Mitgliederstatistik: Abwärtstrend bei Kirchen hält an
Eine Million weniger

Nach den Skandalen um den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und den Umgang damit, vor allem im römisch-katholischen Erzbistum Köln, ist es nicht verwunderlich: Die beiden großen Kirchen in Deutschland verlieren weiterhin Mitglieder in Größenordnungen. Mit Reaktionen aus Mitteldeutschland.

Von Benjamin Lassiwe

Zum 31. Dezember 2020 gehörten noch 20,2 Millionen Menschen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. 22,19 Millionen Menschen waren römisch-katholisch. Ein Jahr zuvor, am 31. Dezember 2019, gehörten 20,7 Millionen Menschen der evangelischen und 22,6 Millionen der katholischen Kirche an. Beide großen Kirchen verloren 2020 also jeweils rund 500 000 Mitglieder durch Tod und Austritt.

Nur Sachsen schrumpft langsamer

Wie aus der am 14. Juli erschienenen Broschüre „Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben in Deutschland“ hervorgeht, die jedes Jahr im Sommer vom Kirchenamt der EKD erstellt wird, gehörten der anhaltischen Kirche Ende 2020 noch 28 403 Mitglieder, der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland 658 693 und der sächsischen Kirche 647 238 Mitglieder an.
Deutlich wird der Aderlass der Kirchen in der Region vor allem im langfristigen Vergleich: Ende 2010 hatte Anhalt noch fast 46 000 Mitglieder, Mitteldeutschland 858 000 und Sachsen 746 000. Die EKM hat in den letzten zehn Jahren also fast ein Viertel ihrer Mitglieder verloren, Anhalt sogar mehr als ein Drittel, nur in Sachsen war der Rückgang mit 13,24 Prozent geringer.

Mehr Austritte als kirchliche Bestattungen

Was indes bemerkenswert ist: Aus der bundesweiten Statistik der EKD geht hervor, dass vor allem die Zahl der Kirchenaustritte immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ihre Zahl war mit 266 738 vergangenen Jahr größer als die Zahl der 255 338 Menschen, die mit kirchlichem Geleit bestattet wurden. Gleichzeitig bewegte sich die Zahl der Austritte auf etwa demselben Niveau wie 2019, als 270 000 Menschen die evangelische Kirche verlassen hatten.
Auch hier zeigt sich das Wachstum aber am Besten im Langfristvergleich: 2010 lag die Zahl der evangelischen Kirchenaustritte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bei gerade einmal 145 250, während mit 292 602 Menschen etwa ein Viertel mehr Menschen mit kirchlichem Geleit bestattet wurden. Die Zahlenverhältnisse haben sich also in den letzten zehn Jahren deutlich zum Mitgliederverlust durch Austritt hin verändert.
Auskunft zu Motiven für einen Kirchenaustritt bietet unterdessen eine Pilotstudie der Evangelischen Landeskirchen in Württemberg und in Westfalen, deren Ergebnisse der Kirchenzeitung vorliegen: Von Oktober 2020 bis März 2021 haben beide Landeskirchen etwa 40 Personen pro Monat, die im Vormonat aus der Kirche ausgetreten waren, zu den Motiven ihres Kirchenaustritts befragt. Rund 61 Prozent der Befragten, also etwas mehr als die Hälfte, beteiligte sich an der Studie. Deutlich wurde dabei vor allem die Bedeutung der Kirchensteuer:

Hauptgrund: Kirchensteuer

Knapp 75 Prozent der Befragten erklärten in der Studie, sie könnten ihren Glauben auch ohne die Kirche leben und nannten die Steuer als einen Hauptgrund ihres Austritts. 37 Prozent der Ausgetretenen ärgerten sich über kirchliche Stellungnahmen und 27 Prozent über politische Äußerungen der Kirche.
„Für die Befragten unter 40 Jahren waren es aber vor allem der Glaubensverlust und eine Nutzen-Abwägung, die zum Kirchenaustritt führten“, heißt es in der Studie. Keine Rolle spielten dagegen Abwanderungen in andere Kirchen. „Konfessionswechsel sind zahlenmäßig ein Randphänomen“, heißt es in der Studie. Das gelte sowohl für den Übertritt zu Katholiken als auch für den Übertritt zu Freikirchen.

Kirche wird auch in Zukunft Bestand haben

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und die Evangelische Landeskirche Anhalts haben im vergangenen Jahr 2020, das maßgeblich durch die Corona-Pandemie geprägt war, erneut deutlich Mitglieder verloren. Die Gründe dafür seien vielfältig, so Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig in der aktuellen Ausgabe der in Weimar erscheinenden Mitteldeutschen Kirchenzeitung "Glaube+Heimat".

Es habe pandemiebedingt weniger Taufen gegeben, die Neuaufnahmen seien stabil geblieben, erläuterte der leitende Geistliche. Die Zahl der Kirchenaustritte habe etwas abgenommen. "Gleichwohl ist es besonders bedauerlich, wenn Menschen – aus ganz unterschiedlichen Motiven – der Kirche den Rücken kehren", so Liebig in einer Erklärung. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Landeskirche hätten sich in der schwierigen Coronazeit mit großem Engagement darum bemüht, das Gemeindeleben nicht abbrechen zu lassen. Vor diesem Hintergrund sei der Rückgang der Mitgliederzahl besonders schmerzhaft. Es bleibe aber die Gewissheit, "dass Kirche wie schon seit 2000 Jahren auch in Zukunft Bestand haben wird", ist sich Liebig sicher.

Der Leiter des Dezernats Bildung und Gemeinde im Landeskirchenamt der EKM, Christian Fuhrmann, hält die Statistik des vergangenen Jahres für ein "Zerrbild" und "nicht wirklich aussagefähig". Der starke Einbruch insbesondere bei Taufen und Trauungen hänge damit zusammen, "dass die üblicherweise damit verbundenen Familienfeiern nicht oder nur eingeschränkt stattfinden konnten." Der Rückgang der Gemeindemitglieder habe bei fast zwei Dritteln der Fälle das Versterben als Grund, rund ein Drittel sei ausgetreten, so der Oberkirchenrat im Gespräch mit der Kirchenzeitung.

Fuhrmann sagte, dass die genauen Auswirkungen zwischen dem Mitgliederrückgang und Kirchensteuereinnahmen oder dem EKD-Finanzausgleich sich noch nicht beziffern ließen. Dem Mitgliederschwund wolle man mit vielfältigen Projekten der sogenannten Erprobungsräume begegnen. "Und wir müssen uns bei der Mitgliedschaftsfrage im Konzert aller Gliedkirchen der EKD auf einen theologisch begründeten Weg machen", so Fuhrmann weiter. Das ständige Starren auf den Schwund allein sei dabei nicht hilfreich.

Autor:

Willi Wild

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