100 Jahre Max Klinger (1957 - 1920)
CHRISTUS IM OLYMP

Max Klinger: Christus im Olymp
(gemeinfreies Bild  WIKIMEDIA)
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Christus im Olymp? Wer das Museum der bildenden Künste in Leipzig besucht, steht erstaunt vor Max Klingers Monumentalgemälde „Christus im Olymp“. So kannten Christen ihren Meister bisher noch nicht! Nachdenklich geht man in das Bild hinein und scheut sich davor, den eigenen Platz zwischen nackten Göttern einzunehmen – man zaudert und ist irritiert ...
Christus im Olymp? Wenn wir dem Meister nach dorthin folgen wollten, würden wir dann nicht in bedenkliche Nähe zu Zeus, Hera und zu anderen problematischen Göttern geraten? Und - ist das Leipziger Klinger-Bild eigentlich eine christologische Grille oder das persönliche Glaubensbekenntnis des Künstlers? Warum aber sollte Christus - zumindest in unserer Phantasie - nicht auch im Olymp gewesen sein? Wenn der Gottessohn, wie uns aus 1.Petrus 3,19 bekannt ist, im Hades den Geistern predigte, dann ist theoretisch nichts dagegen einzuwenden, dass er auch den Seligen auf dem Idagebirge die frohe Botschaft nahe gebracht haben könnte. Ein Teil der neutestamentlichen Schriften lässt uns annehmen, dass auch jener selige Ort „Empyreum” irgendwie „existieren“ darf. Weiteres davon allerdings berichtet die kanonisch gewordene Schriftengruppe nicht. Es gibt nach neutestamentlichem Schriftzeugnis das sogenannte „Beim-HERRN-Sein“. Ein entsprechender „Ort“ dafür wird nicht als Raum für olympischen Seligkeiten beschrieben; es wird allerdings eine geistlich-ethische Sphäre intendiert, in welcher die Glaubenden mit Christus gemeinsam/zusammen sind.

Wo tun wir also Klingers großes Gemälde hin, das ja kein kleines Aquarell ist, sondern sehr viel Platz einfordert. Steht man davor, entwickelt es jenen eigentümlich Sog, den sechsunddreißig Quadratmeter Bild eben erzeugen. Vielleicht erfreut Klingers Gemälde manchen als Skizze zu dem uralten Thema: „Die Versammlung der Gotteskinder“. Hier wäre dieses Mal der Satan zwar nicht dabei, aber Christus selbst als goldener Apollon unter den Versammelten. Zeus und der schlanke Ankömmling würden etwa, wie Gott in Goethes Faust mit Mephisto, ein paar Worte wechseln: „Sahst du den Faust? / Den Doktor?/ Meinen Knecht!“ oder eben etwas anderes. Und dann wäre eine Reise auf die Erde fällig – die Wette gilt. Aber worum würe sich die Wette drehen, was wäre der Einstz? Darum soll es in diesem kleinen Aufsatz gehen.

Für viele Zeitgenossen sind sowohl Hades als auch Olymp nichts anderes als schönschillernde Seifenblasen. Ihre Gebilde zerplatzen mit leisem Geräusch, sobald sie berührt werden. Man schaut ihrem bunten Schweben zwar fasziniert nach, aber trotz aller Aufmerksamkeit scheinen sie keine eigene Wirklichkeit zu besitzen. Obwohl wir die Seifenblasen zwar mit unserem eigenen Atem erfüllten und sie auf diese Weise wie kleine Schöpfungen auf kurze Reisen schicken, ist ihre Wahrheit (der aus Luft bestehende menschlich eigene warme Lebensatem) eitel und Haschen nach Wind. Es schwebt und zerplatzt. Macht nichts, wir schaffen Neues. Das ist eine schöne Beschäftigung, der wir uns ein ganzes Leben lang gern hingeben - etwas Schönem.

Zahlreich sind inzwischen die verschiedenen religiösen Bilderwelten, die auf diese oder ähnliche Art entstanden sind und sich immer wieder erneuern. So gibt es die typisch christlich-religiöse Bilderwelt mit ihrer eigenen und seit langem relativ fest umrissenen und bestimmten Ikonographie. Diese hat, wie fast alles, einen Kern und eine Peripherie; letztere reicht weit hinaus bis ins Heterodoxe und Absurde.

Zum Kernbereich der christlichen Bilderwelt gehört ein Besuch Christi bei den griechischen Göttern nicht. Götter, lautet ein Beschluss, gibt es nicht wirklich. Ja, mehr noch: Darf es nicht geben! Höchstens dem Satan als Gegenspieler Gottes gesteht man einen defizienten Ausnahmestatus zu - die große finstere Nische im Gedankengefüge der Ontologie wird dem gefallenen Engel zuerkannt. Solcher Denkart zufolge wäre dann alles das, was göttlich aber nicht Gott selbst ist, vom Schwefelbruder Satan oder aus dem Bereich seiner Nische genommen. Damit bewußter oder unbewußter Irrtum und zwangsläufig der Unterwelt zugerechnet, welche immer Verursacherin dessen bleibt, was es zu überwinden gilt. Es gibt keine positiv ausgeformte Tradition christlicher Begeisterung über einen Ort der Seligen, wo wir die griechischen Göttinnen mit den Göttern unbekleidet oder nackt tafelnd antreffen würden und Christus mitten unter ihnen wäre, wie man es auf dem Bilde Klingers in Leipzig sehen kann. Zumindest gibt es „Christus als Olympier“ in der seriösen Tradition des uns bekannten und dogmatisch unverfänglichen gemäßigten Christentums nicht.

Max Klingers „Christus im Olymp“ ist also kein orthodoxes Thema. Dazu passt, dass – vielleicht um die heterodoxe Aussage des symbolistischen Riesenbildes sicherheitshalber „christlich zu taufen“ - man bisher auch annehmen wollte, Klinger habe sein Bild unbedingt nur so verstehen wollen, dass der HERR (Christus) gewiß zu einem einzigen Zwecke im Olymp erschienen sei: Um nämlich hier endlich und durch den Akt einer im Verbund mit den ihn begleitenden vier Kardinaltugenden (die vier Frauen mit dem Kreuz) durchgeführten Palastrevolution die Herrschaft von Zeus, dem Göttervater, auf immer fort und in die eigene Hand zu nehmen. Christentum übernehmen Sie! Was danach freilich mit den Göttern geschähe, wäre zu klären: Sie könnten entweder zu Engeln degradiert oder befördert werden, je nachdem. Einen solchen Gedankengang wagt Peter Sloterdijk im ersten Band seiner Trilogie „Sphären“ – dort geht es um die Konstruktion von wirklichen und geistig wirklichen Innenräumen, in denen wir uns finden, - einzeln und zusammen mit anderen. Demnach müsste der Hades geöffnet werden, damit die Schatten gleichberechtigt an den olympischen Freuden aller mit allen gleichermaßen Teilhabe erlebten. Oder aber (die fatale Denkfigur ist bekannt) ein großes Gericht trennte die moralisch Guten von den Unguten unter den Göttern - und ihnen allen würde dann der verdiente Lohn der Verdammten ausgeteilt.

Wie dem auch sei: Gott jedenfalls ist auf dem Bilde Klingers überhaupt nicht tot. Im Gegenteil - es wimmelt nur so von seinen vielen Spiegelbildern. Ein Gott im komplizierten Sinne der Dreifaltigkeit ist zwar nicht zu entdecken. Und auch die rätselhafte Moira als Abschattung der monotheistischer Allmachtsidee ist nicht auffindbar. Nein, - die bunte Welt der Antike, oder dessen, wovon man meinte, dass es die Antike gewesen sei (also dasjenige, was Griechenverehrer als antik schätzen mochten), tritt auf märchenhafte Weise frisch und frei hervor - und wird von Klinger mit etwas Fremdem konfrontiert. Wir können dieses Fremde gern die „christliche Botschaft“ nennen. Denn genau diese Begegnung zwischen den Göttern und dem blonden Nazarener Christus ist das Reizvolle am Riesenbild, das der Leipziger gegen Ende des 19.Jahrhunderts gemalt hat, - hauptsächlich übrigens in Rom. Rom forderte also auch von dem malenden Sachsen Max seinen Preis - wie schon vorher von dem komponierenden Richard ...

Einem Altargemälde gleich, zumindest aber als ein theologisches Programmbild zum Thema „Antike und Christentum“, wird das nach wie vor offene Thema illustriert. So etwa, wie auch Bonhoeffer das alte Thema in seinen Aufzeichnungen aus der Haft zur Sprache brachte (Widerstand und Ergebung Brief an E.Bethge vom 21.6.1944). Der bekannte „Unbekannte Gott“ aus Acta 17.23 scheint sich in der apollinischen Christusgestalt des Bildes wie Paulus seinerzeit auf dem Areopag erklären zu wollen, - aber dieses geschieht nicht nur vor ein paar herumlungernden Philosophen, sondern vor dem Forum aller seit langem bekannten „Brüdern und Schwestern“ - den Göttern selbst. Wie immer gilt auch hier: Man betrachte das Bild - und mache sich seine eigenen Gedanken. Zu solcher Selbstunterhaltung einige Informationen zu geben ist der Sinn des vorliegenden Aufsatzes.

Soll man herausfinden, was der Künstler hat sagen wollen? Er hat malen wollen. Ein „Sagen“ geschieht immer nacheinander und unterliegt dem Nachteil seines zeitlichen Ablaufs. Das Gemälde dagegen erschafft einen Raum, in dem durch das Auge alles, was wirkt, gleichzeitig erfasst wird. Es ist unnötig, Sinnfragen nach Bildern verbissen und zu ernsthaft stellen zu wollen, - wenn es auch für den ehrgeizige Kunsthistoriker interessant sein mag, nach Hinweisen in Aufzeichnungen des Malers zu suchen. Jene Frage: „Was hat der Künstler damit sagen wollen?“ ist bekanntlich, obwohl immer wieder gutmütig gestellt, zugleich auch recht naiv. Ihr liegt eine Auffassung von Kunst mit mehr oder weniger Programmcharakter zu Grunde. Kunst als Aufklärung, Kunst als Waffe usw.

Künstler der Moderne stellen ihre Bilder aber nicht, wenn sie wirklich frei und Künstler sind, unter die Fuchtel einer theoretischen Aussage, noch weniger unter dogmatische Formulierungen einer Kirche. Mit „Christus im Olymp“ werden wir in eine Zeit und in einen Raum geführt, die beide imaginär sind – so wie auch ihr Inhalt, welcher Zeit und Raum zu dem macht, was sie sein sollen. Ich meine das duale Gefilde der Ewigkeit mit ihrem Olymp und dessen räumlichem aber nicht sichtbarem Fundament, dem Hades (Aides – das Nichtsichtbare) und der Menschenwelt dazwischen.
Klinger malt in und für eine Zeit, die bewusst oder unbewusst einer ästhetischen Renaissance verfallen sein wollte - aber dabei noch jenen geistigen Bereich abzuschreiten vermochte, der Jahrhunderte zuvor schon bereitet worden war. Die bildungsbürgerliche Welt der Gymnasien und die Kunst hatten in jahrelanger Arbeit unerbittlich ein griechenverliebtes Milieu geschaffen, in dem man sich wohl fühlte und aus dem die Welt der Künste wie aus einem nie versiegenden Brunnen immerzu schöpfte. Es ist sowohl die Zeit Winckelmanns und Schliemanns, die Welt der Oper und Bühnenweihefestspiele – und, das ist das Wichtigste, - es war überhaupt die Welt des in und zu Schönheit verharren (darauf reimt sich erstarren) wollendem menschlichen Schicksals – oder seines Anscheins, was sich nun auch alles in Klingers Bild vor uns auftürmt.

Wir werden in eine Phantasiewelt geführt, die es historisch, oder so, wie Homer von ihr berichtet hat, beweiskräftig nie gegeben hat. Aber um so mehr wirkte sie in der ewig schaffenden und Heimat gebenden Phantasie großer Gestalter wirkmächtig fort. Wirkte genauso, wie die Welt Golgathas, des Gartens Gethsemane und anderer Mysterienorte, die auf die phantasievolle Ausschmückung und den Prozeß der sich daran anschließenden je eigenen Ver-Andächtigung nicht verzichten können, ohne sofort vergessen und ungültig zu werden.

Das trifft besonders zu auf jene vibrierend quasierotische Sphäre der Italien- und Griechenlandsehnsucht, welcher spätestens zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert viele wie die Motten dem Licht gefolgt sind, mit dem Anspruch, die elitäre Gemeinde weniger zu Besonderem Herausgerufenen zu sein. „Eine kleine Schar zieht stille Bahnen, / stolz entfernt vom wirkenden Getriebe, / und als Losung steht auf ihren Fahnen: / Hellas, ewig unsere Liebe!“ dichtet Stefan George so schön und zugleich so problematisch. Das Urteil über Klinger als Künstler fällt nicht überall gut aus: „Vollends gescheitert ist die für ihre Zeit so bedeutungsvolle, uns heute nicht nur fremde, sondern auch unzeitgemäß erscheinende Kunst von Max Klinger. Auch er sucht nach symbolischen Gedankenerregungen. ... Er mystiziert nicht das Triviale, sondern banalisiert das Mystische“ (Richard Hamann: Geschichte der Kunst Band VI ; S.853f )

Der Olymp mit dem Hades und der Menschenwelt, in der sich jeder einzelne mit einem zwar kleinen aber eben dem eigenen Schicksal plagen muß und dabei unter der Gewalt, der Gunst bzw. Verwerfung der Götter steht, ist ein großes Thema. Die historisch und baugeschichtlich interessante und reale mediterrane Landschaft, welche von Touristenscharen urlaubs- oder bildungshalber bepilgert wird, steht den erwähnten heiligen Orten aus der Geographie Palästinas nicht nach. Die Phantasie der gläubigen Christen und der Kunstbegeisterten holt sich in beiden Gegenden schon immer frische Nahrung. Wird doch sowohl hier als auch dort vom menschlichen Leben, dem Sterben, der Geburtlichkeit, der Sterblichkeit und dem Verwandeltwerden erzählt. Und schon seit frühester Zeit beginnen die Personen der einen Landschaft in die der jeweils anderen einzuwandern ohne aus der eigenen je ausgewandert zu sein.

Wenn wir die Brisanz des Klingerbildes recht ermessen wollen, dann müssen wir uns zuerst seiner Mitte zuwenden. Die Figuren dieser Mitte sind erstens Christus (Apollo) im goldenen Gewand, zweitens Psyche, die nackte Seele, die die Hand Christi ergreift, weiterhin drittens deren Gatte (und zugleich Sohn der Göttin Aphrodite/Venus) namens Eros/Amor alias Cupido, und schließlich als vierter naht sich diesen dreien der Zeussohn Dionysos/Bacchus mit dem Glase in der Hand. Inmitten der so entstandenen Vierer-Szene schwebt dieses Gefäß - quasi als fünftes Element - wie der mit irgendwas gefüllte Gral.

Es ist wichtig, sich der Geschichte zu erinnern, die Apuleius von Eros/Amor und Psyche (der Seele) erzählt. Die einfühlende Kenntnis dieser schrecklich-schönen Begebenheit (welche für viele nachfolgende Geschichten und Märchen dann zur Ideengeberin geworden ist) ist auch für das inhaltliche „Funktionieren“ des Klingerbildes von Wichtigkeit. An der Gestalt Psyches (der Seele) ist eine Menge festgemacht. Das Bild wird an Hand der in Gestalt einer Büßerin knienden Psyche zum soteriologischen Programmgemälde, - und das hat Auswirkungen, welche sich mancher Beurteilung nach zugleich als künstlerische Schwäche der Altarbildkonstruktion äußert. Zugleich aber stoßen wir auf einen interessanten theologisch-philosophischen Misch-Topos: Die eigentlich bereits Erlöste bittet um Erlösung von ihrer olympischen Erlöstheit.

Um zu begreifen, wie verzwickt die Angelegenheit ist, muss im Folgenden die Geschichte von Amor und Psyche kurz erzählt werden. Dabei streifen wir nebenbei das Problem der sogenannten „Göttermacht“ im griechischen Pantheon ganz allgemein, die ja keine einheitliche, sondern eine geteilte und in sich widersprüchliche ist. Wir werden ebenfalls sehen, dass Klinger in seinem Bild einen besonderen Blickwinkel dafür eröffnet, wie dieses Machtproblem sich selbst erledigt (durch Verzicht). Soviel sei schon vorab verraten: Unsterblichkeit, um die sich überall alles zu drehen scheint, wird nicht mehr als erstrebenswertestes Gut betrachtet. Christus erlöst also am Ende die Götter, - nicht nur die Menschen und nicht nur die Hadesbewohner.

Aphrodite ist eine priveligierte unter den Göttern - denn sie ist die Göttin der Liebe und der Schönheit. Ihre Kraft ist zusätzlich darin begründet, dass sie nicht Tochter oder Schwester des Zeus ist, sondern noch aus der titanischen Vorwelt stammt, - entstanden aus dem zeugenden Fleisch des Himmels und der Bewegung des ewigen Ozeans. Damit ist sie so etwas wie die Tante des Zeus. Eingeschworene Monotheisten sollten an dieser Stelle ihren abgeklärten heimlichen Triumph unterdrücken. Alle Fragen nach einer guten und gerechten Allmacht ergeben ja zusammengenommen jenen großen Brocken, den auch die Trinitätslehre bis heute nicht recht verdauen kann. (vgl.: Andreas Benk: Gott ist nicht gut und nicht gerecht. Zum Gottesbild der Gegenwart. Düsseldorf/Patmos 2008)

Auf Klingers Bild sehen wir die schaumgeborene Aphrodite in der dunkelhaarigen Frau, sie hat die selbe Haarfarbe wie ihr Sohn Eros. Aphrodite sind die beiden blonden Frauen zugesellt: Die keusche Artemis, die sich im Gegensatz zu Aphrodite vom Betrachter abwendet und Pallas Athene bzw. Hera. Der Kontrast zu den vier kreuztragenden bekleideten Frauengestalten (Kardinaltugenden) ist groß. Die Frauengruppe macht ein ganzes Viertel des Zentralbildes aus. Wo ist Hera? Ist sie - so wie Christus zugleich in Apollo - in Psyche zu suchen?

Aphrodite
Aphroditens gedenkt man immer und überall auf der Erde - bei den Menschen gilt sie als herrlich man bedenkt sie mit Opfergaben als Zeichen tiefster Verehrung. Da wird eines Tages irgendwo auf der Erde ein Mädchen geboren. In der betreffenden Familie gibt es bereits zwei Töchter. Das neugeborene Mädchen (es wird von seinen Eltern „Psyche“ gerufen) kommt nun als Dritte dazu - und während die beiden Erstgeborenen von minderwertigem Charakter und begrenzter Schönheit sind (wie sich im Laufe der Geschichte immer mehr herausstellt), ist Psyche das ganze Gegenteil. Sie wächst heran, - und die Menschen verehren das Menschenkind Psyche bald mehr als die Göttin Aphrodite/Venus, deren Schönheit in dem Menschenkind Psyche zweifellos erschienen ist. Schließlich huldigen die Menschen nur noch dem schönen Menschenkind und nicht mehr der die Schönheit verleihenden Göttin. (So berichtet es Apuleius: Der goldene Esel. 160/170 n-Chr.)

Dadurch kommt es zum Konflikt zwischen Aphrodite und Psyche. Das Urbild der Schönheit (um mit Platon zu spekulieren) – die Göttin Aphrodite selber wird von ihrer eigenen Verwirklichung in einem Menschenkind (Psyche) insofern übertroffen, als dass die Menschen nunmehr das im Mädchen erschienene Göttliche mehr verehren als das Göttliche selbst (also die Menschin mehr mögen als das Prinzip der Göttin).
Was passiert? Das Göttliche nimmt es dem Menschlichen übel, dass es (das Göttliche selber) als Göttliches in ihm (dem Menschlichen) erscheint.
Während noch Narcissos, als er sein Spiegelbild im Wasser entdeckte, dieses liebte und umarmen wollte - und auf diese Weise in den Wellen (in die er zwangsläufig stürzt) den Tod findet, nimmt es Aphrodite, ähnlich der Königin im Märchen vom Schneewittchen, ihrem „Spiegel“ (der Psyche) bitterübel, dass dieser Spiegel die realisierte Wahrheit als Spiegelbild der Bildgeberin zeigt.

Die Konkurrentin (Psyche) ist zwar nur ein von der Urform (Aphrodite) abgezogenes Eidolon (Bildnis). Trotzdem sehen wir, wie auch Götter irren können oder es sogar wollen, - bzw. wie sie nicht ganz vertraut zu sein scheinen mit den Grundgegebenheiten des Platonismus und seiner Erkenntnistheorie.
Freilich hat sich die Menschheit von der Göttin Aphrodite einigermaßen selbständig gemacht, als ja die Menschen nun „nur” die Menschin verehren - und deren Herkunft aus der Göttin wahrscheinlich einfach vergessen haben oder sogar vergessen wollten. Ähnliche Ereignisfiguren führen andernorts zur ähnlichen Bestrafungsfeldzügen durch göttliche Ahndung. Wir kennen auch aus der Theologiegeschichte Vergleichbares und müssen nur an das erste Gebot denken, das die Verehrung der Geschöpfe des schaffenden Gottes als gefährliches Sakrileg benennt, - und dieses, obwohl sich in den geschaffenen Geschöpfen doch nichts anderes als der schaffende Schöpfer selbst betätigt. Die Verwechslung zwischen beidem mag gar nicht böse gemeint sein - und liegt eigentlich nahe. Wie auch der militant betonte fundamentale Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf ein geistesgeschichtliches Spätphänomen ist – und nur durch mühsame Gedankenvorgänge und gemäß jenem dem Erleben fremden Bewegungsprinzip (nämlich der sich ins Denken langsam einschleifenden metaphysischen Logik) möglich wurde. Wie dem auch sei, jedenfalls war der Zorn der Göttin Aphrodite sehr groß.

Aphrodite zürnt Psychen, obwohl diese „gar nichts dafür kann“, dass sie so schön ist. Aphrodite beschließt, Psyche hart abzustrafen und zieht ihren Sohn Eros/Amor mit in das Strafgeschehen hinein. Sie fordert nämlich von dem geflügelten Bogenschützen, dass er seinen Pfeil auf den armseligsten und verachtetsten Mann abschießt, um dadurch das so getroffene Scheusal mit der armen Psyche ehelich zu verfesseln. Das soll die Strafe sein.
Pfeile gelten als liebestiftende Folterinstrumente und werden ungeachtet der seit damals vergangenen Zeitalter als privates Logo auch heute noch von pubertierenden Knaben mit Mehrzwecktools aus China durch Herzen und die damit verflochtenen eigenen Namensinitialien auf Baumstämme geschnitten, in welchen diese Zeichen danach noch Jahrzehnte mitwachsen (müssen), auch wenn die Besitzer der Buchstaben sich schon getrennt und inzwischen ganz neu liiert haben.

Besonders Amor pflegt Menschen dadurch zu verbinden, dass er sie mit Pfeilen beschießt, die tief steckenbleiben und dadurch den Menschen zur Liebe zwingen. Amorgewirkte Liebe ist also nie ganz frei, sondern auch dem Zwang und dem Verhängnis unterworfen. Genau das ist nun der Plan Aphroditens! Was aber geschieht stattdessen? Eros/Amor ritzt sich (absichtlich?) selbst mit einem seiner Pfeile. Die abzustrafende Mädchenseele Psyches weiß nichts von dieser Ritzerei des Liebesgottes, - ihr wird das von Aphrodite zugedachte Schicksal als grausamer Orakelspruch verkündet: Demnach sei sie (Psyche) dem schrecklichsten Manne zu verehelichen und ihm auf ewig verfallen! Zu bestimmter Zeit und an bestimmtem Ort würde sie diesem Ungeheuer geopfert werden. Um das Urteil zu vollstrecken wird Psyche vom Wind zum Ort ihrer zukünftigen Ehe-Qual fortgetragen. Sie landet irgendwo auf festem Boden, - doch nicht im Bett eines fressenden Wüstlings, sondern in einer prächtigen Schlossanlage, wo alles nach ihrem Willen geht, - Speise und Trank in Hülle und Fülle und genügend Dienerinnen dazu vorhanden. Nachts schläft Psyche mit einem Unbekannten auf weichem Lager, man unterhält sich gut und vollbringt dies und das. Nur (das ist der Haken) darf Psyche ihren Eros (kein anderer nämlich findet sich nachts im Schlosse regelmäßig bei ihr ein) - nicht sehen. Sähe sie ihn doch, wäre alles Glück dahin. So lautet die ständige Warnung Eros ́, der seinerseits Psyche nun lieben muß, weil er sich mit dem eigenen Pfeil dazu zwang. Wir sehen ihn auf Klingers Bild entrüstet darüber, als nun ein anderer kommt, - Christus, der den Zwang beendet.

„Schwestern“
Die Handlung läuft nun schnell dorthin, wo sie ankommen muß: Psyche möchte unbedingt ihre Schwestern wieder treffen – das Heimweh plagt die Seele. Eros jedoch warnt. Sie aber will doch – und immer mehr und unbedingt. Also dürfen die beiden bösen Schwestern zu Gast kommen. Sie neiden der kleinen Psyche den Wohlstand! Und bringen schließlich Psyche soweit, nachts Eros (trotz des Verbotes!) heimlich zu betrachten und auszuforschen, ob der Unbekannte nicht vielleicht doch ein Ungeheuer sei.
Mit Hilfe einer Öllampe (es ist Nacht) schaut Psyche ihren liebenden Mitbewohner dort im Schlosse an … Wie schön ist er im Schlaf! Hingerissen beugt sie sich über ihn – da versprüht der Lampendaimon einen heißen Tropfen Öl. Der Tropfen fällt auf Eros Schulter und verbrennt ihn. Er erwacht vom Schmerz geplagt. Er sieht, dass sie ihn sieht – und entflieht, wie angekündigt. Psyche ist natürlich von dem Sohn Aphroditens schon längst schwanger …

Als werdende Mutter will sie sich ihrer großen Konkurrentin Aphrodite, der zukünftigen Großmutter des Kindes, erklären und dieselbe um Versöhnung bitten. Sie macht sich auf, Eros zu suchen und kommt dabei zu Aphrodite, von der sie hart gepeinigt wird. Götter sind nicht leicht zu besänftigen ... Psyche leidet. Sie fleht andere Göttinnen an, ihr helfen zu wollen Eros wiederzubekommen, welcher inzwischen seine Brandwunde kurieren läßt.
Apuleius berichtet, wie die gebetenen Göttinnen Psyche zwar gut verstehen, - ihr zu helfen wagen sie aber nicht. Zu groß ist die Autorität Aphrodites, welche Psyche nun schwerste Aufgaben verpaßt, bei deren Lösung jeder von uns unweigerlich draufgegangen wäre – eine der Aufgaben sendet die Unselige sogar in den Hades hinunter, um dort ein Büchschen Schönheit von Persephoneia/Proserpina (für Aphrodite!) zu holen. Psyche besteht alle Aufgaben mit der Hilfe von Tieren, der Elemente und sogar eines Gebäudes – so überzeugend ist ihre Schönheit, welcher (nicht immer ist das so!) ein gutes Herz mitgegeben ist. Nach den gelösten Aufgaben gelangt Psyche schließlich in den Olymp. - Aber Aphrodite weigert sich immer noch, ihren unsterblichen Sohn Eros einem sterblichen Flittchen (so drückt sie sich aus) zu überlassen. Deshalb, und weil von Eros gebeten, wandelt Zeus kurzerhand Psychens sterbliche Natur in eine unsterbliche um. Nun sind Eros und Psyche also wieder (und sogar standesgemäß) vereint und auf problematische Weise (ob das noch Liebe ist – und was ist denn eigentlich Liebe?) triangularisch miteinander verbunden: Zum ersten geschieht diese Verbindung durch den Fluch Aphrodites: Der unmöglichste von allen Gatten, der verbrecherischste unter allen Wesen ist ja tatsächlich der Ihrige geworden. Eros, von dem es so oft heißt: Du aller Götter und Menschen Tyrann – Eros!  
Zum Zweiten durch einen erotischen Pfeil, welcher den Schützen nun zu jener Liebe zwingt, mit der er sich selbst ritzte und traf. Drittens zusätzlich durch den Ratschluss des Zeus, nämlich Psychen ihre unschuldige Sterblichkeit zu rauben und sie selbst durch den Genuss am Ambrosiakelch in eine Unsterbliche zu verwandeln.
Man wird zugeben müssen, das ist wahrhaftig ein starkes unsichtbares Band und eine dreifach geknüpfte Fessel, welche zwei Personen durch Verheißungen, Flüche, Verzauberungen und mit aufgedrängten Beabsichtigungen zu einem Paar verbindet.

Das blaue Band
Max Klinger deutet den Zusammenhang zwischen Amor und Psyche mit jenem blauen Band an, welches die beiden aneinander fesselt. Beide können nurmiteinander schlafen, oder sich gegenüberstehen. Aber nie vermögen sie ganz frei zu schreiten, denn das linke Bein von Eros ist mit dem rechten von Psyche verbunden, die Seitenzugehörigkeit ist also programmiert und auch das Maß der Schritte. Das vereinende Band ist zwingende Fessel geworden. Christus wird dieser „Geschichte” nun gegenübergestellt. An der Stelle, wo er steht, ist kein Band, sondern geht das Band über in blaue Veilchen, die den Weg bezeichnen, den er von der Erde hinauf zum Olymp gekommen ist.

Psyche
Auf Klingers Bild ist das bedauernswerte Weib „Psyche“ die einzige Gestalt, die sich vor Christus niederwirft. Was wird sie von ihm wollen? Will sie sich nun doch noch demjenigen hingeben, der der wirklich Verachtetste (seines Kreuzes wegen), ja - der Allerverachtetste gewesen ist und der diesen Status seiner Wunden wegen, welche man noch sehen kann, auch behält? Oder ist sie etwa der eigenen ewigen Nacktheit überdrüssig? Möchte sie auch ein so schönes Gewand besitzen wie die Tugendschwestern links neben Christus?
Stört sie das blaue fesselnde Band, - und ist sie Eros gram, der sie an sich bindet? Klinger hat Psyche wohl ganz bewußt nicht als Mädchen gemalt, sondern hat ihr die Problematik einer wagnersch-verwegenen Kundry gegeben. „Erlösung für die Erlöste“ kommt einem in den Sinn - in Abwandlung des Rätselspruchs „Erlösung dem Erlöser“ aus Wagners Parsifal (vgl.:Herbert Rosendorfer: Richard Wagner für Fortgeschrittene. München LangenMüller 2008; S.241, Rosendorfer deutet den Spruch „Erlösung dem Erlöser“ so, dass Wagner, der sich ja quasi auch als Erlöser verstanden haben muß, seinerseits von Cosima hat erlöst werden wollen.) Psyches Blick ist abgründig und auch ein wenig verschlagen, - und das einzige, was wir aus ihrer schmachtenden Augengeste heraus klar erkennen, ist die Bitte: „Hol mich hier raus. Erlöse mich aus dem Olymp und vom Banne der Unsterblichkeit!“

Eros
Eros nun, der Gatte der psychischen Seele, denn S e e l e, das hören wir bei Psyche ja immer mit, - und zwar so lange schon, seitdem wir von den Griechen so etwas wie eine reflektierte Seelenvorstellung übernommen haben, seitdem wir Ähnliches wie Seele zu kennen meinen und von ihr auch behaupten, es läge in eines Gottes Hand, sie sterben zu lassen oder sie unsterblich zu machen bzw. zu erlösen, - Eros also, der rechtmäßige Gatte, protestiert deutlich. Hatte er sich doch selber bei Zeus für Psyche eingesetzt, um sie ewig an den Olymp und damit an sich selbst zu binden.
Eros wendet sich an Zeus und gleichzeitig scheint er Christus, der seinerseits Psyche zu segnen scheint, schlagen zu wollen. Jedenfalls hat Amor ein Bündel Pfeile in der Hand und es ist nicht ganz klar auszumachen, ob das seine eigenen sind oder ob es die Blitze des Zeus sein sollen, die nun von Eros dem Donnerer gereicht werden, damit der Gebieter aller Götter den eingedrungenen Fremden zerschmettere. Eine dramatische Szene - nimmt hier Christus etwa einem anderen, noch dazu einem Gott (Eros), die Frau weg? Mochten die katholischen Wiener (denen das Bild bis heute gehört) solche Fragen gar nicht denken, und verliehen sie Klingers Gemälde deshalb für ewige Zeiten an die zu der damaligen Zeit längst protestantisch gewordenen Sachsen in Leipzig?

Wo ist Rettung für die bizarre Szenerie? Sie naht! Aus dem Hintergrund tritt - freilich etwas desorientiert - Dionysos/Bacchus hervor und scheint Christus eine Schale Wein reichen zu wollen. Der versöhnende Verwandlungstrank - keine schlechte Idee. Dionysos wurde in der Antike als sorgenlösender Gott verehrt - und ist ideengeschichtlich ein Vorläufer Christi (unseres wirklichen Erlösers und des „wahren Dionysos“, wie ihn manche Kirchenväter nannten). Das ist ein oft beschriebenes Faktum, auch wenn manche es nicht hören möchten. Hier also erscheint Dionysos, als ob er die Dramatik der Szene entspannen möchte: „Trinkt doch erst mal einen, danach sieht vieles ganz anders aus!“ Vorsichtig balanciert der trunkene und trunken machende Gott den Kelch in die Mitte des Geschehens, es ist der Punkt tatsächlich die Mitte des Hauptbildes. Es ist nicht ganz deplatziert, wenn diese Geste einen sofort an Christus erinnert, der sich als Weinstock verstand und am Gründonnerstag bekannt gab, erst im Himmelreich wieder vom Gewächs des Weinstocks zu nehmen. Und ist hier im Olymp nicht fast so etwas Ähnliches wie eine Vorform des Himmelreiches?

Der Gottessohn Christus steht bei Eros/Amor gerade in Verdacht, ihm das angetraute Weib abspenstig zu machen. Darauf stehen große Strafen, von denen etwa Ixion berichten könnte, der Hera begehrte und deshalb im Hades, auf ein Rad geflochten große Geräusche machend, ewig durch die hallenden Gänge rollt, - Klinger hat auf genauere Darstellungen des Ixion, des Sisyphos und Tantalos im Hades (der Predella des Bildes) verzichtet und zeichnet dort eher eine allgemeine Orgie aus Fleisch und Zerstörungswut. Was hat der Künstler da tatsächlich sagen wollen, - diese Frage schiebt sich jetzt in den Vordergrund und findet ihre vorläufige Antwort in der ruhigen Gegenfrage, - was können wir selber sehen und, - was wollen wir sehen und an was wollen wir lieber gar nicht denken?

Bei der Entschlüsselung symbolischer Bildzuordnungen im Spiegel der üblichen Sehgewohnheiten ergeben sich puzzleartig neue und bisher ungeahnte Zusammenhänge und Szenen. Es könnte zum Beispiel auch sein, dass genauso wie auch Psyche durch den Genuss des Ambrosiabechers unsterblich geworden war, Christus nun seinerseits ebenfalls diesen Trank gleich genießen wird, - nachdem ja auch schon der bittere Kelch von Gethsemane nicht an ihm vorübergehen gegangen war. Das Motiv „des besonderen Bechers” ist von Klinger jedenfalls malerisch sehr deutlich herausgearbeitet worden, denn die Hand Christi, der Becher des Dionysos und das Haupt der Psyche schaffen dem gesamten Bild eine Mitte, - genau hier nämlich verläuft die Achse, um die sich in der Vertikalen alles dreht, - während es in der Horizontalen die Gesichter aller sind, - welche, auf einer Linie liegend, ein furioses Hin-und Her der Blicke erzwingen.

Der Kelch
Segnet Christus etwa notgedrungen den Kelch der antiken dionysischen Kultfeier? Wenn nein, weist er ihn als solchen, der er bisher war, dezent zurück? Dabei läßt er sich von Psyche berühren – er weicht ihr nicht mehr wie damals aus, als er bei Magdalena noch wie ein einfacher Gärtner vor leeren Gräbern stand. Christus schaut Psyche nicht an – sondern sein Auge durchdringt den wütenden Eros und trifft auf das nachdenkliche Auge von Zeus, der mit der Rechten an einer Falte seines welken Leibes gerade eben das fortgeschrittene Alter zu überprüfen scheint. Ganymedes, Schenke und für den wolkenballenden Kroniden wohl noch mehr, macht auf dem Bild die wohl problematischste Figur. Auch er ist ja ursprünglich ein Menschenkind, geraubt für den Dienst im Olymp. „Wer nun ist der wirkliche Sohn Gottes?“ Diese Frage liegt ihm auf der Zunge. Und wer bin dann ich in Zukunft. Das ist zugleich auch die Frage des altgewordenen antiken Hauptgottes, der sein Erbe wird weitergeben müssen. Jedenfalls hat Klinger den Kelch genau in das Zentrum des Hauptbildes gesetzt und den Kopf der Psyche in das Zentrum des hier besprochenen Gesamtkunstwerks (Altar).

Die Mänaden und die Moira
Im linken Teil des Bildes sehen wir zwei Frauen in seltsamer Gebärde tanzend und mit der Geste eigenempfindender Betroffenheit sich selbst berührend. Die beiden gehören zum tanzenden, singenden, feiernden und rasenden Gefolge des Gottes Dionysos - die Mänaden. Oder sind es zwei der neun Musen, die dem Apollon zuzurechnen sind?
Sind sie jene ekstatischen Sambatänzerinnen des brasilianischen Karnevals? Oder Terpsichore und eine ihrer Schwestern? Es bleibt in der Schwebe, ob diese Tanzenden erschrocken fliehen und dabei ihren Gott Dionysos im Stich lassen, oder ob sie die Gefolgschaft wechseln, um nunmehr Christus (Apollon) nachzufolgen und seine Ankunft auf Erden kund zu tun, - dort unten in der Menschenwelt, in die man gleich hinabsteigen wird, nachdem die alten Götter verabschiedet worden sind.
Götter sind Werkzeuge und Verwalter dessen, was wir schlechthin Rätsel der Existenz nennen könnten - oder Naturgesetze. Sie alle müssen einem unaussagbarem Geheimnis gehorchen, welches auf dem Bild selber freilich nicht abgebildet ist, weil dasjenige Hoheitliche, worüber hinaus Höheres nicht gedacht werden kann, unabbildbar bleibt. Die Griechen hatten zwar eine vage Vorstellung von diesem Unabbildbarem und behaupteten zuweilen, dass auch Zeus dem Urrätsel der Moira oder der Ananke gehorchen müsse und alle seine Macht ohnehin nur von dort her käme, woher alle Macht ist.

Zeitschema
Damit geraten wir zu einer weiteren interessanten Frage. Es ist die Frage nach der im Gemälde Klingers insinuierten Zeitvorstellung. Die Blumen blühen, alles ist im Aufbruch begriffen und ewiger Frühling herrscht. Wir fragen: Kommt da etwa Christus nach seiner Kreuzigung in die Welt der Götter, um sich ihnen, dem Konzept der gängigen Apotheosen entsprechend - zuzugesellen? Kommt er, um die Herrschaft zu übernehmen und das Zeitalter des Zeus zu beenden und ein neues Millennium heraufzuführen?
Oder will des Zimmermanns Sohn mit dem großen Kreuz gerade gehen und kündigt er sein auf Erden zukünftig stattfindendes Tun und seine beginnende olympische Absenz den zurückbleibenden Göttern unmissverständlich an? Will Psyche mit ihm zurück zu den Menschen und zu ihren Brüdern und Schwestern? Frei vom Ballast der unsäglichen Unsterblichkeit? Oder gälte nicht sogar beides, - Kommen und Gehen, Gehen als Kommen und Kommen als Gehen - da wir ja im Olymp sind – also jenseits aller bekannten Zeitstrukturen?

Präexistenz
Wird hier nicht etwas von dem beruhigenden Rätsel einer so zu nennenden Präexistenz spürbar, von der die christliche Theologie jedesmal spricht, wenn sie mit schöner Regelmäßigkeit an ihre logischen Grenzen gerät. Diesen Prellbock erreicht die Kirche ja immer dann, wenn sie die Fragen bis ins Extreme treibt. Und, - sollte die Kirche eines Tages selber nicht mehr nach den Extrempunkten des Denkbaren fragen, würden es nicht andere für sie übernehmen müssen - mit ihren dann eigenen Fragen, die sich aber um so unerbittlicher stellen?
Wie dem auch sei: Der Betrachter muß sich sein eigenes Urteil bilden. Man sollte gedanklich (wie und mit Christus) zwischen Olymp, Menschenwelt und dem Reich der Schatten hin- und her wandeln. Und wenn auch nur in Gedanken, so doch solidarisch mit sich selbst, mit den Verdammten und den alten Göttern.

Kreuzwegstationen
Auf diese Weise könnten die Gestalten der griechischen Mythologie so etwas wie zu Meditationsplätzen werden - Klingersche Kreuzweg-stationen. Die Transferierung des klassisch-antiken Geschichtenguthabens auf die Habenseite des Christentums wollte bis heute nicht recht glücken. Sind die diese beiden ewigen Währungen überhaupt ineinander vollständig konvertierbar? Klinger ist fraglos in jene antike Welt, für welche ihre Bilder alle als ewige Kredite und Wechsel einmal ausgestellt worden waren, verliebt – nicht zuletzt auch deshalb und darum, weil die Kunst sich von Griechenland her immer wieder erneuert.
„Inkulturation von Hellas nach Golgatha“ und andersherum - das ist ein anspruchsvolles Thema. Während das Kreuz als christliches Hauptsymbol durch andere Erneuerungsbewegungen, die sich ihr trübes Licht aus nordischen Nebelsphären leihen gingen, umgedeutet, verunstaltet oder ganz fortgelassen wurde; das Kreuz der christlichen Wegstationen fehlt in Klingers Bild jedenfalls nicht! Es sind übrigens wieder Frauen, die dem Nazarener das Kreuz nachtragen, jene treuen Begleiterinnen, die den Leidenden bis und über seinen Tod hinaus begleitet hatten, ihn nach seiner Auferstehung zuerst durch Tränenschleier sahen und dann glaubten, weil sie ihn fraglos liebten, - und zwar ohne den Einsatz listiger Pfeile vom Bogen des Aphroditesohnes Eros.
Einem der zwölf Jünger Jesu hat Max Klinger auf seinem Bildmonument nicht Heimat geben wollen. Wo ist Petrus und wo wäre Johannes, sogar Judas fehlt ... Nur Frauen in schönen Gewändern.

Descendit ad terram
Die vier Frauen sind bekleidet. Wer möchte nicht ihre Gewänder berühren oder selber ein solches tragen? Wer mit Christus auf die Erde will, soll nicht nackend einher gehen - zu verwirrend wäre das. Jeder tiefe Geist braucht eine Maske. In diesem Nietzschewort ist viel Wahres angedeutet. Schönheit sei durch Verhüllung und, wenn sie Schönheit ist, durch alle Verhüllungen hindurch. Auch das Evangelium Jesu Christi verhüllt sich gern in den schönen Gewändern der Gleichnisse.
Amor, der mit seinem Pfeile zwingt und den der Maler naturalistisch ganz deutlich sichtbar gemalt hat, auch die Nacktheit der drei Göttinnen und der anderen Personen, von denen hier nicht weiter die Rede sein muß, zeigen dem wachen Blick keine Unschuld, sondern eher Unkultiviertheit - man möchte ihnen allen (je länger man hinschaut) etwas zum Anziehen hinüber werfen, - obwohl sie doch ansehnlich sind, - die Göttinnen und auch Hermes, welcher mit dem weißen Stabe versehen uns den Rücken zukehrt, - jener alte Götterbote, der sein Amt, wenn es hart auf hart kommt, wohl oder übel an Christus abtreten, bzw. zu dessen Befehlsempfänger wird werden müssen.
Während die Statuen des griechischen Bildhauers Phidias ihre Götter edel, allem Profanen enthoben und als selig Schreitende und Wohnende darstellen, und diese Bildwerke ewig und unantastbar, unbeweglich und (zumindest heute monochrom) die Schönheit von etwas zeigen, das es für uns eigentlich so nicht gibt, zwang Klinger alte und ruhende Götterikonen von ihren Sockeln herab ins Durcheinander szenisch turbulenter und bunter Bewegungen. Er stellt dabei Christus als einen von ihnen aber zugleich als einzigen Ruhepunkt mitten unter sie. So erlöst er sie aus dem Ätherdunst menschenfremder Sehnsüchte, aus denen heraus die Unsterblichen der Menschen wegen erst entstanden sind, wie man gemeinhin meint. Christus besucht die Götter in ihrem isolierten olypischen „Elendment“.
Das seltsame Völkchen im Olymp Klingers mutet tatsächlich an wie Hobbits aus dem großen modernen Heils/Unheilsdrama der postmodernen Fantasiewelt, dem sich heute vor den Breitwänden kinetographischer Geräte hingegeben wird. Aber diese sind eben nicht die Götter Griechenlands von denen Walter F. Otto geschrieben, welche Aischylos, Sophokles und Euripides in ihren Dramen haben handeln lassen und denen Hölderlin ein unvergängliches Zeugnis ausgestellt hat. Die gewollte künstlerische (künstliche) Programmatik des Klingerbildes reicht nicht an jenes Göttliche heran, - das in Versen unübertroffen schon seit Jahrtausenden uns erreicht hat. Von dem Maler aus Leipzig ist allenfalls ein großes Thema gestreift worden: Hinter dem Olivenhain schimmert die Akropolislandschaft, - genau dorthin, wo sie in die Bläue des Himmels übergeht und mit ihm verschwimmt, dahin möchte man ziehen. Dorthin könnte man auch das Kreuz tagen, von den vier Tugenden hilfreich begleitet.
Aber bitte - schnell vorbei an den leider doch auch recht despektierlich gemalten Scheingöttern, die eher irgendwelche Athleten sind, lüsterne Greise bzw. verschlafene Suchtkranke. Ihrer erzwungenen Nacktheitswelt möchte auch Psyche entrinnen. Was wir ihr wünschen ist, dass die vier Tugenddamen sie mitgehen lassen und sie nicht als Konkurrentin beargwöhnen. Und, dass die vier ein gutes Gewand auch für die Fünfte zu finden wissen. Es muß ja kein goldenes sein … Aber ein Gewand, mit dem sich die arme Seele kleiden kann, um nicht als nackt von und in der gefallenen Welt verspottet zu werden. Denn in der Welt dürfen sich sogar am Tag die Sterne im Glanz der Sonne und des Nachts in dem ihres eigenen Lichtes verhüllen.

Unterweltliches
Leicht und lang ließe sich auf diese Weise noch weiter phantasieren. Die sich im Hades (Predella des Bildes) andeutende Revolution weist darauf hin, dass von unten her der Thron des Zeus oben bereits ausgehöhlt wird. Und dass die unbedenkliche Freizügigkeit im Olymp mit ihrer Verbannungspolitik für das Schattenhafte (und Titanische) etwas von dem, was der eigene Untergang sein wird (Götterdämmerung) vorbereitet hat. Die Rache aller verbannten Verdammten unter der Erde wurde immer durch die Sonnenkönige oben im Olymp wachgefeiert. Hier sind sicher auch zeitkritische und politische Untertöne der Klingerzeit zu vermuten und werden spürbar, denn am äußeren linken Bildrand kommen aus dem Wasser einige armselige Gestalten hilfeheischend hervorgekrochen. So stellte man sich einmal die Ankunft des Lebens auf der Erde vor – nämlich aus dem Wasser. Ähnlich mühen sich diese armen Leute aus dem Undargestellten heraus an das Land des darstellenden Bildes und an die Ränder des Sichtbaren und hoffen auf irgendwas Besseres. Man sieht nur wenige von ihnen, - wir aber wissen, es sind immer die Massen, die dann auf einmal plötzlich alle da sind.

Sieben Frauen - oder sogar neun Musen?
Eine „Kriegsszene“ ganz eigener Art ist das Spiel der Blicke zwischen den sieben Frauen, die das Kreuz in ihrer Mitte tragen bzw. den Tragenden zuschauen. Hier ist viel gegenseitige Fremdheit und ein gespanntes Abwarten in distanzierter Konkurrenz zueinander auszumachen. Man fragt sich auch, wo eigentlich Apollon anzusiedeln wäre? Und erschrickt: Könnte es sein, das der Christus im goldenen Gewand der neue Apollon sein soll? Ein Apollon mit den Gesichtszügen Max Klingers, der in diesem Bilde so etwas wie ein eigenes Glaubensbekenntnis gemalt hat? Die neun Frauengestalten links neben ihm als Tugenden und zugleich Musen drängen den Betrachter zu solchen Überlegungen. Der Mythos macht viel möglich, was direkt nicht ausgesprochen werden muss. Max Klinger, von dem bekannt ist, dass er ein großer Verehrer des Philosophen Arthur Schopenhauers gewesen ist, schuf zwei graphische Zyklen, denen er den Titel „Vom Tode“ gab. In einem dieser Zyklen erscheint Christus selbst als der erlösende Tod. Gemeint hat Klinger/Schopenhauer nicht den medizinischen Tod mit Fieber und Organzerstörung, sondern das den Irrtum des Seins und des Willens annullierende metaphysische Rätsel, welches uns durch Aufhebung unserer Individualität wieder mit dem All-Einen vereint und auf diese Weise die Hölle der Einsamkeit gegenüber dem Alleinen aufhebt.

Max Klinger: Vom Tode / Der Tod als Heiland
Wenden wir uns am Ende einer Graphik zu, die an das Olympgemälde erinnert. Im Todesjahr Max Klingers kaufte sich der vierzehnjährige Dietrich Bonhoeffer dieses Blatt.  Alle Personen, die hier in Aktion zu sehen sind, fliehen vor jenem Ankömmling, der links ins Bild getreten ist – bis auf einen einzigen, der sich vor ihm verneigt. Die räumliche Aufteilung der Szene in der Grafik „Der Tod als Heiland“ ist der Szene auf dem Christus-im-Olymp-Bild ganz ähnlich. Rechts die Gruppe, welche zurückweicht und flieht. In der Mitte die sich beugende Gestalt - Psyche. Christus kommt von links und bringt das Ende des „Zur-Unsterblichkeit oder des Zum-Leben-Wollen-Verdammt-Seins“. Er erlöst die unsterblich gewordene Psyche von dem Wahn des „Individuum-Bleiben-Müssens“. Dieser schreckliche Wahn, der am Ende des Nachdenkens über Leben und Tod als logische Letztinstanz steht, wird beendet. „Wir fliehn die Form des Todes, nicht den Tod. Denn aller unsrer Wünsche höchstes Ziel ist Tod“ steht (Schopenhauern echt nachempfunden) über der in der Predella ruhenden Gestalt als Epigramm aufgeschrieben. Dieses Verabschiedungsmotiv im Blick auf Unsterblichkeit gehört auch zu den heimlichen Neben-Motoren des kribbelbunten Riesenbildes in Leipzig. Der die Unendlichkeit verneinende Gedanke, welcher zugleich die Sterblichkeit bejaht, waltet wohl in beiden Bildern, - sowohl in der Graphik vom Tod als auch im Monumentalgemälde, das die Unsterblichen vorführt. Das olympische Bild Klingers erscheint dabei zuerst natürlich fröhlicher als die sehr direkte Todesgraphik. Aber die untergründige Schwermut und grausame Schönheit, die Klingers Schaffen nicht nur in diesen beiden Werken eignet, bringt ein mögliches Ziel des großen Programms, nämlich die Lebenszugewandtheit der altgriechischen Religion mit dem Ernst des Christusthemas zu verbinden, noch nicht recht dorthin, wo wir damit heute wirklich zufrieden wären. Es stoßen da zu unterschiedliche Welten aufeinander, - und über die Grenze ihrer Verschiedenheit wird allenfalls der Kelch eines erst zukünftigen Festes zu reichen sein, - oder eben empfangen werden müssen. Klingers Bild bleibt voller Rätsel, weil es mit herkömmlichen theologisch/kirchlichen Denkfiguren bricht. Die Seele soll vom Leben und von der göttlich erzwungenen Liebe erlöst sein. Sie soll in das Irdische geführt werden, wo die Hoffnung auf Unsterblichkeit aufgehört haben darf – und dieses Aufhören kein Verlust ist, sondern Gewinn. Wenn die Götter klug sind, werden sie Psyche nachfolgen. Dass Psyche Christus gefolgt ist, nachdem er ihr und Amor das blaue Band gelöst hat, können wir bedenkenlos annehmen. Christus bringt ihr keine Unsterblichkeit, denn davon hatte man im Olymp genug. Er schenkt jene menschliche Sterblichkeit, die sonderbarerweise mehr zu sein scheint, als wir als Unsterblichkeit erhoffende Wesen gewöhnlich anzunehmen bereit sind.

Max Klinger: Christus im Olymp
(gemeinfreies Bild  WIKIMEDIA)
Max Klinger: Der Tod als Heiland
Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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