DES PFARRHERREN I.R. LEBERECHT GOTTLIEBS
adventliche Reise an die Ecken des Seins (Teil 11)

auf dem Weg nach Neotanien ... die Wahrheit über die Hüter des Grabes
  • auf dem Weg nach Neotanien ... die Wahrheit über die Hüter des Grabes
  • hochgeladen von Matthias Schollmeyer

Wir wenden uns nun kurz von Leberecht ab und richten unser Augenmerk auf die beiden Wächter des Grabes - oder die Hüter der Gruft, wie sie im Matthäusevangelium genannt werden. Wer waren diese beiden illustren Männer und wie lauten ihre Namen. Jenen Dialog, mit dem sie in unserer Geschichte Eingang fanden, haben wir mit Hilfe des brutalen Dialekts brandenburgischer Unterschichtler wiederzugeben versucht. Denn so haben sie auch gesprochen - freilich im Gassenidiom ihrer eigenen Zeit, also des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Nun muss man aber wissen, dass diese beiden Herren recht eigentlich zwei Engel gewesen sind - und sie hatten die Aufgabe, Leberecht aus seiner misslichen Lage zu befreien, ohne dass dem Emeritus dieses hat als Wunder auffallen können. Beide Helfer wurden (Engel sind Diener der höchsten guten Macht, also Diener Gottes) ausgesandt und mogelten sich am Karfreitagnachmittag unter die Mitglieder der römischen Leibstandarte des Pontius Pilatus. Zwei Wächter waren ausersehen, bestimmt worden zu werden, als Grabeshüter zu fungieren. Die Abgesandten des hohepriesterlichen Netzwerks zu Jerusalem hatten diese Art antike Securitate angefordert. Das Los fiel auf einen gewissen Markus und seinen Kumpan Titus. Die Freunde wurden nun von den beiden Engelwächtern zu einem leckeren Umtrunk verführt - und verbrachten darauf den Rest des Karfreitags und den ganzen Karsamstag mit Ostersonntag auf der Latrine. Unsere beiden Engel sprangen an ihrer Statt ein und täuschten im Grabmal jenen Dialog vor, den wir im neunten Teil des vorliegenden Reiseberichts haben so unangenehm anhören müssen - manche Leserinnen haben den Wortwechsel der beiden römischen Prols aus ästhetischen Gründen sogar einfach übersprungen. Ursprünglich hatten sich die beiden Engel - ihre Namen lauteten (und lauten noch) Schamarniel und Elintar - auf folgenden klassischen Dialog geeinigt, dann aber nur einen krassen Downgrade dieses anspruchsvollen Wortwechsels hören lassen:

Schamarniel und Elintar: Welch gesegneter Platz. Ein himmlisches Mausoleum.

Elintar: Was aber durfte mein Ohr eben vernehmen, was für ein Klang, was für ein Sang ertönte uns da? Doch siehe, der Leib des gekreuzigten Gottes, entrückt bereits zu den himmlischen Sphären scheint er zu sein.

Schamarniel: Bei Gott, dem Allesgebieter - wahrhaftig es ist so. Mit Staunen nehm ich es wahr. Doch siehe. Des Erhabenen Kleider sind von heiligem Feuer geweiht worden.

Elintar: Das ist bemerkenswert. Zerschmolzen auch das Gestein. Ja -die Gewandung des Gottes - vom Urfeuer ward sie gezeichnet. Sein Antlitz prägte sich ein im Gewebe, so wie das Bild eines Fürsten der Maler vollendet mit trefflichen Farben.

Schamarniel: Sollten wir dieses verkünden? Den Menschen und aller Welt?

Elintar: Ich bin mir gewiss, dass es ratsam wohl wäre. 

Schamarniel: Sieh doch, wie auch das Innre des Troges, wo man den Leichnam ablegte, vom göttlichen Blitze durchglüht ward. Noch immer strahlet die Wärme hervor aus den leuchtenden Quarzen.

Elintar: Lass uns, o Freund, jene Steinplatte dort nun auf die Walstatt des Dulders und Gottes ablegen. Und lass uns preisen, und lass uns singen vom …

Schamarniel: Wovon willst du zu singen, mein Lieber?

Elintar: Vom Wunder. Vom großen Ereignis. Von dem, worüber nichts Größeres sein kann. Hilf mir, die Last zu bewegen. Rücke mit mir diese Platte. 

Schamarniel: Wahrlich gewaltig drückt ihr Gewicht. Wie aus den Tagen der urersten Schöpfung, mein Freund und Gefährte. Komm nicht zu Schaden und quetsche dir nicht die Gelenke des Lichts.

Elintar: Sieh - diese Zeichen. Aus fernfernster Zukunft schrieb einer sie ein mit dem ritzenden Stahl uns. Kannst du es lesen, entziffre die Schrift mir.

Schamarniel: Nimmer vermag ich’s - statt meiner du etwa?

Elintar: Mitnichten. Sonderbar gehen die Worte. Über den Sinn hinaus ist wohl ihr Sinnen. Heilig unheimlich - wie Hieroglyphen. Komm, lass uns gehen.

Solches zu sagen hatten sie sich verabredet, genau das wollten sie in der Höhle bereden. Und dabei die Platte vom Grabe Leberechts heben, damit dieser freikomme. Denn der Himmel hatte noch viel mit dem alten sächsischen Pfarrer i.R. vor. Er sollte - wir erinnern uns - bis an die Ecken des Nichts reisen, an die Schwelle des Seins. Und dort würde er einige Mysterien enthüllt bekommen, um deren Kunde zurück in das Kirchenamt nach Dresden zu bringen. Damit man daselbst - aber wir wollen nicht vorgreifen.

Die Engel spielten ihre Rolle nicht schlecht und ließen einen dermaßen ätzenden Dialog ab, so dass Leberecht keinen Verdacht schöpfte und meinte, er sei durch reinen Zufall freigekommen. Nein - er durfte noch nicht zu sehr wissen, dass er als Scharnier ausersehen war. Als Scharnier zwischen einer ersterbenden Volkskirche in Sachsen und der göttlichen Macht und Vorsehung im Himmel und auf Erden.

Schamarniel und Elintar verließen nach ihrer Aufführung die Höhle und als die Frauen kamen, stellten sie sich so, wie es Matthäus berichtet. Sie taten so, als ob sie tot wären und lagen einfach noch ein paar Viertelstündchen im grünen Gras. Dann machten sie sich auf und in die Sphären davon. Markus mit Titus geben jenen Rapport ab, den wir aus dem Evangelium kennen: Der Leichnam Jesu wäre gestohlen worden.

Aber der Meister war natürlich von den Wächtern nicht in der Hölle allein gelassen worden. Nun wollt ihr sicher wissen, wie es wirklich war? Und wie der Meister mit den beiden Dienern des Schöpfers in der Hölle aufgeräumt hat, während Leberecht in seinem Trog lag und sich an Undine von Bergengruen erinnert hatte ? Er lag ja nur da, um das Erlösungswerk in der Hölle nicht durch unbedachte Bemerkungen zu behindern. Es haben dann die Engel seine Zeitmaschine noch ganz ohne Passagier wieder in das Grab und seine Zeit zurückgesendet. Und den Zettel? Den hat Schamarniel schreiben müssen. Auf Befehl des Meisters.
Im nächsten Beitrag erfahrt ihr, wie Leberecht Gottlieb dem Geheimnis der Geburt Gottes in dem Menschenkinde Jesus nachgeht  Denn das stand als Aufgabe auf dem kleinen Papyrusfragment. 

In weiteren Beiträgen (siehe Feuilleton) erfahren wir bis zum Silvestertag, was der Pfarrer i.R. Leberecht Gottlieb auf seiner Reise an die Ecken des Seins und die Enden des Nichts erlebt hat. Wie er auch wieder zu uns zurückkehrt und am Ende alles gut wird …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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