Haushalter der Mysterien
zum Predigttext des 3. Advent (1.Kor 4,1ff)

"Ihr Aussehen ist wie die Erscheinung des Blitzes und ihre Ausdehnung hat kein Ende. Sein Wort ist in ihnen eilend voran. Auf seinen Befehl hin jagen sie wie der Sturmwind und werfen sie sich nieder vor seinem Thron" (Sefer Jezira)
  • "Ihr Aussehen ist wie die Erscheinung des Blitzes und ihre Ausdehnung hat kein Ende. Sein Wort ist in ihnen eilend voran. Auf seinen Befehl hin jagen sie wie der Sturmwind und werfen sie sich nieder vor seinem Thron" (Sefer Jezira)
  • hochgeladen von Matthias Schollmeyer

Paulus wollte sich als Ökonom verstanden wissen. Haushalter über Gottes Mysterien zu sein empfiehlt er auch uns (1.Kor 4,1: ὡς … οἰκονόμους μυστηρίων θεοῦ). Ökonomie bzw. Wirtschftswissenschaft beschreiben Gesetze, die innerhalb sozialer Verbände Geltung haben (sollen). Paulus war davon überzeugt, dass auch der Bereich göttlicher Geheimnisse aus dem Blickwinkel kluger Haushalterschaft nicht falsch betrachtet wird. Er rechtfertigt sogar seine eigene Missionsarbeit mit Hilfe einer weise versehenen Mysterienökonomie.

Von den Grundgesetzen der Ökonomie hat jeder schon irgendetwas gehört: Regelung durch Angebot und Nachfrage, Tatbestand der Knappheit, Wachstum, Stagnation usw. Diese Sachen klingen inzwischen so überzeugend, dass auch die Kirche seit einiger Zeit damit begonnen hat, ihr eigenes Handeln am Wort Gottes mit Hilfe wirtschaftswissenschaftlicher Kategorien zu beurteilen: Je geringer die Nachfrage zu sein scheint, um so verlockendere Angebote sollen gemacht werden. Auch das Umgekehrte gilt. Nicht alles ist daran abwegig. Und so werden unablässig Institute gegründet, Handreichungen ausgerollt, Textsammlungen und Predigthilfen erstellt, Verteilmaterial produziert und irgendwann auch Schuldbekenntnisse dergestalt entworfen, dass man wieder einmal nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht klüger nachgedacht hätte. Mit einem Wort: Es werden viele Worte gemacht. Und diese werden im Zeitalter digitaler Informationsübermittlung schneller gelöscht, als sie entstehen können. Um so mehr bleibt der Gedanke einer wirklich angemessenen Haushalterschaft betreffs der geheimen Mysterien wichtig.

Das Markusevangelium erzählt, wie nur ein einziges Wort sehr viel bewirkte. Hier die Stelle: „Und er sagte ihnen das Wort” (Markus 2,2b). Die ganze Sache ist als „Heilung des Gichtbrüchigen” bekannt: Jesus sitzt in einem Raum, umgeben von vielen Menschen, so dass die Tür nicht mehr erreichbar ist. Jesus aber ist in der Mitte - und er sagte ihnen das Wort (καὶ ἐλάλει αὐτοῖς τὸν λόγον). Nicht von vielen Worten ist die Rede, sondern von nur einem Wort. Das Wort. Der Logos. Welches Wort - und wie mag es gelautet haben? Ist dieses Wort überhaupt aussagbar gewesen? War es vielleicht sogar der Name Gottes, der unaussprechliche? Vielleicht sagte Jesus den Namen Gottes an, ohne ihn auszusprechen. Sang er ihn gar? Was war dieses Wort - bzw. was ist es immer noch? Darf man vermuten, dass jenes Einzige nicht irgendeines, sondern die Formel an sich gewesen ist? Ein unaussagbares Wort, das also nicht erklingt, aber sich in und mit dem Geiste wie von selbst im Denken gegenwärtig macht? Ein Signum, das eher im Geist erkannt werden will, und die Zunge dürfe als Organ dieses Wort auch in ein akustisches Echo umzusetzen? Wenn es nun gar jenes Wort war, welches am Anfang bei Gott wohnte (Joh 1,1ff)?  Wohnte, weil Gott dieses Wort ist, aber dieses Wort nicht Gott war  (sondern „nur” an  ihn grenzte) - dann ließe sich sein Mysterium vielleicht sogar eher als eine heilige Zeichenfolge vorstellen - eine Ziffernreihe hebräischer Zahlenbuchstaben. Vielleicht hat Jesus mit den Leuten im Hause buchstabiert. λαλειν als Griechische Vokabel für unser deutsches Wort „Sagen“ bedeutet auch eher „Plaudern“ bzw. „Schwatzen“. Hätte der Meister ihnen also das ABC aufgesungen und beigebracht? Oder einige Primzahlen bzw. die Fibonaccireihe. Eine gemeinsame Stunde mit den ersten Werken der Schöpfung, den Zahlenbildern auf Gottes eikosiduedrischem Dreidel? Wem fällt nicht sofort Goethes Text aus dem Faustdrama ein?
„Du musst verstehn! Aus Eins mach’ Zehn, und Zwei lass gehn. Und Drei mach’ gleich. So bist Du reich. Verlier’ die Vier! Aus Fünf und Sechs - so sagt die Hex’ - mach’ Sieb und Acht, so ist’s vollbracht: Und Neun ist Eins. Doch Zehn ist keins. Das ist das Hexen-Einmaleins!“  Wer sich nun spätestens an dieser Stelle befremdet oder sogar mit frommer Entrüstung abwendet, bringe sich vorher noch einmal den Beginn der Bibel in Erinnerung: Auch die Genesis hebt ja mit einer Zahlenreihenfolge an - sieben Akte der Schöpfung entsprechen sieben (in Abend und Morgen) zweigeteilten Tagen. Es ist also gar nicht so abwegig, der inneren Struktur des einen Wortes auf der Spur zu bleiuben ...

Paulus jedenfalls geht es um ein Mysterium, dessen Haushalter wir sein sollen. Es gibt so etwas wie einen Code, den Jesus den Menschen mit oder in einem Wort erklärt - und welches Wort könnte das gewesen sein? Auffällig geworden ist, dass wir das Problem dieses Wortes bisher nicht mit Antworten, sondern "nur" mit Fragen artikuliert haben. Vielleicht muss das deswegen so sein und bleiben, weil das gesuchte Wort selber weniger endende Antwort als beginnende Frage sein will.

Im Umfeld dieses von uns gesuchten Wortes wird ein Gelähmter gesund, der durch die Hilfe seiner vier Freunde von oben her durch das Dach des Hauses herablassen wird, in dem das Wort die Mitte ist. Die Hauptsache aber ist, dass dem kranken Manne vergeben seine Sünden vergeben werden. Das Wort, das wir suchen, wird also VERGEBUNG gewesen sein. Im Hebräischen סלח mit dem Zahlenwert 60-20-8.  Nun, es sind wieder gerade die Schriftgelehrten (τινες τῶν γραμματέων), die das sich unmittelbar synchron beim „Ereignis des Wortes“ ereignende Heilungswunder beargwöhnen. Es sind die Schriftgelehrten, die das Wunder hassen, weil sie die Komplexität seines Geschehens nicht in ein persönliches Verstehen überführen können.  Sie hassen das eine Wort, damit sie selber weiter viele Worte machen können.

Was können wir daraus lernen? Wir sollen im Hause um die Mitte des EINENDEN Wortes versammelt bleiben und sollen Freude daran haben, sein Geheimnis zu behüten. Freude, dem EINEN auf fromme Weise nachzuraten und daran, dieses eine Wort seine Wirkung tun zu lassen. Das wäre Haushalterschaft im Sinne des Apostels. Es ist jedenfalls nicht unsere Aufgabe in diesem oder jenem und allem Möglichen zu dilettieren. Das machen andere schon genug. Und es ist fürchterlich! Nein, wir dürfen mit Paulus den Gral hüten - das ist das eine Wort Gottes von der Vergebung in der Mitte des Hauses. Es sind nicht die vielen Worte der Tagespolitik, welche heute so und schon morgen in ihr genaues Gegenteil umgelogen werden. Es sei denn, wir wollen in bereits wenigen Monaten wieder Schuldbekenntnisse ersinnen, nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht besser durchschaut zu haben …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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