Klopapier
Metaphysische Grillen in schwerer Zeit

Klopapier

Friedrich Engels’ Aufsatz „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" entstand um 1876, wurde 1896 das erste mal veröffentlicht und führt uns dieser Tage auf eine interessante Spur. Zitat gefällig? „Arbeit ist die Quelle alles Reichtums. … Sie ist dies - neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber Arbeit ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen."
Affen wären also durch Arbeit Menschen geworden? Da ist was dran. Genauso, wie Menschen denken, vermittels des Gebrauchs von Klopapier theomorph zu werden - also fast "gottgestaltig". Um dieses Thema wird es in diesem kleinen Beitrag gehen, aber sehr moderat. Denn mit der seltsamen Melange aus tiefem Ernst und fröhlicher Hoffnung hat der Mensch zwar manche Krise schon bewältigt, jedoch ist immer auch Respekt geboten, wenn es um Leben und Tod geht. Weil aber der Anteil des sich erheiternden Geistes bei der Überwindung von Katastrophen seit jeher unbestritten war, soll der Sache nachgegangen werden. Was ist das und was ist das mit dem Klopapier?

Zuerst ein etymologisches Präludium zur Vokabel „Klo” - bzw. im Englischen gesellschaftsfähiger „water closet”. Close weist auf abgeschlossene Bereiche hin. Denen liegt das lateinische clausus zugrunde. Claudere - zuschließen. Die mönchische Klause - die Zelle. Klopapier ist folglich Papier, das an besonders abgeschlossenen Räumen vorgehalten wird. Papier, auf dem (zumeist) nichts geschrieben steht. Unbeschriebene Rollen in verschlossenen Räumen. Solche schriftlosen Rollen sind nun von einigen Brüdern oder waren es eher Schwestern? in inadäquaten Mengen gesammelt und gehortet worden - und stehen anderen nicht mehr zur Verfügung. Daran entbrannte ein Streit. Ein Sprung aus der gelehrten Welt WIKIPEDIAS direkt zurück in die Sphäre dunkler Kanalrealitäten fördert allerlei Sprachmaterial ans Tageslicht: Bedürfnisanstalt, Häusl, Hüsli, Örtli, Klosett, Lokus, Null-Null, Örtchen, Pott, Latrine, To, Tö, Toilette, WC, Abort und Abtritt - von diesen Orten aus nimmt der weltweit mäandernde Malström träge dahinziehender Stoffechselprodukte seine trübe Fahrt auf. Auch die vulgären Begrifflichkeiten Kack- bzw. Scheißhäusel dürfen der Vollständigkeit halber hier nicht unerwähnt bleiben. Denn gerade deren obszöne Bezeichnung kennzeichnet jene Welt, welche mit den eben aufgeführten Vokabeln teils mehr, teils weniger verschämt umschrieben oder aber herzhaft punktgenau angesprochen werden soll. Es ist nämlich schlimmer als wir zugeben wollen: Wir sind nicht nur aus Erde gemacht, sondern sind es noch - und machen selber ständig Humus, der nicht gut riecht. „Werde Erde!” ist uns als Orakelspruch auf die eine Seite der Schicksalswaagschale aufgesetzet. Die andere Seite versuchen wir irgendwie mit Geist aufzuwiegen "Werde rein!". Ja, - darin sind wir ganz Antinietzscheaner, denn wir wollen in dieser Hinsicht nicht der Erde treu bleiben, wie der Röckener Pastorensohn es gestreng forderte, sondern im Gegenteil! Wir wollen die Spuren des Allzu-Irdischen peinlichst genau von uns abwischen und die Sphäre der aus uns tagtäglich geschehenden Defäkationen mit weichem und mehrlagigem Papier ungeschehen machen.

Deshalb sind mit der Zeit aus düsteren Kabuffs die Toiletten und Bäder als sterile Hochsicherheitsorte geworden, an denen raffinierteste Sprays, Seifen, Lotionen und Wässerchen dazu dienen, uns vergessen zu machen, dass wir Humus sind und gerade Humus erzeugt haben. Nun gut! Das ist uns wirklich einigermaßen gelungen. Aber es ist nur die erste Etappe auf dem langen Wege hin zur unverderblichen Gottheit. Gewiss, - die Arbeit machte uns Affen bereits zu Menschen. Jedoch die Vergottung steht immer noch aus. Wann wird sie definitiv geschehen? Die Verwandlung der alten Latrinen in Hochsauberkeitsschreine war ein wichtiger Schritt. Freilich noch nicht überall auf der Planetin - deshalb auch seit dem Jahr 2013 der 19. November als Welttoilettentag ausgerufen worden ist - auf Vorschlag Singapurs im Kampf für Sanitäranlagen. Jede Seuche, auch die gegenwärtige, wirft uns um Äonen zurück, weil wir erkennen müssen, wer wir wirklich sind.

Der Geist hat in den letzten Jahrtausenden entschieden, sich auf Papier auszuruhen und sich vermittels blauer Tinte auf Seiten in Büchern zu materialisieren. Wenn wir an unsere Klöster (Klaustrum etc. siehe weiter oben!) denken, sind diese mächtigen Burgen des Wissens auch deshalb zu heiligen Orten geworden, weil dort vor langer Zeit Wesentliches in Beziehung auf das Geistliche und Geistige auf Papier gebannt wurde. Nun besteht Klo-Papier ebenfalls aus Papier. Die Tatsache, dass auf jenen nunmehr rar gewordenen meterlangen Rollen zumeist nichts draufsteht, sollte uns nicht zu schnell verwirren. Gar nicht wenige Menschen haben zwar viele Bücher zu Hause - dieselben aber gar nicht gelesen, bzw. das, was drin steht, überhaupt nicht verstanden. Wo ist der Unterschied zwischen einem nichtverstandenen Buch und dem Klopapier? Bibliotheken von Klopapier stehen in dieser Welt noch herum. Sie warten sehnsüchtig auf verständige Leute. Lesen jetzt - in Zeiten der Corona: Tolle, lege - tolle, lege! Übrigens vielleicht eine Geschäftsidee für postcoronare Zeiten - man könnte Klopapier mit sinnvollen Texten bedrucken. Eine für Menschenhaut verträgliche und nachhaltig produzierte Druckerschwärze lässt sich sicher finden. Aber jetzt wird es richtig ernst. Welche Texte darf man nehmen? Weder Laotse noch die Bhagavat Gita - noch weniger die Bibel und auf gar keinen Fall den Koran. Besonders die letztgenannten, in unseren Fachkreisen oft heilig genannten Schriften, befinden sich in der Erprobungsphase. Man hat sie noch nicht wirklich umfänglich begriffen.

Wohin sind wir geraten? Wir sind dem Thema näher gekommen. Die Tatsache, dass der Homo Sapiens Sapiens Klopapier hortet, hängt mit der ihm oftmals gar nicht bewussten Sehnsucht zusammen, nicht nur ein arbeitender Affe geworden zu sein. Nein, nein - darüber hinaus will er auch immer schon ein gebildeter und vor allem reiner Gott sein. Ein der schmutzigen Erde und ihren humidoren Prozessen entronnener totalgesunder Leib will er sein, ein sauberer, wohlriechender Engel, ein cleaner Adonis, ein schöner Gott mit einem unzerstörbaren corpus aestheticus. Weg mit Euch, Ihr infamen Bazillen und Viren, all Ihr Eumel und Asseln - entweichet. Fugete Kakerlaki, Parasites und Keimverbreiter, die Ihr Euch an mir festsetzen wollet. Rein will ich sein!

Solcher Kampf gegen den Schmutz ist tragischerweise aber auch immer ein Kampf gegen sich selbst. Denn der Mensch ist ja nun einmal beseelter Schmutz oder vergeistigter Dreck. Ach - da höre ich gleich den Zwischenruf derer, die nur die Hälfte begreifen: „Wie kannst Du sagen, dass der Mensch nur beseelter Dreck ist! How dare you!” Die Antwort: „Es kommt drauf an, was man in diesem Satz betont. Und was einem wichtiger ist: Dreck oder Seele.” Ich betonte absichtlich die beiden Adjektive beseelt und vergeistigt. Und deshalb gelten mir die Klopapieranhäuferinnen als lebendig strotzende Beweis für diese meine These: Der Mensch will nicht nur arbeitender Affe bzw. defäzierender Mensch sein, nein - er will rein sein, unschuldig, sündenfrei und gut. Und das Toilettenpapier dient seinem mit hohem Aufwand betriebenem Werk eigenversuchter körperlicher Verklärung und diese Rollen sind sozusagen die Basis einer inzwischen bis ins Unermessliche angewachsenen Sanitärindustrie, welche ihr Geschäftsmodell über dem uralten religiösen Thema häufiger Waschungen, sonderbarer Reinigungsrituale und Entsühnungsprozeduren, Taufszenarien, Desinfektionsorgien mit bisher noch nie erreichter Putz- und Wischkompetenz hat errichten können.

Wer also Klopapier gekauft hat, hat genug getan - denn der eher niedrige Preis ermöglichte eine als geglückt gefühlte Transaktion von Geld gegen Heil. Das leichte Transportgewicht der Zellulose erhöht die Gewissheit, in schwerer Zeit trotzdem Herrin der Lage geblieben zu sein. Und die Größe der Pakete bewirkt den bekannten Ehrfurchtseffekt: Zum Turme aufgeschichtet ergibt der schneeweiße Stapel aus noch eingeschweißten Rollen so etwas Ähnliches wie ein lavratorisches Heiligtum. Das enge Klo meiner stofflichen Notwendigkeiten verwandelt sich zu einem beachtlich wirkenden Kathedralsäkularium. Luther soll auf dem stillen Ort seinerzeit verzweifelt darum gerungen haben: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?” Trotz Reformation tönt diese Frage bis heute latent weiter: „Wie werde ich sauber?" Oder etwas komplizierter ausgedrückt: Wie schaffe ich es, im Blick auf meinen Anspruch, zwar sterblich, doch fast schon eine Gottheit zu sein, ein sauberes Gefühl zu bekommen? Lautete früher die Frage der Eltern: „Hast Du zur Nacht gebetet?”, so geht vielen heute der unabweisbare Ruf an sich selbst nicht aus dem Sinn: "Werde ich mich genügend abgewischt haben?” 

Bist du gerüstet? Ja, ich habe gehamstert! Der Supermarkt-Kassenschlange eingereiht muss man solche und ähnliche zwischen gemeinsam lamentierenden Freundinnen geführten Gespräche ungefragt mit anhören. Die zehn klugen und die zehn törichten Jungfrauen. Die einen nahmen nur ihre Lampen, die anderen sorgten klug vor und kauften Ersatz-Öl. Und nur dadurch waren sie des Bräutigams wert, erzählt der HERR. Die Törichten rütteln dann zur Unzeit an den Regalen des Aldi-Krämers - aber da lag nichts mehr. Diese mussten hören, dass keiner sie kenne. Einsam blieben sie draußen im Geheul des alles zermalmenden Weltensturms stehen, während jene drinnen im Hause feiern durften - jene, die genug gehortet hatten. Wer Ohren hat zu Hören, der höre.

Wir entdecken also bei denjenigen Schwestern und Brüdern aus dem Volke, die da Klopapier horteten, eine ins Säkulare gewendete quasireligiöse Sehnsucht nach Vollkommenheit, Reinheit, Würdigkeit und rettender Verklärung eines existentiell Ur-Körperlichen. Lacht nicht, aber freut euch! Und deshalb sollten wir die Hamster und Hamsterinnen nicht gering schätzen! Genau deswegen stand am Anfang dieses Beitrags als Überschrift in Anlehnung an Friedrich Engels: „Klopapier - sein Anteil bei der Vergöttlichung des Menschen.” Wenn nun aber tatsächlich mal die Rolle alle ist - was tun? Vorschlag zur Güte: Man darf auch die ZEIT nehmen oder was sonst auf dem Klo herumliegt, sei es nun die JUNGE FREIHEIT oder die JUNGE WELT. „Alles ist Eins”, dichtet der weise Rilke. Also keine falsche Ehrfurcht vor überzogener oder seichter Intellektualität. GLAUBE & HEIMAT jedoch - beide sollte man auf diesem Wege nicht hinter sich bringen!

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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