23.5.1949 - das Grundgesetz
„FAST HEILIGE SCHRIFT“
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Eine der bemerkenswerten Erscheinungen unserer geistigen Gegenwart ist, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich mit besonderem Nachdruck als säkular verstehen, unablässig auf der Suche nach Formen des Heiligen bleiben.
Der moderne Mensch mag die Kathedralen verlassen haben; die Frage jedoch, worauf ein Gemeinwesen letztlich gegründet sei, verlässt ihn nicht. Denn kein Staat lebt von Verfahren allein. Keine Ordnung besteht dauerhaft aus bloßer Verwaltung. Wo Menschen zusammenleben, entstehen notwendig Mitte, Symbol, Verpflichtung und eine Sprache der letzten Dinge.
In diesem Zusammenhang verdient das kleine essayistische Werk Fast heilig von Peter Sloterdijk besondere Aufmerksamkeit. Der Titel besitzt jene feine Ambivalenz, die für Sloterdijk charakteristisch ist: Ironie und Ernst zugleich. „Fast heilig“ — das klingt zunächst wie eine Provokation, beinahe wie ein kulturphilosophischer Scherz. Doch gerade in dieser vorsichtigen Distanzierung liegt die eigentliche Präzision des Gedankens.
Denn Sloterdijk behauptet keineswegs, das Grundgesetz sei eine Heilige Schrift im theologischen Sinne. Er weiß zu genau, dass Offenbarung nicht durch parlamentarische Prozesse erzeugt wird. Und dennoch erkennt er etwas, das viele Juristen, Politologen und auch Theologen der Gegenwart übersehen: dass moderne Demokratien Texte hervorbringen, die innerhalb ihrer politischen Kultur eine Funktion übernehmen, welche ehemals den großen sakralen Überlieferungen zukam. Der Satz des Grundgesetzes vom 23. Mai 1949
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“
steht deshalb nicht bloß am Anfang einer juristischen Ordnung. Er besitzt vielmehr den Charakter einer nachgeschichtlichen Beschwörung. Die Bundesrepublik Deutschland beginnt nach 1945 nicht mit einem Mythos des Blutes, nicht mit einem Triumphlied der Nation, sondern mit einer Grenzziehung gegen den Abgrund. Darin liegt die eigentliche Größe dieses Textes.
Sloterdijk versteht mit bemerkenswerter Klarheit, dass das Grundgesetz aus einer historischen Erschütterung hervorging, deren Ausmaß kaum überschätzt werden kann. Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Wahnsystems musste Deutschland gewissermaßen neu lernen, worin politische Legitimität überhaupt besteht. Die Antwort lautete nicht: Macht. Nicht: Herkunft. Nicht: geschichtliche Sendung. Sondern: Bindung an die Würde der Person.
Gerade hierin berührt Sloterdijks Deutung einen Punkt von tiefer anthropologischer Bedeutung. Denn jede dauerhafte Ordnung setzt voraus, dass der Mensch mehr ist als Material staatlicher Planung. Wo diese Voraussetzung verloren geht, beginnt früher oder später jene Kälte der Systeme, die den Menschen nur noch als verwaltbaren Faktor behandelt.
Bemerkenswert ist dabei, dass Sloterdijk nicht in jene einfache Verfassungsfrömmigkeit verfällt, die heute oft den öffentlichen Diskurs beherrscht. Er erkennt vielmehr die Gefahr der Ritualisierung. Worte können ihren Sinn verlieren, gerade indem sie unablässig wiederholt werden. Auch liturgische Sprache kennt dieses Problem. Ein Satz kann so oft gesprochen werden, dass sein inneres Feuer verlischt und nur noch Formel bleibt.
So stellt Sloterdijk indirekt die ernste Frage, ob die Gegenwart überhaupt noch versteht, aus welchem geschichtlichen Schrecken die Würdeformel des Grundgesetzes hervorging. Vielleicht lebt die Bundesrepublik heute vielfach von moralischen Guthaben, deren Ursprung sie vergessen hat.
Hier gewinnt der Essay eine Tiefe, die über politische Philosophie hinausweist. Sloterdijk nähert sich — vielleicht ohne es ausdrücklich zu wollen — dem alten Gedanken einer „Zivilreligion“, wie ihn bereits Jean-Jacques Rousseau andeutete und später Robert Bellah für die Vereinigten Staaten beschrieb. Jede politische Ordnung bildet Formen gemeinsamer Ehrfurcht aus. Sie besitzt Symbole, Gründungsworte, Tabus und Bekenntnisse. Selbst die säkulare Welt kann auf solche Elemente nicht verzichten.
An dieser Stelle wäre auch an Carl Schmitt zu erinnern, dessen berühmter Satz, die zentralen Begriffe der modernen Staatslehre seien säkularisierte theologische Begriffe, trotz aller problematischen Kontexte einen wahren Kern enthält. Denn tatsächlich lebt Politik immer auch von Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorbringen kann.
Und genau hierin liegt das Verdienst Sloterdijks. Er verteidigt das Grundgesetz nicht bloß als juristische Konstruktion, sondern als geistige Form. Er erinnert daran, dass Staaten nicht allein durch Ökonomie, Technik und Bürokratie bestehen, sondern durch symbolische Bindungen, durch gemeinsame Selbstbegrenzung und durch die Fähigkeit, bestimmte Sätze nicht dem wechselnden Nutzenkalkül zu opfern.
Das kleine Buch besitzt darum eine stille Würde. Es ist kein lauter Text. Keine ideologische Kampfschrift. Vielmehr eine philosophische Meditation über die fragile moralische Architektur der Bundesrepublik. Gerade seine Kürze wirkt dabei fast klassisch. Wie manche feinen Traktate früherer Jahrhunderte enthält es auf wenigen Seiten mehr geistige Spannung als umfangreiche akademische Systeme.
Man spürt in diesen Überlegungen zugleich Bewunderung und Sorge. Bewunderung für die erstaunliche geistige Leistung des Grundgesetzes. Sorge darüber, ob eine Gesellschaft auf Dauer von Formeln leben kann, deren metaphysische Tiefenschichten sie nicht mehr wahrnimmt.
Vielleicht liegt darin überhaupt die entscheidende Frage Europas: Ob eine Kultur die Früchte christlicher Anthropologie bewahren kann, nachdem sie den Glauben an deren Ursprung verloren hat.
Sloterdijks Essay ist zehn Jahre alt und zwingt heute mehr denn je dazu, diese Frage neu zu stellen. Und schon dafür verdient der kleine, kluge und ungewöhnlich konzentrierte Essay in dem durchaus umfangreichen Buch von 2016 unsere Aufmerksamkeit.
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„Fast heilige Schrift. Versuch über das Grundgesetz“ in: Was geschah im 20. Jahrhundert? Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft / Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. / ISBN: 978-3-518-46781-7
Autor:Matthias Schollmeyer |
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