DES PFARRHERREN I.R. LEBERECHT GOTTLIEBS
adventliche Reise an die Ecken des Seins (Teil 7)

auf dem Weg nach Neotania ... die Metamorphose

In wenigen Stunden bereits würde die Hölle die Hosen herunter lassen müssen. „Show down your shorts, hell!” Mit diesem krassen Spruch, den der Emeritus von Barth Simpson kennen gelernt und mit Hilfe dessen er schon manch brenzliche Situation bestanden hatte, rüstete er sich mental zu und ließ das geplante Unternehmen im Geiste noch einmal vor seinem Auge ablaufen. Er würde also in den Gleiter steigen, die höllischen Koordinaten auf dem Graphiktrackpad des Bordcomputers fixieren und zugleich das Chronometer des Gleiters „Purgatorio” auf den Karsamstag des Jahres 33 Punkt 12 Uhr Mittag justieren. Die mögliche Metamorphose seiner eigenen Personalität wollte er zugunsten des Meisters, den es in die Hölle zu begleiten galt, dabei gern in Kauf nehmen. „Sammelt euch Schätze dort, wo sie weder Motten noch Rost verzehren können” rät die Schrift. Dieser Mahnung wollte Leberecht nachkommen.

Er setzte sich zurecht, empfahl sich und seine Reise dem Allmächtigen und schob den Steuerknüppel beherzt nach vorn - diesmal in Richtung Zukunft. Es waren ja nur 16 Stunden zurückzulegen und nur wenige Kilometer. Der mit sich selbst in Raum und Zeit experimentierende Pfarrer i.R. hätte diese Strecke auch zu Fuß zurücklegen und einfach warten können, bis es Samstagmittag geworden wäre. Er hätte sich dann womöglich in der Grabeshöhle einschließen lassen können, um Christus einfach zum Hades zu folgen. Ja, er hätte als Gärtner verkleidet den Garten Ganacharim betreten und auf eventuelle Fragen ganz souverän reagiert, indem er irgendeinen Vorwand seiner Präsenz erfunden hätte - etwa die Notwendigkeit, die Statik der eben ausgehauenen Höhle prüfen zu sollen. Dann hätte er den in harten Fels eingegrabenen Raum betreten - und wäre nicht wieder herausgekommen. Aber das tat er nicht. Denn es kam darauf an, gleichzeitig zu werden mit dem Geschehen, wenn es sich gerade vollzog. So ganz klar war Leberecht allerdings nicht - ehrlich gesagt - bei dem, was er tat. Reimte er sich da nicht etwas zusammen, was doch nicht wirklich so ganz bis zum Ende durchdacht war?

Leberecht Gottlieb schaute sich um und gewahrte sich und sein Gefährt in der Dunkelheit einer Grotte. Durch eine schmale Fensternische fiel etwas Licht in den niedrigen Raum, in dem der Gleiter gerade noch Platz fand. Der Mond schien in dieses Fenster hinein - musste wohl eben aufgegangen sein, so rund und schön. Leberecht konstatierte, dass das Fensterchen nach Osten zeigen musste. Der Karfreitag war also herum und der Sabbath im Begriff, seine heilige Fahrt aufzunehmen. Dann gab es Gerappel und Getrappel vor der Höhle. Leberecht hörte Stimmen und vernahm ein Kommen und Gehen. Jetzt erklang Gesang. Das waren die Marien, die irgendeinen essenischen Kanon angestimmt hatten. Man hörte auch Weinen und schmerzliche Rufe aus verzweifelten Frauenkehlen. Dann wurde es wieder still. Leberecht Gottlieb stieg aus dem Gleiter und versteckte sich in einem der deckellosen Grabtröge, die ungefähr menschliche Maße aufwiesen. Schnell bedeckte er seinen Körper mit herumliegenden Bastmatten, niemand sollte ihn hier entdecken. Ein starkes Geräusch wurde vernehmbar, wie wenn Stein auf Stein reibt. „Jetzt rollen sie den Stein von des Grabes Tür” schoss es Leberechten durch den Kopf. „Jetzt legen sie ihn in den Sarkophag”, dachte er und merkte gleich darauf, wie es auf einmal über ihm dunkel wurde und er schlagartig nichts mehr hören konnte und die Bastmatte auf seinen Körper zu drücken begann, dass es weh tat. Leberecht griff erschrocken nach oben und starb fast vor Schreck, denn er spürte eine steinharte Fläche über seinem Körper. Überall. Vom Kopf bis zu den Füßen. Was war geschehen?

Es mussten wohl neben den Frauen doch auch einige starke Männer dabei gewesen sein, als man den verschiedenen Christus hierher gebracht hatten, in die frische Grabanlage der Familie Arimatäa. Die schwere Platte, welche auf dem Hauptsarkophag gelegen hatte, die hatten sie mit vereinten Kräften fortgehoben - und auf Leberechts Trog abgelegt. Zufällig ... Den Körper Jesu aber betteten sie danach in den frei gewordenen offenen Trog. Und die Platte rückten sie nicht wieder darüber, denn man wollte den Leib des Herrn am Sonntag noch würdig salben und schmücken. Um Leberecht war es jetzt ganz still - nichts war zu hören. Leberecht schrie zwar und brüllte aus Leibeskräften - zumindest dachte er, dass er schreien würde. Schrie er wirklich in den nächsten Minuten und Stunden? Woher nahm er denn die Luft zum Schreien? Das fragte er sich - und da wurde ihm klar, dass er bereits längst tot sein musste. Richtig, - als toter Toter war er im Gleiter hier in der Grabesgrotte angekommen. Er brauchte gar keine Luft mehr und seine Schreie waren deshalb auch unhörbar. Er lag selber nun in einem Grab, das seinerseits in einem Grab war. Und neben ihm lag wohl sicher der tote Christus? Das also war sie - seine Metamorphose in der Welt der ewig gültigen OZI-Axiome. Und zugleich war das seine persönliche Hölle.
Da Leberecht aber Gottlieb hieß und ein Pfarrer gewesen ist für lange Zeit in Sachsen - wusste er, dass es einen Ostermorgen gab und dann die Jünglinge in den weißen Gewändern kommen würden. Nur, dachte er, dass der Gleiter heil bleibt …

In weiteren Beiträgen (siehe Feuilleton) erfahren wir, was der Pfarrer i.R. Leberecht Gottlieb auf seiner Reise an die Ecken des Seins und die Enden des Nichts erlebt hat. Wie er auch wieder zu uns zurückkehrt und am Ende alles gut wird …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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