G7-Gipfe
Pilgerstätte für Prinz, Sinnsucher, Intellektuelle

Etwa 400 G7-Gipfelgegner gehen von Garmisch-Partenkirchen Richtung Elmau. Schon 2015 trafen sich Staats- und Regierungschefs hier.
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Ende Juni wird Schloss Elmau wieder Mittelpunkt der Weltpolitik: Die G7-Regierungschefs treffen sich nach 2015 erneut dort zu ihrem Gipfel. Gegründet wurde Schloss Elmau von Johannes Müller, einem völkisch inspirierten Theologen und Hitlerverehrer.

Von Christiane Ried 

Zum zweiten Mal nach 2015 wird das oberbayerische Fünf-Sterne-Luxushotel Schloss Elmau Treffpunkt der G7-Staaten. Denkwürdige Bilder von Obama, Merkel & Co. vor einer beeindruckenden Alpenkulisse gingen vor sieben Jahren um die Welt. Nicht zuletzt das berühmte Weißwurst-Frühstück des damaligen US-Präsidenten Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei strahlendem Sonnenschein mit Trachtlern und Blasmusik sorgte für einen sprunghaften Anstieg der Touristenzahlen in der Region. Das Treffen vor Bilderbuchkulisse hatte offenbar Eindruck in der Welt hinterlassen.

Hintergrund

Der G7-Gipfel vom 26. bis 28. Juni ist bereits der zweite auf Schloss Elmau in Oberbayern. Insgesamt war die Bundesrepublik bislang sechs Mal Gastgeber der Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrienationen. 1999 und 2007 war die Runde um den russischen Präsidenten zum G8-Gipfel erweitert.

Die Tagungsorte:
1978 in Bonn
1985 in Bonn
1992 in München
1999 in Köln
2007 in Heiligendamm
2015 in Elmau

Für die Sicherheitsbehörden liegt Schloss Elmau nahezu perfekt. Die Demonstranten und Gipfel-Gegner tummelten sich 2015 in Garmisch-Partenkirchen, für den Aufstieg nach Schloss Elmau auf 1.008 Höhenmetern waren sie nicht vorbereitet. Die massive Polizeipräsenz tat ihr Übriges: Die G7-Regierungschefs bekamen von Demonstrationen so gut wie nichts mit. Vom 26. bis 28. Juni findet nun der zweite Gipfel auf Schloss Elmau statt. Erbaut wurde es zwischen 1914 und 1916 von dem protestantischen Theologen, Johannes Müller (1864-1949).

Müller habe zu den «markantesten Erscheinungen des freien Protestantismus am Rande der Kirchen» gehört, sagt der Historiker von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU München, Harald Haury, der über Müller seine Dissertation geschrieben hat. Müllers Biografie mit seinem «intensiven Leiden an der Moderne» sei typisch für viele reformbewegte Kulturkritiker und Heilsverkünder des Fin de Siècle gewesen, sein Ziel die Bekehrung der Menschen zu einer neuen Kultur. Müller wurde recht schnell ein viel gelesener Autor, der mehr als 40 Bücher veröffentlichte, und ein bekannter Vortragsredner, der große Säle füllte. Außerdem arbeitete er als Therapeut und Lebensberater.

1897 gründete er eine eigene Zeitschrift, die «Blätter zur Pflege des persönlichen Lebens», die 1914 in «Grüne Blätter» umbenannt wurden, wie Haury erläutert. 1903 eröffnete Müller auf Schloss Mainberg bei Schweinfurt eine erste «Pflegestätte persönlichen Lebens», an dessen Stelle 1916 der Neubau Schloss Elmau trat. Auf der Homepage von Schloss Elmau selbst heißt es, dass Müller einen «Freiraum des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens» schaffen wollte. Bei Kulturveranstaltungen mit viel Prominenz sollten sich die Gäste hoch oben in den Bergen der «lebendigen Wirklichkeit Gottes» bewusst werden und - laut Haury - dem Geheimnis des «persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens» nachgehen.

Bald pilgerten Sinnsucher, Bewunderer und Intellektuelle nach Schloss Elmau, unter ihnen Prinz Max von Baden, die Malerin und Kandinsky-Lebensgefährtin Gabriele Münter oder der Theologe Adolf von Harnack.  «Er verschmolz in seiner Lehre christliche Elemente mit völkischen und lebensreformerischen Versatzstücken», heißt es auf einer Internetseite der Bundesregierung anlässlich des vergangenen G7-Gipfels über Müller. «Zeitweise war er auch Fürsprecher und Anhänger nationalsozialistischer Gedanken und verehrte Hitler.»

Müllers Verhältnis zum NS-Regime sei ambivalent gewesen: «Einerseits sprach er sich gegen den Antisemitismus aus - was dazu führte, dass die Nazis seine Schriften verboten. Andererseits sah er in Hitler den 'von Gott gesandten Führer' und bekannte sich mit Nachdruck zur 'Wiedergeburt des deutschen Volkes'.»

Seit dem Kaiserreich habe Müller als Vordenker einer Germanisierung des Christentums gegolten, seine Botschaft sei völkisch inspiriert gewesen, erklärt auch Haury. Adolf Hitler und dessen Antisemitismus habe Müller anfangs zwar abgelehnt. Während des NS-Regimes aber habe Müller verlauten lassen, die «einheimischen Juden» sollten ihre Liebe zu Deutschland nun dadurch unter Beweis stellen, dass sie die Schikanen gegen sich klaglos über sich ergehen lassen sollten, sagte Haury. «Es ist besser, dass ein Mensch sterbe, als dass das ganze Volk verderbe», schrieb Müller.

Am Ende zeigte sich Müller überzeugt, dass «Deutschtum und Judentum» unvereinbar seien. Deutschland habe das Recht «völkischen Notschutzes», wenn es das «Fremde» austreibe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Müller von den Alliierten in einem Entnazifizierungsverfahren als «Hauptschuldiger» wegen seiner «Verherrlichung von Hitler in Wort und Schrift» und der breiten Wirkung seiner Ansichten verurteilt. Er starb am 4. Januar 1949 in Elmau.

Schloss Elmau wurde unter bayerische Verwaltung gestellt, war kurzzeitig Lazarett und Erholungsheim für Tuberkulosepatienten. Seit 1961 - und nach erfolgreicher Revision gegen das Urteil der Entnazifizierungsspruchkammer gegen Müller - ist es wieder im Besitz der Familie, die sich heute Müller-Elmau nennt.

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Familie eigenen Angaben zufolge mit Symposien vor allem im Bereich der deutsch-jüdischen Verständigung. Zu Gast sind regelmäßig Intellektuelle und Geisteswissenschaftler aus aller Welt. Auch die damalige Bundeskanzlerin Merkel begründete die Wahl des Schlosses Elmau zum G7-Treffpunkt mit der reizvollen Lage - und dem politischen Engagement der Familie Müller-Elmau.

(epd)

Autor:

Online-Redaktion

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