BALLADE VOM FEUERVOGEL
OSKAR BRÜSEWITZ

Feuervogel
2Bilder

Als Gott, der HERR, die Engel eingeladen,
war auch zu Gast, der alle Welt verklagte. 
Fürst ekler Fliegen und geblähter Maden

stand frech am Thron des Ewigen. Und wagte,
die Stirn dem Alten darzubieten. Dann
 - die Schar der Engel zittert, als er's sagte -

rief Satan: „Gib mir Antwort, Schöpfer! Wann
beendest du dein Ding. In wieviel Jahren?“
Auf seinem Sitze Gott sich kurz besann:

„Willst du erneut so bös mit uns verfahren?“
Für seine Engel aber stellt er klar:
“Ich kann ihm die Blamage nicht ersparen -

er war und ist für alle Zeit Barbar. 
Die Welt jedoch bleibt gut - mein Wort darauf. 
Mein Wort wirkt Trost auf Erden - immerdar.“

Doch Satan wettet hoch zu neuem Lauf:
Der Böse ruft „Nicht einen einzgen Tag.
Dein Wort verkam schon lang im Ausverkauf.“

„Du irrst“ spricht zu ihm Gott. „Ein jeder mag
mein Lebenswort, erschaffen nur aus Freude. 
Kennst du den Mann, dem es bisher oblag,

zu sorgen, dass mir fromm und treu die Leute?
Kennst du den Prediger im Zeitzer Lande?
Nie sah ich  mutigeren Mann bis heute,

ihn schreckt nicht einmal Stalins böse Bande.“
Laut lachte Satan da und mit Grimasse
„Bald wird er bringen, wett‘ ich, dich in Schande!“

Und? - Da erlaubte Gott, wer kann, der fasse:
„So sei mein Oskar dein. Für Nächt‘ und Tage,
weil meinen Glauben an ihn ich nicht lasse,

vertrau ich diesen Helden Hiobs Sage:
Reiss bei den Haaren ihn, streu Diamanten:
Doch sei bereit zu stehen auf der Waage:

Hat er am Ende siebzig Konfirmanden,
fahr du für alle Zeit hinab zur Hölle,
wo je die Bösen ihre Walstatt fanden

und ohne Widerspruch gleich auf die Schnelle.”
Da bot der Herr der Fliegen seine Pranke
dem Pantokrator keck und auf der Stelle. 

Und grunzt: „Die Wette gilt!“ Es bebt die Planke
der Himmelsfeste seines Grunzens wegen.
Auch Gott reicht seine Rechte durch die Schranke
und schwor: „Es sei! Bei meines Namens Segen.“

————————————————————————————————-

Einst, als die Leugner Gottes
und tückischen Bürokraten
spottend Hand anzulegen begannen,
ostdeutsch unschuldigen Kindlein
den Hass gen Westen  zu lenken
im Unterricht ihrer Schulen,
gab es nicht wenige, die das bedrückte.

Flugblätter wurden gemalt, Plakate gestaltet.
In Kirchen und Betsälen fanden sich ein,
die dem gottlosen Staat widerstanden,
durch mutigen Glauben
an Christus, den HERRN.

Unter ihnen ist Oskar.
Pfarrherr ward er erst später -
als Schuster, wie Böhme in Görlitz,
verdient er in frühen Jahren sein Brot.

Die Botschaft von Christus,
dem freundlichen Gott auf Sandalen,
berührte den Mann im Grund seiner Seele:
Oskar, des´  Vater  ganz unbekannt blieb.

Brüsewitz heißen die Ahnen.
Wie auch schon Jesus, für den er
- Oskar - zeitlebens stürmte,
ebenfalls keinen Vater benannte,
schweigen die Akten lange und breit
zum Vorfahrn des Schuhmachermeisters.

Im Memelland wird er geboren
am Ende des Monats, der Blüten und Blumen
in Hülle und Fülle hervorbringt.
Donnerstag ist es, Gott geht spazieren.
Neunzehnneunundzwanzig zeigt der Kalender.
Ach, – mit dem Vaterland geht es bergab.
Die Schmach von Verdun
belastet die Seele des Landes.
Ein schlimmerer Krieg bald wird wüten - 
länger noch, als der erste gedauert.

Schon rückt es heran, noch eben
war doch die Konfirmation?
Das liebliche Fest für die alleserwartende Jugend -
weiß-blau gekleidet schritten sie folgsam
dort aus der Kirche ins Licht
des Morgens am Flüsschens zum Meer hin. 

Oskar, der Knabe, flieht vor dem Kriege;
gefangen wird er
dient kurz nur im Heer,
desertiert, wird verhaftet -
und kommt wieder frei.
Vielen ergeht es ganz ähnlich
und viele verderben im Krieg.
Doch Oskar darf leben.
Gott hält die Hand über ihn,
einmal soll er Prophet werden wollen ...
Zum Himmel fahren in feuriger Flamme,
so wie Elia in heiligem Mantel.

Er dient seinem Gott,
studiert in den Büchern
und sitzt beim Katheder. 
Er predigt und lehrt, tauft und vermählt. 
Beerdigt, besucht und verwaltet.
Baut an der Kirche, geißelt das Böse. 
Bis er verzweifelt …

Dann kommt der Tag im Monat August.
Mit Jupiter wechselt Selene das Zeichen -
schwenkt in das nämliche, das auch
den Schiffsbug schmückte, als Paulus
zur Reise aufbrach: Die führt nur bis Malta.
Oskars Reise langt weiter:
Bis hinter die Sterne.

Saturn steht im Löwen,
die Sonne im eigenen Sternbild.
Alles ist vorbereitet.
Zwei Kannen trägt der Erwählte.
Milch bergen sie sonst -
den nährenden Saft aus Eutern von Rindern,
lebenserhaltend für Kinder und Greise.

Jetzt aber sind die Kannen gefüllt
mit schwärzlicherm Milchsaft
aus Gaias Leib, fern liegender Urkluft
Mesopotamiens. Früher, ganz früher
war hier ein Garten,
von wo  aus die Ströme des Lebens,
vierfach geteilt und alles bewässernd,
nach draußen zur Welt sich ergießen.

Ein Brief ward geschrieben,
und scheu überreicht,
zu öffnen den Umschlag beim Abendrot erst.
Wenn alles vorüber …

Der Inhalt ist knapp, 
erklärt uns die Fahrt -
nach Zeitz.  Auf dem Martplatz die lodernde Flamme:
„Frevel an Kirche, Kindern und Greisen,
von Honeckers Schergen und ihrer Partei.“
Es rennt die Minute, es eilt die Sekunde.
Ein Streichholz glimmt auf -
bald preist die Brunst ihren Funken. 
Hoch himmelwärts rennt das Feuer. 
Der Pfarrer brennt. Und er schreit.
Der Schmerz kommt,
er glüht und vergeht nicht. 

Zum Hochfest Marias, der Königin, dann
stirbt Oskar. Bewacht von den Ärzten,
von Spitzeln, Engeln. Und von Gebeten
mitleidiger Menschen.

————————————————————————

Siehst Du sie auch?
Myriaden von Engeln
tragen Oskarn die Schleppe,
den schwarzen Talar Friedrich Wilhelms.
Des Preußenkönigs Edikt
befahl achtzehnelf den Rabbinern,
Pfarrern und Richtern Kittel zu tragen,
wenn sie geöffnet die Lippen zur Rede. 

Verkohlt ist das Kleid. Ein Duft von MINOL
erfüllet die himmlischen Hallen.
Alle atmen tief durch.
Denn das hier roch man  nur selten,
Honig, Ambrosia, Würzwein und Weihrauch
fächeln den Schleimhäuten sonst.

Dann langt er an, der Verbrannte.
Grünende Palmblätter in ihren Händen
stehen Millionen, warten Milliarden,
verklärt und erlöst vollendete Seelen.
Sie bilden Spalier, begrüßen den Kömmling.
Leise erklingt ein Gesang. Palästrina …
Aus Knabenkehlen vieler Nationen
strömt er hervor - unablässig.

„Gott sagt dazu nichts!
Auch Luthern lobte er nie!“

raunt Dir Dein Engel leise ans Ohr.
Er trägt auf der Schulter
silbergeflochtene Achseln
mit goldenen Sternchen und flüstert Latein.

Du fragst erstaunt:
Gott sagt dazu nichts?“

Da wispert der Engel:
„Er kennt keinen Zorn.
Und verbeißt sich das Lachen!“

Bebend kniet Brüsewitz nieder.
Empfängt die Krone des Lebens.
Gott wischt den Ruß und die Tränen
ab von den Wangen dem treulichen Bruder.
(Mit eigener Hand, wie die Schrift sagt.)
Dann ist schon alles vorbei.
Beziehungsweise – beginnt etwas Neues.

——————————————————————————

Am Tag, als Oskar Brüsewitz verstorben,
trat neu vor Gott ein jeder Himmelssohn.
Stolz trug die Harfen man, im Laub von Lorben,

begrüßt ihr Jubelklang mit frischemTon
ihn, der - geleitet her von Engelscharen -
dem Antichrist entrann, trotz Spott und Hohn. 

Seht her, wie alle angetreten waren:
Tertúllian, Montanus und die beiden
Priscilla und Felicitas als Laren,

und solche, die bei Tieren mussten scheiden,
Märtyrer, die von Wägen überfahren,
in des Theaters Rund für wilde Heiden.

Mauritius und Barbara vom Turme,
und dann in Kleidern, wunderbar goldseiden,
Elisabeth und Margret mit dem Wurme.

Nicht fehlt Maximilianus, der Confessor,
wir sehen Polycarp aus schlimmstem Sturme,
und Michael Servet, der Schweiz Professor,

Phillip Melanchthon, Luther sind zugegen.
Mutter Theresa lächelt aus dem Tuch -
das sind gar keine Märtyrer? Vonwegen!

Hier wird erlaubt nur Besten der Besuch.
So, wie die Jünger Jesu Kleider breiten
auf grauer Straße vor des Esels Huf,

streut jetzo Brüsewitz man Köstlichkeiten
und rote Rosen aus zu frohem Zweck -
gleich sieht zum Throne man denselben schreiten.

Der Böse ist schon da. In einer Eck
steht er und fürchtet sich - das ist kein Witz.
Gott ruft: „Tritt vor! Verlasse dein Versteck.”

Und zwingt ihn mit dem abgesandtem Blitz.
Noch trotzt der Satan, doch geschleppt zur Bühne,
steht er beschämt im Glanze Gottes. Itzt …

… beugt Michael das Haupt ihm tief zur Sühne.
Und Gott erläutert laut sein Endgericht:
„Es sind nicht siebzig Konfirmanden kühne,

Vielhunderttausend zähle, Bösewicht.“
Hart schlägt’s die große Zahl
ihm um die Ohren:
Vielhunderttausendmal in’s Angesicht.

„Du hast das Wetten wiederum verloren, 
wie schon bei Hiob, den mit List du mir,
wegführen wolltest von den Himmelstoren - 

Lucifer, heb dich fort von meiner Tür -
ich werd den Brüsewitz statt deiner wählen
zum ernsten Fackelträger für und für.
Den Mann soll keiner mehr in alle Zukunft quälen.

Feuervogel
Pfarrer Oskar Brüsewitz (30.5.1929 - 22.8.1976)
Autor:

Matthias Schollmeyer

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