... dem Unbekannten Gotte ...
Jubilate 2021 - Acta 17

Dorfkirche - und der „Unbekannte Gott“ in der Landschaft F. W. Nietzsches (Acta 17,23 -  Ἀγνώστῳ θεῷ)
  • Dorfkirche - und der „Unbekannte Gott“ in der Landschaft F. W. Nietzsches (Acta 17,23 - Ἀγνώστῳ θεῷ)
  • hochgeladen von Matthias Schollmeyer

Das Prachtlied „Wir glauben all an einen Gott” (EG 183) hat mit seiner weit ausschwingenden Melodie im dorischen Modus, einem Tonumfang von ‚b‘ bis ‚d‘ und seinen  langen Melismen eine sehr hohe ästhetische Qualität - ist aber für die Gottesdienstgemeinde nicht leicht zu singen.” So lobt Tante WIKIPEDIA das Lutherlied und hat Recht. Man kann die Nummer 183 aus dem EG trotzdem gut singen. Wir brauchen dazu halt viel Luft - dann aber ist es ein Genuss. Dieses Lied atmet befreiend aus. Richtig tief auszuatmen ist gesund. Hilfreich gegen Corona und die Angst davor, nicht genug an sie geglaubt zu haben.

Jawohl - woran glauben wir eigentlich? „An einen Gott”, steht auf dem Papier. Und in Wirklichkeit? Hoffentlich nicht an Corona, wie es manchmal fast auszusehen scheint. Der Glaube an den einen Gott, der da hilft, droht gegenwärtig vielerorts angesichts des Glaubens an die Corona und ihre notwendigen Maßnahmen zu verblassen. Wir werden (ohne es zu wollen) Zeitzeugen dafür, wie schnell es vonstatten geht, dass ein neuer Glaube aus dem Geist alter Angst geboren wird und verwaiste Altäre besteigt. Die bekannte Denkformel Nietzsches „Geburt von X aus dem Geiste von Z” scheint sich dieser Tage strukturell selbst in Kraft gesetzt zu haben - und wird von der sich langsam aber sicher rings um den Coronagedanken bildenden Parallelwelt einigermaßen auf Trab gehalten. Die Geburt der neuen Göttin C. aus realer Angst und kultureller Langeweile, welche aus der so lange Zeit schon mutwillig verkündeten Gottesabwesenheit entsprungen sein mag. Der Mensch braucht vielleicht irgendetwas, von dem er sich auf die Knie gezwungen fühlt. Und so hat Corona schamlos auf dem Altar des „Unbekannten Gottes” Platz genommen. Dort sitzt sie nun breitbeinig und seit etwa einem Jahr - von ihrem Schoße geht ein Sog aus, der in jenen Abgrund reißt, welcher alles verschlingt, wie auch die Wahrheit vom Standpunkt ihrer Übertreibung aus am deutlichsten klar wird.

Wir glauben all an einen Gott, / Schöpfer Himmels und der Erden, / der sich zum Vater geben hat, / dass wir seine Kinder werden. / Er will uns allzeit ernähren, / Leib und Seel auch wohl bewahren; / allem Unfall will er wehren, / kein Leid soll uns widerfahren. / Er sorget für uns, hüt’ und wacht; / es steht alles in seiner Macht.

Das ist nur die erste Strophe des oben genannten Liedes EG 183. Die anderen beiden Strophen sind genauso gut und bringen den zweiten und dritten Artikel der Trinitätslehre in’s Spiel. Angesichts des Predigttextes von JUBILATE 2021 (Acta 17) seien diese beiden Strophen hier erst einmal vernachlässigt. Unser Augenmerk sei hauptsächlich auf den ersten Artikel gerichtet. Damit nähern wir uns Paulus ...

... der schlendert also durch die Götterstadt Athen und betrachtet die vielen Altäre der Philosophenmetropole. Da wird er so richtig zornig. Als monotheistischer Jude fühlt er sich beleidigt von der unschuldig-polygamen Buntheit hellenistischer Bekenntnisfröhlichkeit. Aber dann - inmitten des farbigen Schreinspektakels gewahrt der Jerusalemer Tourist jenen einen Altar für den „unbekannten Gott“, zu dessen Idee sogar Nietzsche unterwegs geblieben ist und die auch kein anderer Mensch, der wirklich geradeaus denkt, sich aus dem Hirn schlagen kann: „Vorsicht - da könnte etwas sein, das du nicht kennst. Knie lieber nieder!”
Die Kommunisten haben diesen hohen philosophischen Gedanken, dass man das Unbekannte zu ehren habe, auf die Ebene militärischer Devotionalität heruntergebrochen und Altar-Monumente nicht mehr den Göttern gesetzt, sondern der Figur des „Unbekannten Soldaten“ - Gott. Dieser „Neue“ wurde für die von Krieg und Not entwurzelten Vulgäratheisten nunmehr zum Helden, zum Neotheos: Einer der Opfer brachte - obwohl man ihn gar nicht kennt. Die Rolle der solcherart ins Säkulare gewendeten Christusgestalt spielt von nun an der Unbekannte Soldat. Andere Länder haben es den Russen nachgemacht: Bald findet man nach dem 1. Weltkrieg überall Grabaltäre für Unbekannte. Für unreflektierte Wahrnehmung verschmilzt  bekanntlich in der Scheu vor dem quasisakralen Charakter des Altars und des Grabmals beides ununterscheidbar miteinander. Wie man schon immer an Altären Teile gestorbener Heiliger platzierte, parkte man in der gottloser werdenden Welt nunmehr die verbliebene numinose Restfurcht bei den Gräbern gefallener Soldaten. Zugleich ist dieses unbewusste Verfahren auch ein Akt ihrer Ruhigstellung und Verbannung. Durch Verlagerung des Nichtbeherrschbaren in eine Sphäre hinaus, die nicht mehr direkt zu unserer Welt mit dazu zu gehören scheint. Nach diesem Akt der Bannung kann man dann leichter weiterleben, obwohl die anderen gestorben - und gleichermaßen deshalb, weil sie nicht mehr wirklich da sind.

Der Gedanke aber, dass da etwas sein könnte, was man nicht kennt, weil es nicht wie andere Dinge existiert, sondern vielleicht sogar „nur“ reinste Essenz ist, war klugen und heiteren Leuten Keim zu vorsichtigen Überlegungen in Richtung jener Denkfigur des sogenannten "Unbekannten Gottes“, um den es am Sonntag gehen soll. Und daraus soll zumindest in Athen schließlich irgendwann auch eine kleine Kapelle geworden sein. Vor diesem Kirchlein nun steht Paulus jetzt. Sogleich legen sich Zorn, Befremdung und Abscheu. Eine geniale Idee packt den kürzlich Bekehrten. Er hat einen Plan, wird die klugen Griechen bei ihrer eigenen Frömmigkeit packen - und schon macht sich der Mann mit großen Missionsgedanken zum Hügel auf, der dem Kriegsgott Ares gewidmet gilt. Am Areopag angekommen, holt er dann die Leute homiletisch dort ab, wo er sie zu stehen wähnt: An der Bushaltestelle eines imaginären Wartens auf die Entbergung des Unbekannten Gottes. Sinngemäß ruft er: „Leute - ich bin der Freundschaftsbote und Erklärer alldessen, was ihr unbewusst sucht und verehrt - aber  nur noch nicht richtig wisst. Keinem von uns ist Gott fern, - da habt ihr wohl Recht. Aber … !”

Und dann verweist Paulus in einer langen Predigt auf ihm und allen bekannte griechische Dichter, welche den „Menschen an sich“ aus göttlichem Geschlecht herstammend besingen. Zusätzlich noch wirft der zu Christus bekehrte Jude den anwesenden Griechen drei Asse und einen besonderen Joker auf den Kartentisch des bis heute währenden großen theoretischen Glaubensspiels: Vater, Sohn, Geist - und die Anastasis (Auferstehung).

Diesen Stich gewinnt Paulus. Bereits gleich zwei Leute kann er überzeugen: Mann und Frau. Der neue Adam heißt Dionysios und die neue Eva ist Damaris. Dionysios hat ein paar Jahrhunderte später einen Nachahmer gefunden, der sich mit gleichem Namen über die Hierarchien der Engelwesen literarisch verbreitert hat. Von Damaris wissen wir leider nicht so viel - entweder wird sie als Ehefrau des Dionys im Gedächtnis gehalten oder als lockere Begleiterin - jedenfalls ist sie eine Heilige geworden und ihr Tag fällt in den goldenen Monat Oktober, wenn der letzte Wein gelesen wird. Während die Philosophen auf dem Streithügel den Paulus diplomatisch dadurch zum Schweigen bringen, dass sie unverbindlich einlenken und ihm in Aussicht stellen: „Wir wollen dich ein anderes Mal darüber hören … ” hat die Predigt des Paulus das heilige Paar Dionysios und Damaris mitten ins Herz getroffen. Zurück zu uns selbst. Es geht um den unbekannten Gott und wer das über alle Unbekanntheit hinaus tatsächlich sein könnte. Nietzsche schrieb als Knabe folgende rührenden Verse an die in der Unendlichkeit vermutete ferne Adresse:

Noch einmal ehe ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
daß allezeit
mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht tief eingeschrieben
das Wort dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich – und ich fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter.
Du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfaßbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

Wir kennen neben der eigenen unruhigen Herzensahnung sicher auch eine volxtümliche Abbreviatur dieses Kinder-Gedichts aus Röcken: „Mir jloben doch sobiso alle an denselm Jott” (Wir glauben doch sowieso alle an denselben Gott). Das groteske Missverständnis, wie Christen, Juden und Moslems (wen noch könnten wir hier aufzählen?) an ein und denselben Gott glauben würden, ist ja bekannt. Auf solche schmucklosen Altarplatten aus Sichtbeton legte seit eh und je der Durchschnittsmensch die glitzernde Frage uralter Gottsucher - mit der Behauptung, sie könne durch Gleichmacherei gelöst werden. 

Wo aber ist der unbekannte Gott? Wer schon einmal mit Ohrgeräuschen zu schaffen hatte, weiß, dass er da etwas hört, was nicht von Außen kommt, sondern von Innen her stammt. Auch beim Sehen gibt es ähnliche Trug-Effekte (Glaskörpertrübung). Das Auge macht etwas, was im Auge ist - nicht außerhalb seiner - zum Außen-Objekt. Und auch für den Prozess des Denkens gibt es Vergleichbares, wie Ohrgeräusche für das Hören und Glaskörpertrübungen für das Sehen. Das Denken bringt im Denken etwas hervor, das sich dem Denken selbst entziehen muss. Eine Art Hintergrundrauschen, welches aus Paradoxien, selbstbezüglichen Aussagen und metasprachlichen Singularitäten besteht. Solche aus Grammatik und Logik sich selber webenden "Geistererscheinungen" werden als Nobjekte hier und da mit Realität verwechselt und „Gott“ genannt. Solches "Dauersausen", welches im sukzessiven Denken zwangsläufig als Denken des Denkens entsteht, wird kurzerhand oder nach unendlich vielen Gedankenoperationen als eigenständiges Objekt klassifiziert. Es erhält den Namen "Gott." Weil jeder Mensch diese Denk-Nebenprodukte so oder so produzierten muss (wenn er denkt), wird daraus nun geschlossen, dass es da tatsächlich etwas geben müsse, was Realitätscharakter beanspruchen dürfe. Ein „Höchstes Wesen” ist alsbald geboren, welches sich - je nach dem - gütig oder zornig gebärdet, wie Propheten mit und/oder ohne Bart es eben brauchen. „Gott“ als große unbekannte Variable in personaler Gestalt. Die Athener haben dieser Variable (vorsichtshalber oder als Anfrage an die Religiosität. des Volkes) eine kleine Kathedrale errichtet. Wir danken ihnen auch dafür.

Aber!!! Wie man auch keine Leiche in das leere Ostergrab legen sollte, darf man im Prinzip auch nichts auf den leeren Schrein des "Unbekannten Gottes" stellen. Paulus jedoch hat das versucht - schickte man ihn deshalb so konsequent - wenn auch höflich - weg? Auf jeden Fall hätten die Athener Philosophen die Göttin Corona nicht auf ihren Altar steigen lassen. Auch wir müssen da sehr vorsichtig bleiben. Mag sein, dass Viren unsere leibliche Existenz weiterhin noch gewisse Zeit zu affizieren vermögen. Vor der Infektion unserer Gedanken und Überlegungen, soweit sie besonders das Rettende und Ewige betreffen, sollten wir uns jedoch immunisiert wissen. Die zweite Strophe des Liedes "Wir glauben all an einen Gott" ist dazu recht hilfreich. Der Text dieser Strophe zeigt jedoch ganz deutlich, worin wir uns unterscheiden von allen Schwestern und Brüdern, die noch einem anderen „Glauben“ nachgehen zu müssen glauben:

Wir glauben auch an Jesus Christ,
seinen Sohn und unsern Herren,
der ewig bei dem Vater ist,
gleicher Gott von Macht und Ehren,
von Maria, der Jungfrauen,
ist ein wahrer Mensch geboren
durch den Heilgen Geist im Glauben;
für uns, die wir warn verloren,
am Kreuz gestorben und vom Tod
wieder auferstanden durch Gott.

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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