Von Frommen und Heiligen

Evangelische Heilige: In der Wittenberger Schlosskirche stehen die Reformatoren im Kirchenschiff links und rechts auf dem Sockel.
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Moral: Auch wenn an uns Christen oftmals hohe Erwartungen gestellt werden, müssen wir keine Heiligen sein, um gerettet zu werden.
Von Friedhelm Kasparick

In der DDR-Zeit sprach man über die Kirchgänger bisweilen etwas abschätzig von den »Heiligen«. »Du bist wohl auch heilig?«, konnte dann schon einmal ein Konfirmand von seinen Mitschülern gefragt werden, wenn er der Einzige in der Klasse war, der zum Konfirmandenunterricht ging.
Gemeint war: Benimmst du dich im Alltag anders als die Anderen? Betest du regelmäßig? Gehst du regelmäßig zum Gottesdienst? Glaubst du an Gott? Hältst du die zehn Gebote ein? Dahinter steht die Erwartung, wer sich Christ nennt, der muss sich auch anders verhalten, moralisch besser und untadelig leben.
Unbewusst wird hier die alttestamentarische Forderung zur Heiligung des täglichen Lebens erwartet: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig,
der Herr, euer Gott« (3. Mose 19.2ff, vgl. 1. Petrus 1,16). Dieser hohe Anspruch konnte im Laufe der Geschichte immer wieder dazu führen, dass Menschen versuchten, vollkommen zu sein. Heilig zu sein beschreibt dabei einen Zustand, in dem jemand oder etwas getrennt von jeder Art Verunreinigung ist. Das Heilige oder der Heilige ist demnach auf Grund seiner Reinheit vom gewöhnlichen Gebrauch oder von der Masse der Anderen getrennt. Dies führte einerseits oft zur Überheblichkeit von Menschen, die sich auf Grund ihres Verhaltens für etwas Besseres hielten und andererseits zur Entwicklung einer Heiligenverehrung, bei der die Heiligen eine Stellvertreterfunktion einnahmen und einer Idealisierung zum Opfer fielen.
In Anlehnung an die Märtyrer-Verehrung des frühen Christentums entstand die Überzeugung, dass die Heiligen, wenn sie ihr Leben für den Glauben gelassen hatten, sofort in den Himmel aufgenommen und dort bei Gott Fürsprache halten und für hilfesuchende Menschen eintreten würden. Die Reformatoren lehnten in Berufung auf Paulus (1. Timotheus 2,5) solch eine Mittlerfunktion der Heiligen kategorisch ab, hielten es aber dennoch für nützlich, der Heiligen als Vorbildern und guten Beispielen zu gedenken, »damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist.« (Augsburger Bekenntnis, Artikel 21).
Gut reformatorisch ist auch der Gedanke, dass es keines Heiligseins bedarf, um gerettet zu werden. Gottes Gnade kann nicht durch eine moralische Leistung erkauft werden, sondern sie ist die Bedingung und Voraussetzung für ein geheiligtes Leben. Heiligsein heißt demnach voller Gnade sein. Nicht begnadigt wie ein Verbrecher oder begnadet wie ein Künstler, sondern gnädig geliebt wie ein Kind. Wenn ich meine Mitmenschen mit den Augen der Liebe und mit Verständnis ansehe, dann kann ich in jedem Menschen etwas Heiliges entdecken. Jeder Mensch lebt von einer Akzeptanz, einem Wohlwollen, einer Wertschätzung, die ihm ohne Vorbedingung gelten muss, die weder erkämpft, erlitten, noch erarbeitet worden ist. Dies ist besonders in unserer Welt wichtig, die oft so gnadenlos und auf Leistung orientiert ist.
Die Erwartungen an uns Christen sind zum Teil so hoch, dass sich viele von der
Kirche abwenden, wenn etwa wieder ein Skandal unter den kirchlichen Mitarbeitern durch die Medien bekannt wird. Da kann man nur sagen: Skandale müssen aufgedeckt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber andererseits stimmt auch: Wir sind keine Heiligen, die alles richtig machen und fehlerfrei sind. Wer solches erwartet, muss enttäuscht werden. Vielmehr sind wir Christen Menschen, die sich immer wieder heiligen und heilen lassen. Das ist ein Unterschied.
Wenn die Bibel vom Heiligen Geist spricht, dann kann man auch übersetzen: der Geist, der heil macht, der Heil bewirkt. Um wieder heil zu werden, bedarf es aber einer Gemeinschaft. Allein heil zu werden ist eher ein Geschäft für Einsiedler, Mönche und Asketen. Heil werden in der Gruppe, geheilt werden durch die Gemeinschaft mit anderen, aber ist etwas, das allen Menschen gut tut. Es gibt immer mehr einsame Menschen in unserer Gesellschaft.
Und wir tun gut daran dem entgegenzuwirken, indem wir in Kirche und Gesellschaft Gruppen anbieten, in denen man sich treffen kann, wo jeder so angenommen ist, wie er ist und in denen ein heilender Geist wirkt, der Geist der Offenheit, der Zuwendung und der gegenseitigen Achtsamkeit. Es ist eine zentrale und überlebenswichtige Aufgabe unserer Zeit, dass wir uns der inneren Zerrissenheit der Gesellschaft annehmen, unseren Mitmenschen zuhören und ihre Nöte ernst nehmen. Denn nur so können seelische Wunden heilen und gesellschaftliche Gräben überwunden werden.
Es gilt, dem Unheil unserer Tage durch Liebe und Versöhnung zu begegnen. Das ist Heiligung des täglichen Lebens. Wir wissen, dass Geduld, emotionale Wärme, Zuwendung und Liebe für uns Menschen lebensnotwendig sind. Wenn wir dies uns selbst und unseren Mitmenschen gewähren, dann gelingt uns auch ein heiles Leben, das in aller Unvollkommenheit dennoch geheiligt ist.

Der Autor ist Pfarrer der Paulusgemeinde in Halle und Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Halle.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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