DES PFARRHERREN I.R. LEBERECHT GOTTLIEBS
adventliche Reise an die Ecken des Seins (Teil 4)

auf dem Weg nach Neotania ... "quasi Christianos ad leonem"

Leberecht triumphierte. Wie weiland bereits Hänsel und Gretel durch List der bösen Knusperhexe, war er nun der schlimmen Kaiserin Theodora auf ähnliche Weise entwichen. Nein - er wollte sich und seinen schicken Raumzeitgleiter nicht zu irgendeinem blöden Priesterbetrug hergeben und mit technischen Figuckchen dafür sorgen, dass Reinkarnationslehre, die Präexistenz der Seele und der Allversöhnungsgedanke des Origenes von der Synode zu Konstantinopel abgeschmettert werden würden. Von Synoden hielt er ohnehin nicht viel - da war er recht konservativ. Was hatten diese Synoden nicht schon alles für Unsinn beschlossen, oder unter dem Druck irgendwelcher MeinungsmacherInnen beschließen müssen. Und überhaupt - Leberecht kannte die Mechanismen genau, die dazu führten, dass immer genau die Falschen in diesen entscheidungsfindenden Gremien saßen. Am Ende halfen dann nur wieder Schuldbekenntnisse. Aber er wollte sich nicht ärgern sondern feierte oben in den Lüften seinen geglückten Streich: Zuerst hatte Leberecht den Gleiter „Purgatorio” elegant auf eine Höhe von etwa 50 Meter gebracht, und war dann, nachdem er ein paar Kreise über den brüllenden Raubtierviechern im Stadion gedreht und ihnen den Mittelfinger aus dem Fenster gezeigt hatte - ein Stückchen zurück in die Vergangenheit abgedüst.
Ja - und dann erwuchs in ihm der große, große vermessene Plan. Er wollte Jesus Christus besuchen, den Meister selbst sprechen und dabei ein paar Verbesserungen besonders am Johannesevangelium vorschlagen. Am günstigsten erschiene man wohl morgens am Ostertermin des Jahres 33 - da würde ja die Auferstehung des HERRN stattfinden - und man selber mit dem Raumgleiter inmitten des mirakulösen Getümmels gar nicht so sehr auffallen. Von der opulenten Tafel der Theodora hatte Leberecht ein kleines Apfelsinenmesserchen mitgehen lassen, mit Hilfe dessen konnte er mit einigermaßen Geschick in der Öffnung der Steuerpultskonsole herumpulen, hineinstechen und die Hebelmechanik nunmehr wieder minutiös bedienen.

Ja, - es gelang. Und ja - der Geistliche hatte inzwischen nun auch das Bordbuch der „Purgatorio” ausgiebig studiert und wusste über alle Details genau Bescheid, kannte jeden Schalter und jedes Lämpchen, übte täglich vor und zurück in die Zeiten zu fahren und den Ort der Landung zu kallibrieren. Nur eines getraute er sich nicht. Er fürchtete sich gewaltig davor, Augenblick und Ort gleichzeitig auf der Navigationsuhr minutiös einzustellen, weil - wie er gelesen hatte - sich bei solch risikohaftem Handeln die Person des handelnden Experimentators unter Umständen irreversibel verändern könnte. Und davor hatte er natürlich berechtigte Angst.

Am nächsten Tag stellte er den Zeiger der Borduhr auf den Ostersonntag der Auferstehung Christi. Die neutestamentliche Forschung hatte hier verschiedene Daten diskutiert, sich mehrheitlich aber auf den 5. April des Jahres 33 geeinigt. Klick, klick, klick - schon waren die Relais eingerastet. Leberecht gab Gas - zurück in die Vergangenheit. Als er den Gleiter zum Stehen gebracht hatte, öffnete er vorsichtig die Luke und schaute - in den brasilianischen Urwald, sah bunte Schlangen, hörte schrille Vogelrufe und bald saßen ihm auch schon einige Moskitos im Nacken. Leberecht schlug sie alle tot - und versuchte es nun mit Jerusalem. Dieses Mal stellte er also den Ort genauestens ein - kam dort auch an, aber es war im Jahre 70 nach Christus und eben gerade wurde der Tempel Raub römischer Fackelflammen. Er machte sich sofort davon - und näherte sich von nun an in immer kleineren Zeitabschnitten seinem Ziel. Einmal zielte er den Ort an. Dann wieder die Zeit. Der 5.4.33 war eingestellt - und das Gefährt landete genau zu diesem Zeitpunkt - aber inmitten einer Schar von Delfinen, die sich von den Wogen der Ägäis schaukeln ließen. Jetzt stellte Leberecht Jerusalem ein und landete - jedoch im Jahr 7 vor der Zeitrechnung in Nazareth. Es war gerade eine Volkszählung angesagt. Schwuppdiwupp - wieder den 5.April 33 eingestellt und da war man in Damaskus. Jerusalem einprogrammiert - und am Gründonnerstag, dem 2. April 33 war man da. Das passte einigermaßen. Leberecht nickte sich im spiegelnden Glas der Cockpitabdeckung anerkennend zu.

Glücklich lenkte er nachts den Zeitreiseapparat in die Wüste bei Golgatha und verbarg es dort notdürftig zwischen Felsbrocken und Gestrüpp. Es war das kein leichtes Unterfangen. Gründonnerstag - Vollmond, es ging auf den 15. Nissan zu. Jener Tag, an dem man die Opferlämmer schlachtete. Leberecht Gottlieb wanderte zu Fuß in die Heilige Stadt - und wurde von der herodianischen Spitzeln sofort als Spion verdächtigt, festgenommen und in den Kerker geworfen.

In den nächsten Beiträgen (siehe Feuilleton) erfahren wir, was der Pfarrer i.R. Leberecht Gottlieb auf seiner Reise an die Ecken des Seins und die Enden des Nichts noch erlebt hat. Wie er auch wieder zu uns zurückkehrt und am Ende alles gut wird …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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