Kirche losriss – zumindest einige nicht unwesentliche Teilstücke aus dem wertvollen Großen und Ganzen, und der als Dozent in einer unbedeutenden kotigen Stadt an der Elbe endete, - das ist der andere Luther. So Hetzer.

Wenn es nicht so abwegig wäre, würden wir dazu bemerken: Gab es Ähnliches nicht schon einmal?Machte es nicht Mose genauso? Schuf dieser durch göttlichen Zufall aus dem Nilwasser gerettete Findling nicht eine wirklich ganz  n e u e  Sozialität von Monotheisten, indem er das misslungene EinGottExperiment des ägyptischen Pharao Echnaton draußen in der Wüste einfach neu und mit bescheideneren Mitteln in einem anderen Volk (seinem eigenen) inszenierte? Mit dem Allereinfachsten? Mit ein paar vom Geist in Stein gefrästen Worten und Berichten über Vorträge aus feurigen Sträuchern?  
Hetzer wendet sich nach seiner Schilderung oben kurz skizzierter "Buntzgeschichten" dann einem scheinbar ganz anderen Thema zu, nämlich dem Ende und der Beerdigung des Leibes des in Eisleben verschiedenen Erzhäretikers Martin. Er schreibt:

Hetzers Text:
Endlich fielen die Erdschollen mit dumpfem Gepolter auf braune Sargbretter. Langsam füllte sich die Gruft mit schwarzer ehrlicher Erde. Archimedes hätte seine Freude daran gehabt. Die Verdrängung der Luft aus dem Geiste der Gruft. Als der Hügel aufgeschüttet war, gingen die Leute davon. Krähen kamen geschwebt, setzten sich und schrieen ein paarmal, was Krähen so rufen, wenn alles gesagt ist. Ja, – liebe Protestanten! So endete das sichtbare Leben des Reformators Martin Luder, oder Luther, wie er sich später nennen würde. Bekannt auch als Dr. Martinus Lutherus. Zweimal latinisiert, damit keiner merkt, dass auch er nur ein Mensch gewesen. Ihr wollt noch mehr wissen, – wie ich Euren ärgerlichen Minen entnehme? Nun gut – hier ist die der Wahrheit bisher abgewandte Seite des Ganzen: Die Krähen, die sich inzwischen von Allerheiligen zu den Türmen von Sankt Marien davon gemacht hatten, waren schon vor dem Fensterlein der Eislebener Sterbekammer Luthers gesessen und hatten den Geistern gelauscht, die sich erbitterte Kämpfe um die Seele des zu verbleichenden Mannes lieferten. Diese Krähen also hatten den Trauerzug bis Wittenberg begleitet, um zu sehen, wie die Sache enden würde.

Luther schrieb. Er schrieb viel. Er schrieb auch bis kurz vor dem Tode - bis kurz vor seinem Tode in Eisleben hat er rastlos geschrieben, auch noch tief in der Nacht. An der Problematik „Vom freien Willen“ hatte er sich noch einmal versuchen wollen. Zwölf Blätter sind auf diese Weise mit klugen Worten gefüllt worden. Die Krähenvögel haben sich diese Blätter jedoch geschnappt und - entführt.

Dominicus Hetzer hat aber offenbar eine Abschrift dieser Blätter in der Kiste mit dem Träumen des beklagenswerten Reformators von irgendwoher erhalten? Er verwahrte sie wohlweislich hermetisch auf, so dass lange nichts nach draußen gedrungen ist. Aber wer die Sprache der Vögel versteht, hört, wie diese es heute immer noch lachend erzählen, was Luther am letzten Tag seines Lebens zu erforschen strebte - eine verlässliche  Antwort auf die Frage, ob es einen freien Willen gibt oder ob nicht. Im Folgenden ist wiedergegeben, wie Fr. Dominicus Hetzer einen kurzen Ausblick auf das Ende des Sterbetages Dr. Lutheri gegeben hat und dabei von fast allen heute bekannten Versatzstücken boshaft gegenreformatorischer Verleumdungsnarrative Gebrauch macht:

Hetzers Text
Luther (zu sich selbst):
Ich schreib es auf. Dann ist es gesagt. Dann kann es mich nicht mehr jucken. Ist es erst gedruckt, kann es nicht mehr drücken. (schreibt)

Krähe 1 (draußen vor dem Fensterglas):
Krah, Krah.

Luther (versteht die Krähe nicht):
Was schwätzest du, dummer Vogel?

Krähe 2 (will helfen):
Kroax, Kroah …

Luther:
Diese Scheißvögel bekoten mir draußen das Fensterbrett. Ich will sie flugs vertreiben.
(steht auf und stößt sich dabei am Deckenbalken)
Au, verdammtes Viehzeug.

(Er sinkt ohnmächtig zu Boden – und erwacht nach 20 Minuten aus seiner Ohnmacht. Die Krähen sind jetzt zu einem beachtlichen Schwarm angewachsen. Sie pochen an das Fensterglas und geben kluge Kommentare ab, versuchen Luthern aufzumuntern und formulieren ihre wertvollen Hinweise für seinen Text. Luther versteht aber nichts und flucht den Vögeln)

Luther (hochrot):
Fort mit Euch, ihr Brut des papistischen Satans zu Rom. Packt euch, elende, nichtswürdige Aasesser!

Krähen (alle):
Krächtz, Krachtz, Coraxes.

Luther (packt das Tintenfass und schleudert es gegen das Fenster):
Verruchte, ich vertreib euch wie ehedem den Beelzebuben zu Eisenach mit schäumendem Tintensaft.

Er trifft die Krähen, aber das Fenster geht dabei Millisekunden vorher notgedrungenermaßen zu Bruch. Die sehr kalte Winterluft dringt in die Stube ein und breitet sich darinnen aus – überall langsam gefrierende Tinte und zersplittertes Glas. Luther sinkt auf den Fußboden hinab und sammelt mit bloßen Fingern die Scherben ein. Dabei kommen ihm hebräische Worte auf die Lippen, denn der Zufall hat die Scherben so fallen lassen, das sie aussehen wie hebräische Schriftzeichen. Nun schneidet der Ärmste sich auch noch ... Sein rotes Blut vermischt sich mit dem blauen der Tinte auf den reifüberzogenen glitzernden Glassplittern, deren Anordnung tatsächliche Schrift zu sein scheint. Die Dreieinigkeit von Tinte, Blut und Glasschrift gefriert in der eisigen Luft. Und das gilt, wie man weiß, als Unterschrift.

Zweifellos betritt nun promt der Böse die auskühlende Kammer und es beginnt die letzte Phase des großen Streites um den freien Willen von Luthers armer Seele. Die Krähen greifen natürlich helfend ein, weil das Fenster geöffnet ist, können sie das! – sie plädieren dafür, das Luthers Seele in den Himmel kommt. Der Satan dagegen will Luthers Seele für sich drunten in der Hölle haben. Die Krähen gewinnen schließlich durch eine ziemlich abgefeimte List, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll. Die schwarzen Seelenvögel nehmen also die zwölf Blätter an sich. Die Seele wird bekanntlich transportiert von demjenigen, was der Mensch als Letztes aufgeschrieben hat. Das ist seine Seele – jetzt haben wir etwas sehr Wichtiges verraten – und die Krähen fliegen gemächlich durch die klare Februarluft über die Kupferberge des Mansfelder Landes in Richtung Wittenberg, wo die Weinstöcke auf den Frühling harren. Der Teufel beschäftigt sich inzwischen mit dem an ihn verfallenen Luder. Er reißt die gefalteten Hände wieder auseinander und krümmt sie zu einer Form, die aussieht, als würde Luther auch im Tode immer noch weiterschreiben (sola scriptura). Dieses zu Herzen gehende Bild hinterlässt er uns, bevor es zurück geht in die Höllenspelunke.

Wie weiter? Es stürzen Luthers Genossen in die Sterbekammer (sie haben irgendetwas rumpeln hören), sehen den entgeisteten Körper friedlich im Bette ruhen – und staunen. In alle Welt geben sie nun Bescheid vom allerseligsten Abscheiden des geliebten Gefährten. Und machen Abdrücke von Gesicht und Händen. Arbeitende Hände eines schreibenden Großgeistes.

Auf der anderen Seite des garstigen Grabens fallen sich nun Dr. Luder und Hieronymus Buntz („ich bin schon lang allhier“)  in die Arme. „O Mann, o Mann“ stönen sie beide – und lachen. In diesem Augenblick hören sie eine weibliche Stimme hinter sich rufen: „Gerade noch mal gut gegangen“. Sie drehen sich um – und werden der Mechthild Dorothee Almuth Katharina Schildhauerin ansichtig. Denn der Ort, an dem sie sich nun befinden ist mitnichten der Himmel. Sondern der Läuterungsort des Fegfeuers ...

Jeden Tag bis zum ersten Sonntag im Advent an dieser Stelle
eine neue Traumgeschichte und
ein anderes Bild von einer
berühmten Bibliothek

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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