Grammatikwunder
aus alter Zeit

„Ich werde tot gewesen sein.“ Ja, – so solle es eingemeißelt stehen. Kurt Fürchtegott Globnich, emeritierter Lehrer der Landesschule in Pforta, hatte sich mit dieser Bitte an den Pfarrer von Naumburg gewandt. Ob das wohl möglich sei. Gott bewahre – nicht schon jetzt. Aber irgendwann einmal, in ferneren Tagen? Als Grabsteindenkspruch! Der Geistliche bat Globnichen in seine Studierstube, und man war bald in ein Gespräch geraten, das es in sich hatte. Es war der Allerheiligentag im November 1855, hundert Jahre nach Lissabon.
Der Friedhof im kleinen Städtchen Naumburg an der Saale hatte eine Ordnung – und beileibe nicht alle Sprüche waren erlaubt. Der Pfarrer legte Globnichen deshalb nahe, in Übereinstimmung mit der Tradition seiner Kirche anders zu formulieren. Etwa: „Ich werde auferstehen!“ Aber der Alte schüttelte vehement sein Haupt, wobei er ausrief: „Herr Pfarrer, gerade von der Auferstehung weiß ja niemand.“ Und er für seinen Teil wolle nur das glauben, was man sicher wisse: Man sei es übrigens auch Kanten schuldig. Das genialische „Ich werde tot gewesen sein“ als futurum exactum von „ich werde tot sein“ bedeute ja sonnenklar, dass es auch mit dem Totsein einmal würde vorbei sein müssen. Wie mit allem anderen auch. „Ich werde tot sein!“ ja, damit fing es nur an. Aber wenn das Totsein dann vorbei sei, könne der nachfolgende Zustand ja nichts anderes sein – als eine Art sonderbares anderes Leben, nicht wahr? Nebenbei und zusätzlich wäre das endlich der Beweis der Auferstehung – und zwar aus dem Gesetze der Grammatik heraus.
Der Geistliche staunte. Er versuchte Globnichens Satz zurück zu übersetzen in das liebe Latein. Mortuus fuero – oder so ähnlich. Ich werde ein Toter gewesen sein – aber es gelang ihm nicht wirklich befriedigend. Wie staunte er … Über Globnichen, über dessen Satz, über sich selbst. Und rief seinem Besuch zu: „Ihr habet Recht, lieber Freund. Euer Satz ist sogar – wenn auch nicht besser – so doch einleuchtender als das „Ich werde auferstanden sein“. Denn dieses kann man nur glauben, Euern Spruch aber kann man zusätzlich sogar wissen. Freilich, zuerst stimmte mich das ‚Ich werde tot gewesen sein!‘ verdrießlich. Aber dann merkt man langsam aber sicher, wie die Grammatik des Seins stärker ist als das Gesetz der Toten.“

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