DIE CORONABIBLIOTHEK
Teil 1

Vatikanische Bibliothek

"Geht der Leser nicht zur Bibliothek, kommt die Bibliothek zu ihm."
Marcello Cervini (1548–1555)  - Protektor des Erzarchivs

Jetzt, - in der Coronazeit sind auch leider viele Bibliotheken für Forscherinnen und Forscher gesperrt. Wir schaffen in den nächsten Tagen Abhilfe! Gut gehütet, lange verschwiegen, sorgsam vor dem Zugriff der Öffentlichkeit bewahrt, haben einige findige Leute es doch vermocht, jene Kiste mit Traumtagebüchern des kleinen Martin aus den Bleikammern des Vatikans zu entwenden. Eigentlich ist „entwenden” nicht das rechte Wort. „Austausch” wäre ein angemessenerer Begriff. Eingetauscht wurde diese Kiste gegen brisante Enthüllungen - die sogenannten Vati-Leaks. Auf jeden Fall geriet der alte Karton samt Kinderträumereien des späteren Reformators (Signatur RE/1508-ML) in die Hände der Protestanten. Und auch für einen Abend und genau für eine Nacht unter die Augen des emeritierten Kirchenarchivars, dessen Name nicht in der Öffentlichkeit erscheinen soll. Wir nennen ihn der Einfachheit halber in Anlehung an E.T.A.Hoffmanns Goldenen Topf kurz und bündig den ARCHIVAR. Dieser griff zu - das meint, er handelte ohne zu fragen. Schnell und selbst.

Oho - diese nächtlichen Gesichte des späteren Dr. Martin Luther … Das war doch mal wirklich was Besonderes! Ihre Originale zu edieren würde die gesamte bis dato aufgelaufene Lutherforschung gleichsam aus methusalemischem Schlaf erwecken. So etwa, wie seinerzeit Jesus Christus den stinkenden Lazarus aus dem Muff des Grabes neu und lebendig hervorrief. Jener eine und einzigartige Abend, an dem sich die vatikanische Kiste im Besitz unseres Archivarius befand, reichte aus, um fotografische Aufnahmen zu machen. Am nächsten Morgen bereits stand der Wagen des Sächsischen Kultusministeriums vor der Tür; in ihm sollten die Knabenvisionen des nachherigen Alleszermalmers zu Wittenberg irgendwohin transportiert werden - in eine andere Bleikammer. Hatten die Sachsen nicht immer schon eine geheime Schwäche für´s Katholische? Und, - habt ihr die Fahrer der verdunkelten Limousine gesehen? Denen möchte ich sogar bei Tag nicht begegnen … Die Reifen quietschten auf dem warmen Asphalt, es war der Sommer 2015. Nie wieder würde irgendjemand über diese Sache sprechen können. Aus den Augen aus dem Sinn. Und aus dem Sinn bedeutet immer - „Aus für die Forschung.”

Aber da war eben unser Archivarius! Der ging wacker und beherzt daran, den Schatz zu transkribieren. Wir kennen ihn gut, den Diener der archivierenden Künste, - er hat sein Leben der Erhaltung von schriftlichen Quellen verschrieben. Wir haben Anteil an seinem Wissen erhalten. Und - wir halten nicht dicht. Wir veröffentlichen diese Texte hier und nun. Denn darf der Leser coronabedingt nicht in die Bibliotheken gehen, kommen die Bibliotheken zu ihm.

Die Transkription stellte sich als recht schwierig heraus. Die Schrift ist mehr als unleserlich, weil der Knabe und spätere Adoleszent wahrscheinlich sofort und noch in nächtlicher Dunkelheit zum Blei gegriffen und die Papiere schlaftrunken mit ungelenken Zeichen bedeckt hat. Die Schriftzeilen gehen ineinander über, so dass zu vermuten ist, der kleine Martin habe völlig blind aufgezeichnet, was das Hirn fabulierte und der Geist sofort fahren lässt, wenn man es bei Tageslicht niederschreiben will. Aber der Archivarius - hat es für die Nachwelt gerettet.

Nicht alle Traumaufzeichnungen sind datiert. Einige schon. Die Datierungen stammen zum Teil von Luthers eigener Hand, zum Teil sind sie erst viel später hinzugefügt worden. Meistens weisen die späteren Glossen die Handschrift eines Kommentators aus, der sich mit sehr bissigen Bemerkungen über die Träume des jungen Martin hermacht. Es handelt sich dabei um Fr. Dominicus Hetzer. Wir vermuten ihn unter den Angehörigen des Ordens der Jesuiten, denn in den Kommentaren Hetzers finden sich solche Bemerkungen wie: „Das wusste Ignatius auch“. Und: „Was würde Loyola dazu sagen“. Vieles andere mehr noch, das auf die Societas Iesu Hinweise gibt.
Ein dritter Kommentator votiert aus dem 19. Jahrhundert. Dessen Name lautet Jacub Tusmenitzer. Tusmenitzer ist unter Antonia Tosti von 1860 bis 1866 Hilfbibliothekar in den vatikanischen Archiven gewesen. Das ließ sich zwar nicht leicht nachprüfen, denn die Auskunftsfreundlichkeit dieser Bleikammern ist nach wie vor sehr überschaubar. Aber es gelang schließlich doch. Mag sein, dass Tusmenitzer mit den Geschäften der Obhut über die Luther-Traum-Kiste betraut gewesen ist. Jacub Tusmenitzer ist bekanntlich einer der wesentlich älteren Brüder des namhaften jüdischen Nervenarztes Dr. Sigismund Schlomo Freud, der seinerzeit in Wien von sich Reden machte, als er die Träume von Menschen zuerst als kreative Konstruktionen des in Schlummer versenkten Hirns später als Kompensationen desselben deutete, erforschte und einige Theorien darüber in Umlauf setzte.

Wir zitieren die Kommentare wie folgt:
ComLuth - Kommentar stammt von Luther
ComHetz - Kommentar stammt von dem Jesuiten Fr. Dominicus Hetzer
ComTus - Kommentar von S. Freuds Bruder Jacub Tusmenitzer

Im Folgenden ein erster von allen drei Kommentatoren behandelter Traum, er ist datiert und stammt vom 3.August 1492, exakt jener Tag, an dem Christoph Columbus nach Westen in See stach. Luther ist damals neun Jahre alt und besucht die Mansfelder Stadtschule, wo er das Scheiben und Lesen erlernte.

Traum:
Ich bin an einem großen Wasser. Mein Vater hat mich da abgesetzt und sagt, ich solle warten, bis er wird sein zurückkehrt vom Kupferberg. Da sitze ich nun und weiß nicht was tun. Ich gehe zu dem großen Wasser. Denn es hat gestern starklichst vom Himmel herab geregnet und Bach und Fluss sind angeschwollen. Deshalb mein Vater auch die Mine am Kupferberg muss kontrollieren gehen. In dem Wasser schwimmen einige Teile von Hölzlin und Borckenstücken. Ameisen sind daruffen und krappen herum in herzlicher Not, denn ich mache Wellen in der Pfützen, so wie Gott der HErr auf dem Meer die Schiffe bewegen tut. Die Ameisen fallen samtlich herab und ersaufen innen Pfützen. Da hole ich sie gnädig heruffen und hauche sie an mit meinem Odem. Die Tierlein beginnen erneut zu krappeln. Dann - o weh. Eine Ameise beißt mich in Finger. Schleudere sie weit von mir. Dann ist auch der Vater zurücke. Er betrachtet mich gar streng. (3.AVGUSTI A.D.1492)

Kommentare:
ComLuth: „Es warn drei Schifflein in der Pfützen. Eines stattlicher Gestalt, die antern zween nicht so stattlich! (Die assumptionis Mariae 1492)“

ComHetz: „Da sieht man wieder, was der Mann schon als Knabe hat anrichten wollen, als er wäre der liebe Gott und könnte machen tot und lebendig wie Christus. (12.Decembris 1556)“

ComTus: „Ein Knabe kompensiert seine Ohnmacht dem gestrengen Erzeuger gegenüber, indem er mit kleinen Kreaturen (hier Ameisen) willkürlich umspringt. Erst stößt er sie ins Verderben, dann errettet er dieselben, die vorher seinen Hass fühlen mussten. Die Ameisen beißen den Übeltäter - und zugleich ist auch schon der Vater zurück. Er ist das eigentliche Hassobjekt, was der Knabe aber nicht weiß, sondern in seinem Traum sich als Tatsache versteckt und vermummt zum Bilde formen lässt. (Wien - Jänner 1865)“

Jeden Tag bis zum ersten Sonntag im Advent an dieser Stelle
eine neue Traumgeschichte und
ein anderes Bild von einer
berühmten Bibliothek

Autor:

Matthias Schollmeyer

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