OMNIA SIGILLA FACTA SUNT
allesdichtmachen - alles zur Dichtung machen

Kopf-Dichtungen

Ein paar Leute hatten ihn besorgt angesprochen: Wann denn seine Kirche endlich in die bewährte Posaune stoße - mit ultimativem Weckruf gegen überzogene Hygienemaßnahmen. Zum Beispiel auch in der „Mitteldeutschen Kirchenzeitung” Glaube und Heimat? O weh - da hatte der Mann einen riesengroßen Schrecken bekommen, sich aber natürlich nichts anmerken lassen und sinngemäß Folgendes geantwortet:

„Von solchem Brass solle man lieber die Finger lassen - am Ende würde man nur absichtlich missverstanden worden sein.”  Sie aber ließen nicht locker, sondern bohrten weiter und wiesen ihn auf die vielen Künstler (und Künstlerinnen) hin, die gerade eben dabei wären, mit einem Projekt namens „allesdichtmachen” Zivilcourage und Mut zu beweisen. Er konterte schlau und fragte: „Wollt Ihr die netten Leute in den Redaktionsstuben zu Erfurt/Eisenach wirklich in die Lage bringen, unter Umständen unliebsamen Hausbesuch zu bekommen? Ihr wisst doch, was alles passieren kann und wie dunkel die Schicksalsglocke kritischen Zeitungen all over the world manchmal schlägt.”  War natürlich total übertrieben - aber man ist doch ein bisschen zurückgeschreckt und sagte erst mal nichts mehr ...

Mit diesem ihrem Schweigen gab der Geistliche sich natürlich nicht zufrieden, sondern häufte den Leuten weiter Argument auf Argument: Es käme, sagte er, einer Verhöhnung der zahllos zu amorpher Masse vereinzelten Menschen gleich, wenn man mit den haushoch überlegenen Mitteln Sarkasmus und Satire ausgerüstet - dazu mit noch weiter führenden ironischen Künsten ausgestattet in Richtung Areopag zöge. Ein solches Vorgehen würde für die Kirche zwar siegreich enden - wäre aber unbarmherzig. Denn es steht ja von Vornherein fest, dass die Anderen verlieren müssten. Und schrieb nicht bereits Paulus, dass man um der Schwachen willen sich zurückhalten solle? (1.Kor 8,9 oder Römer 15,1).

Die Leute machten bestürzte Gesichter. Er munter weiter: „Wir müssen da selber auch sehr, sehr vorsichtig sein. Wie schnell könnte uns Christen der eigene Hammer schmerzlich an die Stirn zurück geschleudert werden.“  Beispielsweise würde man uns dergestalt auf den Zahn fühlen,  dass man uns vorwürfe, als Leute, die selber nie gekreuzigt worden seien, ständig diese schlimmen Sachen zu singen nicht aufhören und davon nicht ablassen zu wollen. Zweitens: Würde in unseren Osterliedern nicht regelmäßig und so überaus despektierlich vom Tode palavert, so dass alle jene, welche irgendwann einmal real sterben müssten (im Prinzip wir alle - möge der Tag fern sein), sich zutiefst beleidigt vorkämen ? Genau dann nämlich, wenn sie diesen unabwendbaren Umstand mitbekämen? Hier einige Text-Beispiele: „Er hat zerstört der Höllen Pfort!” (EG 100,3) Nein, nein - die Hölle ist auf den Intensivstationen aber sehr real zu erleben, wäre die Antwort. „Da bleibet nichts, denn Tods Gestalt / den Stachel hat er verloren! / ein Spott ist aus dem Tod worden” (EG 101,3.4) Stimmt auch nicht - denn die Viren haben immer noch ihre Stachelspices. „Der Engel sprach: ‚Nun fürcht euch nicht!‘” (EG 103,3) Erkennt die Grundlagen der Coronabestimmungen nicht an - man muss sich fürchten, sonst greifen die AHA-Regeln nicht ... „Nun kann uns kein Feind schaden mehr / ob er gleich murrt, ist’s ohn Gefahr!”(EG 109,3) dito. „Nicht mehr als nur drei Tage lang / mein Heiland bleibt in Todes Zwang!” (EG 111,3) Sachlich falsch - eine Infektion dauert oft viel länger. Schließlich verwies er noch, um darzulegen, dass alle, die solche Lieder weiterhin gedankenlos sängen, Gefahr liefen, aus der Realität austreten zu wollen, sich verdächtig machten. Dazu brachte er eine ganz besondere Strophe in Anchlag: „O Tod, wo ist dein Stachel nun? / Wo ist dein Sieg, o Hölle?” (EG 113,1).  Mit einer an Bedenkenlosigkeit reichenden Ignoranz würde hier die Wirklichkeit der Situation einfach ignoriert. Genau solche Texte spielten Leer- und Querdenkern direkt in das Hirn und in die Hände. „Wir müssen also recht vorsichtig sein” sagte er abschließend „und sollten keineswegs in die Posaune stoßen.” Da haben die Leute zugegeben, dass er aus seiner Sicht wohl auch Recht hätte …

In Ordnung - um aber die Sympathie seiner Gesprächsparter*Innen nun nicht zu verlieren, hat der Geistliche sofort taktisch klug eingelenkt und seinerseits auch etwas zugegeben: „Die https://allesdichtmachen.de Seite ist handwerklich ein sehr gut gemachtes Ding. Vor allem die jetzt peu á peu nachgeschobenen Schuldbekenntnisse einiger Künstler gipfeln das Gesamtprojekt dermaßen noch mal auf, so dass die vorgetragene Bußfertigkeit zusätzliche Plots entstehen lässt, welche die ersten sogar noch in den Schatten stellen.”

Nur zum Schein fragte er seine Gegenüber dann noch schnell, ob die öffentlichen Bußakte einiger Videoten eigentlich genauso gewollt worden wären - also einen genialen metadramaturgischen Trick darstellten? Sie: "Kann schon sein … Jedenfalls trifft die dadurch entstandene Diskussion genau den Triggerpunkt angepasster Zeitgenössischkeit." Er wieder zu ihnen, trotzdem bliebe es dabei: Wer das Shit-Storming in den sozialen Verstrickungswerken und aus den Studios sogenannter Quantitätsmedien ernst nähme, dürfe das aus EG 99 stammende „Christ ist erstanden“ nicht mehr anstimmen. Denn gerade solche letzten Aussagen aus dem Bereiche glaubender Spekulation würden alle diejenigen Personen verhöhnen - die nicht! erstanden sind. Ja, - man müsste eigentlich nicht wenig  aus der Bibel rausstreichen. Eigentlich alles, was Hoffnung gibt – denn strukturell gesehen lacht die Hoffnung jeden aus, der zu hoffen keine Kraft mehr hat, - obwohl die Hoffnung vorgibt, die Hoffnungslosen retten und trösten zu wollen, verhöhnt sie sie mit ihrer Unerreichbarkeit doch. 

Fast war er über seine eigenen Worte selber erschrocken. Ließ sich aber wieder nichts anmerken. Fragte sich jedoch, wie es nur soweit hatte kommen können, dass das Wort Gottes auf einmal sich gegen sich selbst zu wenden, die Satire vom Teufel gemacht und der Zynismus in der Hölle ausgedacht worden zu sein schien  - der Zynismus, einst erfrischend und nötige Gegenbewegung zur erstarrten Philosophie gewesen? Aber der Grund für diesen Umschwung in der Denke war schon lange bekannt. Ein einziger genialischer Satz, von Theodor W. Adorno in luzider Sternentraumstunde gefunden: „Der Verblendungszusammenhang hat Anteil auch an demjenigen, womit der Mensch ihn zu zerreißen wähnt."  Auf diese Weise zu denken hat der Mann in unnachahmlicher Weise nie aufgehört, hat damit nicht schlecht gefabelt und seinen großen Satz vom Verblendungszusammenhang mit noch anderen unausweichlichen Sentenzen in das groteske Mosaik einer unüberwindlichen Klagemauer eingefügt. Diese Mauer steht bis zum Jüngsten Tag, wenn nicht sogar darüber hinaus. Vor ihrer quasitheogrammatikalischen Denkfigur knien nun alle nieder, die sonst vor keinem Gotte sich mehr beugen wollen. Und aus der Struktur des Adornoschen Gedankens hat mancher für sich enormen Profit geschlagen. Der kluge Satz ist nämlich irgendwann aus den Händen der Frankfurter Schule in den Besitz ihrer Epigonen und vulgärlinksgrüner Sozialkritiker*Innen verloren gegangen worden. Und von dort aus wird er als Leuchtspurmunition und Terrorinstrument immer dann gebraucht, wenn der Kritik nicht mehr ausgewichen werden kann. Die Waffe trifft alles. Fast unbesiegbar schien sie zu sein - nur dass sie noch nie etwas ausrichten konnte gegen vollendete Ironie. Solche gekonnt und wirkungsvoll in Anschlag zu bringen sind naturgemäß Künstler und Schauspieler aufgerufen. Nicht aber die Kirche. Und er versuchte, sich einzureden „Spalten und Polarisieren soll nicht unser Ding sein! - Aufgabe bleibe für uns: Heilen und Verbinden.”

Schon im Gehen fragten ihn die zerschmettert wirkenden Disputant*Innen kleinlaut, ob er das, was er da eben gesagt hätte, alles wirklich so meine, oder seine Argumentation aus Angst nur ein wenig verschlüsselt habe - um sie als Hörer damit effektiv zu zwingen, an einigen Stellen zwischen den Zeilen die von ihm dort kunstvoll versteckte Zustimmung zu finden - so wie „wie damals.“  Dieses eine Wort warf er ihnen zurück: "Wie damals??!!"  Darauf sie: Ob er es nicht wenigstens mutig fände, was einige Schauspieler da ins Netz gestellt hätten? Und ob er nicht doch der Meinung sei, dass die Evangelische DDR-Kirche im Jahr 1989 ihre Gotteshäuser ähnlichen Leuten als Regie- und Drehorte bereitwillig zur Verfügung gestellt hätte? Diese nicht ganz ohne Schmelz vorgetragene Frage hat er aber vermittels eines klug gewählten Schriftzitats als unsinnig abwehren können und beteuert, nur die Bibel dürfe behaupten, dass es nichts Neues unter der Sonne gäbe. Etwa dort, wo sie sagt: „Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.” (Prediger 3,15). Aber in Wirklichkeit sähe alles doch ein wenig anders aus - und deshalb verbiete es sich eo ipso, die Situation 2021 mit der längst abgestorbenen Sache von damals vor zweiunddreißig Jahren (ANNO 1989) zu vergleichen. Nicht einmal strukturell. An dieser Stelle war es endgültig zu Ende.  

Es heißt, der Geistliche habe noch längere Zeit über "allesdichtmachen" nachgesonnen. Das Thema ging ihm nicht aus dem Sinn ... Leute sollen ihn in Feld und Wiese herumstreifen gesehen haben. Kinder hätten ihn belauscht, als er eine Rede aufschrieb - sitzend unter der alten Eiche dicht am Rande zum Wald. Diese Rede wird folgendermaßen überliefert:

„Gewaltiges eilt auf uns zu. Allen cleveren Zeitgenossen reißt demnächst ein Schlund zu neuen Welten auf. Der Äon virtueller Schuldbekenntnisse hat begonnen. Confessiones sind zu schreiben, die nicht mehr jenes geißeln, welches in der Vergangenheit tatsächlich getan, oder tatsächlich unterlassen ward. Nein, nein - um eine Schuld neuen Typus wird sich alles drehen. Angeprangert wird dann, was in der Vergangenheit gemacht werden bzw. nicht hätte gemacht werden können. Die Erfindung des conjunktivus historicus senkt sich über alles Denken auf den Erdkreis herab. Id est das himmlische Jerusalem als Hölle und Himmel unvermischt und ungetrennt. Theoria novae culparum - die neue Schuldentheorie wird auskömmlich Planstellen abwerfen. Jene, welche solch Amt zu ergreifen im Stande sind, dürfen zum Augenblicke sagen: „Verweile doch, du bist so schön.” Das verheißene Säkulum absoluter Bezichtigung ist heran. Die reale Schuld ist tot. Es lebe jene Schuld, welche möglich gewesen wäre. Jaget ihr nach, liebe Freund*Innen. Euer Bußakt wird zum Türöffner für wirklich intelligente Selbstgeißelung. Packt sie, diese Lust, die nie vergeht, doch erhöht. Kommen wird der Tag - und ist seine Nacht nicht bereits Verheißung genug - da sich die Menschen gegenseitig jener Dinge verdächtigen, die sie hätten tun oder lassen können - dann aber nicht oder doch getan hätten. Weil sie fürchteten, missverstanden worden zu sein! Hier erst offenbart der uralte Ruf „mea maxima culpa” endlich seine vollständige Bedeutung …”

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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